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So retten Mieter ihr Haus vor Investoren

Das Mietshäuser-Syndikat kauft Häuser, in denen Gruppen selbstbestimmt wohnen können. Eine erfolgreiche Idee, obwohl der Markt enger wird.

Etwa 30 Menschen gehören der Gruppe "Weinberg 21" an, die sich einen Dreiseithof in Dresden-Oberpoyritz gekauft hat.
Etwa 30 Menschen gehören der Gruppe "Weinberg 21" an, die sich einen Dreiseithof in Dresden-Oberpoyritz gekauft hat. © Matthias Rietschel

Gestrüpp legt sich wie eine Decke aus Gras und Bäumen über das Gelände, Geröll und Zäune trennen es von der Außenwelt ab. Das Grundstück an der Vorwerkstraße 24 im Dresdner Stadtteil Friedrichstadt gehört zu den begehrtesten Flächen der Stadt. Denn es ist noch zu haben. Nora und Thomas wollen die Brache mit ihrem Verein bebauen und bewohnen. 

Ein halbes Jahr haben sie an der Bewerbung gearbeitet, die bis zum 23. April bei der Stadt eingehen musste. Die beiden sitzen über Saftschorlen und Plänen in einem Biergarten. „Wohnraum wird knapper, Wohnungen immer kleiner, die Mieten steigen ins Unermessliche und die Menschen vereinsamen“, erklärt Thomas, warum er in einer Gruppe wohnen will. Bei Nora sei es das „starke Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Wohnen, was verbindlicher als eine WG ist. Ich habe auf keinen Fall Lust, alleine alt zu werden.“

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Rund 160 Syndikats-Projekte in Deutschland

Normalerweise hätte ihr Verein Wohnkultur kaum Chancen auf die 1.330 Quadratmeter, die seit 1945 brachliegen. Bei einem Bieterwettbewerb würde ein Investor ihr Angebot überbieten, ein Haus mit vielen Wohnungen bauen und viel Gewinn machen. Doch die Stadt Dresden, der das Grundstück gehört, wendet sich von ihrem Kurs ab. Wer es zum Festpreis von derzeit 346.500 Euro haben will, muss auf soziales und kollektives Wohnen setzen. 

Die Wohngruppe "Wohnkultur" hat sich für das Grundstück an der Vorwerkstraße 24 im Dresdner Stadtteil Friedrichstadt beworben.
Die Wohngruppe "Wohnkultur" hat sich für das Grundstück an der Vorwerkstraße 24 im Dresdner Stadtteil Friedrichstadt beworben. © Matthias Rietschel

Angebote mit einer „besonders innovativen und nachhaltigen, auch den Klimaschutz fördernden Bauweise“ werden der Ausschreibung nach „bei ansonsten gleichwertigen Geboten besonders berücksichtigt.“

Als Beispiel für mögliche Bewerber nennt die Stadt erstmals das Mietshäuser-Syndikat, dem der Verein Wohnkultur angehört. Das Mietshäuser-Syndikat ist eine 1992 in Freiburg gegründete, nichtkommerzielle Beteiligungsgesellschaft, die Gruppen dabei hilft, Häuser zu kaufen. Im Gegenzug verpflichten die sich dazu, diese nie wieder zu verkaufen. 

Eine Waschmaschine für alle

Die Grundstücke verschwinden vom Kapitalmarkt. Rund 160 Syndikats-Projekte gibt es in Deutschland; die meisten in Baden-Württemberg, die zweitmeisten in Sachsen. 25 Syndikatshäuser gibt es in Leipzig, Dresden, Chemnitz, Görlitz, Tharandt, Neukieritzsch, Plauen und Gersdorf, weitere entstehen.

