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Heftige Emotionen um Dürninger-Laden

Am Mittwoch soll es an einem runden Tisch um eine mögliche Zukunft des Lebensmittelgeschäftes in Herrnhut gehen.

© Repro: SZ-Bildstelle

Von Anja Beutler

Herrnhut. Es ist selten, dass ein Streit so emotional und so öffentlich in Herrnhut geführt wird, wie dieser: Seit einigen Wochen steht fest, dass Dürninger zum 31. Oktober seinen Lebensmittelladen in Herrnhuts Stadtmitte schließen will. Das ist bei vielen in der Stadt schlecht angekommen, weil sich viele überrascht und überrumpelt fühlten von dieser symbolträchtigen Entscheidung. Die Erregung kulminierte bei der jüngsten Ratssitzung in der ersten Septemberwoche. Dabei sorgte auch die Aussage von Stadtrat Peter Tasche (Herrnhuter Liste) für Zündstoff, der vor dem Rat erklärte: Die Erwachsenenwohngruppen der Diakonie werden zum Jahreswechsel auf Selbstversorgung umstellen und hätten das Dürninger auch angekündigt. Somit hätte Geschäftsführer Albrecht Kittler trotz dieser Information zu möglichen neuen Umsatzquellen dennoch das Aus beschlossen.

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Genau diese Behauptung weist der Dürninger-Chef aber rundweg ab: „Ich habe davon nichts gewusst, denn das wäre durchaus ein wichtiges Entscheidungskriterium gewesen“, sagt er der SZ. In seinen Augen solle mit solchen Behauptungen Stimmung gemacht werden, schätzt er ein. In der Tat bestätigt Tasche, dass er das Vorhaben der Diakonie als Zuständiger für die betreffenden Wohngruppen nicht persönlich an Kittler weitergegeben habe. Die Kommunikation ist über eine Mitarbeiterin und die Geschäftsstellenleiterin des Ladens gelaufen. Beide Damen konnten dabei wohl nicht ahnen, wie konkret und wie weitreichend diese Information gemeint war.

Dass persönliche Befindlichkeiten das Verhandeln nicht leichter machen, ist unschwer zu übersehen. Dennoch wird es an diesem Mittwoch eine Art runden Tisch geben. Die Brüdergemeine wird dabei sein, Vorstand und Geschäftsführung von Dürninger natürlich auch. Man wolle alle relevanten Gruppen an einem Tisch haben, sagt Brüdergemeine-Pfarrer Peter Vogt. Auch im jüngsten Gemeinrat – eine Vollversammlung der Kirchgemeinde – habe das Thema eine wichtige Rolle gespielt. „Es ist ein bisschen wie beim Brexit: Alle schütteln den Kopf über die Dinge, die geschehen, und am Ende gewinnt bei der Sache niemand“, fasst Vogt die Lage zusammen.

Dass alternative Formen für den Fortbestand eines Lebensmittelladens nun im Fokus stehen, liegt auf der Hand. Während in der vergangenen Woche erst einmal alle Seiten zu ersten Gesprächen zusammengekommen waren, soll es nun konkreter werden. Ein Genossenschaftsmodell stand bereits im Raum. „Aber auch die Frage, ob ein CAP-Markt möglich wäre“, sagt Pfarrer Vogt. Diese Geschäftsform leitet sich von Handicap ab und setzt auf Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung. Diakonie-Vorstand Volker Krolzik bestätigt gegenüber der SZ, dass Albrecht Kittler bereits im Mai mit einer solchen Idee und der Anfrage auf Übernahme zu ihm gekommen sei. Interesse habe bestanden. „Aber wir können rechtlich nicht Träger eines solchen Marktes sein, weil wir keine Werkstattplätze in der Diakonie haben“, sagt Krolzik. Dafür wäre dann ein anderer Partner nötig.

Für die Ideen und die buchstäbliche Bürgerbewegung, die bei all der Aufmerksamkeit nun entstanden sind, ist Dürninger-Chef Kittler durchaus offen, sagt er der SZ: „Wir unterstützen solche Bemühungen nach Kräften und befördern gern eine tragfähige Lösung“, betont er und spielt auf Miete und Know-How an. Dass diese Lösung unter dem wirtschaftlichen Dach von Dürninger stattfinden werde, sieht er aber als nicht sehr wahrscheinlich an.

Dass sich so heftige Kritik an der Tatsache entzündet, dass Dürninger zum Wohle der Allgemeinheit den Laden nicht mehr aus anderen Gewinnen querfinanzieren will, sieht Kittler anders. Natürlich fühle er sich der Brüdergemeine und den Grundsätzen zugehörig. Aber Dürninger sei – anders als die Sterne GmbH oder die Lack-Fabrik in Niesky – keine hundertprozentige Tochter der Brüder-Unität. Der Grundsatz als selbstständige Stiftung und GmbH heiße: Man stecke das erwirtschaftete Geld zuerst in die Firma, um diese zu sichern. Was darüber hinaus übrig bleibe, komme der Allgemeinheit zugute. Bislang habe man in der Handelssparte von Dürninger – zu der neben dem Laden der Verkauf von Kirchenbedarf und bis 2016 auch der Handel mit Herrnhuter Sternen gehören – die Finanzen ausgeglichen. Nun aber vermarkteten sich die Sterne allein, und Dürninger sei ein wichtiger Posten abhandengekommen.