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Hausheben am Modell

Das Hochwasserschutzprojekt in Brockwitz geht in die nächste Runde. Dafür haben Anwohner jetzt viele Ideen geliefert.

© Norbert Millauer

Von Ines Scholze-Luft

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Die SPD-Bundestagsfraktion stellt sich auf dem Heinrichsplatz in Meißen den Anregungen und Sorgen der Bürger*innen. Mit dabei ist auch Franziska Giffey.

Brockwitz. Was würde ich tun, um mein Haus vor der Elbe zu schützen? Stützen unters Holzhaus bauen? Einen Betonsockel unterm Altbau errichten? Das Gebäude anderweitig hochwasserfest machen?

Damit haben sich Bewohner flutgefährdeter Brockwitzer Häuser kürzlich sehr intensiv beschäftigt. Nicht im stillen Kämmerlein, sondern gemeinsam unter kundiger Diskussionsführung beim Workshop zum Thema Hausheben. Was inzwischen Hoffnung Nummer eins ist für den Flutschutz in dem Elbdorf, weil der gewünschte Deich kaum realisierbar scheint.

Beim Hausheben – seit dem Hochwasser 2013 im Gespräch – ist Coswig dagegen ein gutes Stück vorangekommen. Schnell wurde klar: Das Projekt ist viel mehr als eine technische Herausforderung. Und ohne gründliche Vorbereitung, ohne Untersuchung aller wichtigen Faktoren nicht machbar. Seit dafür Spezialisten gefunden und vor knapp einem Jahr Fördermittel bewilligt wurden, läuft das auf Hochtouren.

Jetzt kennen die Brockwitzer den aktuellen Stand. Zum Info-Abend fanden sich die Wissenschaftler im Gerätehaus ein, um über erste Ergebnisse zu informieren. Die Anwohner konnten ihre wichtigsten Fragen, Bedenken und Wünsche loswerden.

Was sie unter anderem bewegt: Weshalb ist noch kein Hochwasserschutz realisiert? Können alte und neue Häuser gehoben werden? Wie wird das bezahlt? Bleibt das Ortsbild erhalten? Was wird mit Tieren und Pflanzen? Wäre ein Deich nicht billiger? Wie lange dauert das Heben, können die Bewohner im Haus bleiben? Könnte ein besseres Talsperren-Regime Hochwasser vorbeugend minimieren?

Nicht auf alles gab es schon eine Antwort, schließlich ist noch vieles zu recherchieren, zu prüfen, abzustimmen. Allerdings machte Robert Schwarze von der TU Dresden deutlich, dass sich große Hochwasserereignisse durch Talsperren nicht bändigen lassen. Die Elbe brauche Platz. Der durch einen Deich reduziert würde, durchs Hausheben weniger. Das charakteristische Hochwasser gibt es nicht, sagte der Hydrologe. Doch die Ereignisse lassen sich typisieren, dadurch unterschiedliche Belastungen verdeutlichen und Schlussfolgerungen fürs Hausheben ziehen.

Dirk Carstensen, Professor für Wasserbau und Strömungsmechanik von der TH Nürnberg, entwickelte mit seinem Team ein Hochwassercomputermodell, mit dem sich Strömungsdetails und Wasserstände präzise berechnen lassen. So wird Brockwitz detailliert aufgelöst dargestellt. Um zu ermitteln, welche Häuser wie gehoben werden könnten.

Wie sich Haushebung mit möglichst wenigen Eingriffen ins Umfeld umsetzen lässt, wollen die Fachleute um Marco Neubert vom Leibnitz-Institut für ökologische Raumentwicklung Dresden wissen. Was passiert mit Flora und Fauna? Die Untersuchung ergab beispielsweise 48 Vogelarten einschließlich Wachtelkönig. Auch Fledermäuse, aber keine streng geschützte Art. Nichts, was gegen das Hausheben spricht.

Die Denkmalpfleger der TU Dresden betrachten das Hausheben mit seinen Auswirkungen aufs Ortsbild. Die Kirche bleibt im Dorf, sagte Architekt Nils Schinker.

Verschiedene Hebeverfahren wurden ebenfalls angesprochen. Anheben unterhalb der Kellersohle, nur ein Geschoss, nur das Dach? Studenten und Mitarbeiter der Hochschule Ostwestfalen-Lippe – im vergangenen Herbst zur Bestandsaufnahme vor Ort – zeigten eine kleine Ausstellung mit Entwürfen, mit Haushebevorschlägen aus aller Welt. Das große bunte Brockwitz-Modell haben sie ebenfalls gebaut.

Auch die Brockwitzer selbst haben gebaut, besser: gebastelt, ihre Vorstellungen umgesetzt mit Schere, Papier und Styropor. Denn die Wissenschaftler wollten nicht nur erfahren, wie sie die Hochwasserereignisse bisher erlebt haben, wie sie damit zurechtgekommen sind. Sondern auch, wie sie den Schutz durchs Hochheben für ihr Haus ganz konkret sehen.

Schließlich soll am Ende eine Lösung für die Brockwitzer stehen, mit der alle zurechtkommen, bei der denkmalgeschützte Häuser genau so ihren Platz haben wie neue, sagt Ordnungsamtschef Olaf Lier, der das Projekt seitens der Stadt betreut.