Auch in Frankreich, Österreich und Dänemark gibt es Ableger. „Die Leute wollen sich nicht mehr von ihren Vermietern fremdbestimmen lassen“, sagt Katja. Die 40-Jährige lebt mit 30 Menschen, die Hälfte davon Kinder, auf einem Dreiseithof im Dresdner Außenstadtteil Oberpoyritz. Den einstigen Bauernhof haben sie 2016 gekauft und „Weinberg 21“ getauft.

In einer größeren Gruppe wollte die gebürtige Dresdnerin, die in Holland und Berlin lebte, schon länger wohnen. „Ich finde es gut, Ressourcen zu teilen. Dass man Auto, Telefon, Waschmaschine für mehrere hat. Auch der Austausch, die Freiheit. Mit der eigenen Familie auf vier Wänden stößt man an Grenzen. Jetzt komme ich nach Hause und die Kinder können in den Garten losrennen. In einer Stadtwohnung musst du immer planen.“ 

Ein Millionenprojekt

Katja setzt sich an einen Holztisch, der schon viele Jahreszeiten erlebt hat. Blumen, Kuchen und Brombeeren malen ein buntes Stillleben auf die abgewetzte Oberfläche. Es ist noch warm, an einer Leine trocknen kleine Kinderhosen und große Hemden, zwischen einem überdachten Matratzenlager, Beeten, Bäumen und der Feuerstelle grasen Schafe. Katjas Sohn sammelt Hühnereier auf, ihre Tochter liegt unter einem Baum und liest.

Katja und die anderen finden sich damals über Aushänge in Bioläden und über Mundpropaganda. Der Hof kostet 800.000 Euro, die Sanierung 1,2 Millionen. Einen Großteil der Arbeiten leisten sie selbst. „Es war schnell klar, dass niemand ein Leben lang mit der Verantwortung von Privatbesitz belastet sein möchte.“ Sie entscheiden sich, Mitglied im Mietshäuser-Syndikat zu werden. 

Im Gegensatz zu den meisten Genossenschaften ist hier kein Privateigentum nötig. Um ein Haus zu kaufen, besorgt man Darlehen und Kredite, die über 30 Jahre hinweg als Miete abbezahlt werden. Um über das Syndikat zu kaufen, muss die Gruppe einen Hausverein gründen und dann als gleichberechtigter Gesellschafter gemeinsam mit dem Syndikat eine Hausbesitz GmbH bilden – die kauft das Haus.

Regelmäßiges Plenum

Das Syndikat steuert die Hälfte des Stammkapitals in Höhe von 25.000 Euro bei, das für die Gründung der GmbH anfällt. Sie berät auch bei Finanzierung, Organisation und sozialem Zusammenleben. Das Geld fließt über den Solidarbeitrag zurück, damit Mittel für neue Projekte da sind. Entscheider im Haus sind die Bewohnerinnen und Bewohner. Einen klassischen Eigentümer gibt es nicht. 

Auf dem mehr als 3.000 Quadratmeter großen Grundstück gibt es Ziegen und Kaninchen, eine Feuerstelle, ein überdachtes Matratzenlager.
Auf dem mehr als 3.000 Quadratmeter großen Grundstück gibt es Ziegen und Kaninchen, eine Feuerstelle, ein überdachtes Matratzenlager. © Matthias Rietschel

Wie die Immobilie saniert wird, in welcher Form die Leute darin wohnen, all das entscheiden sie selbst. Nach Vorgabe des Syndikats darf die Gruppe neben dem Verbot, ihr Haus zu verkaufen, keinen Gewinn machen, nur Rücklagen bilden. Ein Hausprojekt darf niemanden verdrängen und die Mieten sollen auch für Sozialhilfeempfänger bezahlbar sein. Im „Weinberg 21“ zahlt man pro Quadratmeter 7,75 Euro kalt. Wenn jemand auszieht, zahlt dessen Nachmieter für ihn weiter.

Auf dem Weg zum eigenen Haus springen einige aus Katjas Gruppe ab, weil sie nicht darauf verzichten wollen, Privateigentum zu vererben. Anderen sind die wöchentlichen Bau-Einsätze zu viel. Von dem Haus, in dessen einstigem Pferdestall Katja inzwischen Yoga-Stunden gibt, stehen nach der Entkernung nur noch die Mauern und ein paar Balken. Alles andere haben die späteren Bewohner selbst erneuert. Das Syndikat rät, sich regelmäßig zum Plenum zu treffen. 

Eine Scheune, groß wie ein Flugzeug

Die meisten Projekte machen einstimmige Entscheidungen zum Grundsatz. Bei Uneinigkeit verhandelt die Gruppe so lange, bis sie einen Kompromiss findet. „Viele Freunde sagen: Ist ja schön bei euch, aber ich könnte das nicht“, erzählt Katja. „Man muss eben mit dem Bewusstsein rangehen, dass man seine eigenen Wünsche und Vorstellungen nicht oben anstellen kann.“

Am Anfang habe es sich mit den anderen unbeschwert angefühlt. „Mit der Zeit verfliegt die Anfangs-Euphorie. Dann arbeitet sich wie in jeder Beziehung was ab.“ Man trifft sich anfangs zum Kennenlernen, um Räume aufzuteilen, Finanzen zu planen. Als der erste Teil fertig ist, zieht ein Teil der Leute ein: Fünf Erwachsene und sechs Kinder in drei Zimmern, Jurte und Gartenhütte. „Es war eine harte Zeit.“ 

Die Treffen werden immer persönlicher, es geht um Wut, Neid, Ungerechtigkeiten, Geld und Einfluss. Neben dem Plenum trifft man sich mehrmals im Jahr zu einem Gruppen-Wochenende. „Es hilft, im Bewusstsein zu wachsen und an sich zu arbeiten: Wie können wir es uns gegenseitig leichter machen, einander zu begegnen?“

Seit vergangenem Jahr wohnen alle in eigenen Räumen. Drei Neue sind ein- und andere ausgezogen. „Ich kann mir vorstellen, dass es manchen ungerecht vorkommt, wenn sie alles gebaut haben und andere kommen dazu. Aber ich denke mir: Es bleibt ganz viel zu tun.“ Als Nächstes wollen Katja und ihre Mitbewohner die Scheune renovieren, die so groß ist, dass auch ein Flugzeug oder eine Walfamilie darin wohnen könnten.

Einer unterrichtet, einer kocht

Nicht alle Träume haben sich für Katja erfüllt. „Einige Leute haben immer noch eigene Waschmaschinen, ziehen sich lieber in ihre Familien zurück als in der Gemeinschaft zu kochen. Aber es geht hier eben auch nicht nur um meine Wünsche. Ich habe erkannt, dass nicht alle das gut und richtig finden müssen wie ich.“ Mit einigen sei sie mehr zusammengewachsen als mit anderen. Auf dem Dreiseithof in der Gemeinschaft alt zu werden, kann Katja sich immer noch vorstellen. „Sonst wäre ich nicht mehr hier“, sagt sie und grinst.

Den Wert der Gemeinschaft habe man auch beim Corona-Lockdown bemerkt. Die meisten Kinder aus der Klasse ihrer Tochter Selma hätten sich beklagt, ihnen fehlten andere Kinder. Selma nicht. Auch als die Schulen geschlossen waren, ging die Elfjährige zum Unterricht. Zu Hause. „Wir haben organisiert, dass jeden Tag ein Erwachsener unterrichtet und einer kocht.“

Die Bewohner des "Weinberg 21" in ihrem Garten.
Die Bewohner des "Weinberg 21" in ihrem Garten. © Matthias Rietschel

Katja berät inzwischen ehrenamtlich werdende Syndikats-Mitglieder. Wenn sicher ist, dass die Gruppe das Prinzip verstanden hat und der Finanzplan steht, geht ein Protokoll an alle Mitglieder in Deutschland. Auf der nächsten Versammlung entscheiden Hunderte über die Aufnahme. Neben der Finanzierung sind etwa rechtsextreme oder verschwörungstheoretische Gesinnung ein Ablehnungsgrund. „Oder wenn der Eindruck entsteht, dass nicht alle in dem Projekt gleichermaßen in das Wissen, in die Aufgaben und in die Mitbestimmung einbezogen werden.“ Jeden letzten Mittwoch im Monat gibt es einen Beratungsabend in einem der sechs Dresdner Syndikatshäuser.

Viele Projekte scheitern

An diesem Herbstmittwoch ist es die „Koko3“, ein Altbau in Pieschen. Eine Hollywoodschaukel, Klapp- und Holzstühle reihen sich im Hinterhof um Tische, deren Beine im Laub versinken. Immer wieder haben Gruppen, die sich hier vorgestellt haben, am Ende aufgegeben. Weil der Verkäufer, der ihnen mündlich das Haus zugesichert hatte, doch an einen Investor verkaufte. Weil sie erst gar kein bezahlbares Haus gefunden haben. Weil man sich irgendwann frustriert zerstritten hat.

Das Projekt Luftschloss, acht Erwachsene und vier Kinder, die zusammen leben wollen, sucht seit fünf Jahren. Über Zwangsversteigerungen, über die Stadtverwaltung. „Wir sind super frustriert“, sagt eine Vertreterin. „Der Wohnungsmarkt ist zu krass.“ In Radebeul habe man eine Villa gefunden, „die richtig geil war, aber eine Baufirma hat uns überboten.“ Zuletzt sollte es ein Haus in Dresden-Löbtau werden, „wir waren ganz euphorisch“. 

Dann stellte sich heraus, dass der Boden giftig und die Entsorgung zu teuer war. Man erweiterte den Radius. Meißen wäre noch okay. Heidenau auf keinen Fall. „Wir brauchen dringend mehr Erben, die an uns denken“, stellt die Beraterin fest. Die Stadt Dresden habe mit dem Verkauf von 40.000 Wohnungen zum Problem beigetragen.

Fledermaus-Nistkästen

Das Grundstück an der Vorwerkstraße 24 in Friedrichstadt ist seinem Verkauf inzwischen ein Stück näher gekommen. Das Gestrüpp, das sich seit 1945 darauf ausbreiten konnte, muss langsam bangen. Wie die Stadtverwaltung im Oktober auf Anfrage mitteilt, habe sie zwei Bewerbungen herausgefiltert, „welche die konzeptionellen Zielstellungen (...) am besten erfüllten“. Die vom Verein Wohnkultur ist dabei. Man habe ausgelost, wer das Grundstück erhält. Das Ergebnis will die Stadt im zweiten Quartal 2021 veröffentlichen.

Wenn „Wohnkultur“ den Zuschlag erhält, wäre es der erste Dresdner Neubau im Syndikat. Bisher gibt es nur sanierte Altbauten: Die „Mangelwirtschaft“ in Übigau, die ehemalige Bahn-Kantine in Friedrichstadt, ein früheres Genossenschaftshaus in Leubnitz-Neuostra oder die Robert-Matzke-Straße 16, eine ehemals besetztes Haus und immer wieder Anschlagsziel von Rechtsextremen.

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In den beiden geplanten Neubauten von „Wohnkultur“ sollen 35 Menschen aus allen Altersgruppen in 13 Einheiten leben. Mit seniorengerechten und barrierefreien Wohnungen, einem Nachbarschaftscafé, einem Garten, einem Spielplatz auch für die Nachbarschaft, einer Photovoltaikanlage und Fledermaus-Nistkästen. Sollte es eine Absage geben, muss man sich aufteilen. Für 35 Menschen findet sich kaum ein anderes Gebäude. Nora sagt: „Aufgeben wäre keine Option.“

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