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Zwei Ärztinnen aus Dohna bitten um Hilfe

In einem Brief fordern 20 impfende Hausärzte aus Dresden und Umgebung für Praxen mehr Unterstützung. Eine Antwort gibt es noch nicht - aber erste Schritte.

Von Gabriele Fleischer
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Am Limit: Hausärztin Petra Winkler aus Dohna impft gegen Corona. Aber sie muss auch ihre Praxisarbeit bewältigen - und Grippeschutzimpfungen vorbereiten.
Am Limit: Hausärztin Petra Winkler aus Dohna impft gegen Corona. Aber sie muss auch ihre Praxisarbeit bewältigen - und Grippeschutzimpfungen vorbereiten. © Daniel Schäfer

Petra Winkler ist verzweifelt. Schon mit der Ansage auf dem Anrufbeantworter der Dohnaer Allgemeinmedizinerin wird das deutlich. Auf der einen Seite möchte sie so viele ihrer Patienten wie möglich gegen das Coronavirus impfen, auf der anderen Seite sind ihre Grenzen längst erreicht.

Und nicht nur, weil die Impfdosen nicht immer in der bestellten Menge ankommen. In den vergangenen Wochen war in vielen Praxen nur ein Teil der Bestellungen geliefert worden. Ein Kritikpunkt auch der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen in Richtung Bundespolitik.

Seit einigen Monaten kämpft Petra Winkler zudem ohne Arzthelferin, manchmal unterstützt durch ihren Mann. „Das heißt, von der Anmeldung über das Labor bis zu Sprechstunde und Hausbesuchen bin ich auf mich allein gestellt. Dazu kommen Impfen, Abstriche", sagt sie. All das nimmt angesichts der aktuellen Infektionslage weiter zu.

Internistin fordert Corona-Bonus fürs Personal

Spontane Termine bei Infekten und Schmerzen kann die Ärztin ohne Voranmeldung gar nicht mehr bewältigen. Da verweist sie an Kollegen.

Aber auch in anderen Praxen herrscht Notstand. Der Versuch von Sächsische.de in den vergangenen Tagen noch weitere Ärzte im Landkreis, in Freital, Glashütte und Heidenau zu ihrer Situation zu befragen, schlug fehl. Zwei der Gründe: volle Wartezimmer und belegte Telefonleitungen.

Donnerstagabend dann doch noch ein Rückruf: Dr. Katja Funke, ebenfalls aus Dohna, meldete sich. Auch sie komme derzeit an ihre Grenzen, wünscht sich vor allem einen Corona-Bonus des Bundes für ihr Personal.

"Drei Wochen habe ich nur mit einer Schwester gearbeitet, weil die andere Mitarbeiterin wegen Krankheit ausgefallen war. Jetzt hilft uns sogar an den Sonnabenden und Feiertagen unsere Schwesternschülerin bei den Impfungen. Und das, obwohl sie erst vor zwei Wochen mit ihrer Ausbildung begonnen hat", sagt die Internistin. Das müsse belohnt werden.

Sie sieht auch die Gefahr, dass das Personal irgendwann ausbrenne und sich woanders beruflich orientiert. Katja Funke führt eine der derzeit 19 Praxen im Landkreis, die nicht nur ihre eigenen Patienten, sondern alle impfen, die bei ihr einen Termin buchen.

Damit die Hilferufe der beiden Dohnaerinnen auch an die richtige Adresse kommen, hatten sie vor ein paar Wochen einen Brief von 20 Hausärzten an Sachsens Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) und Sozialministerin Petra Köpping (SPD) mit unterschrieben.

Darin fordern die Ärzte unter anderem die Wiedereinführung von Abstrichzentren, eine Kontaktreduzierung bis mindestens 70 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft sind, Verbesserungen beim Impfhonorar, vereinfachte Dokumentation, eine ärztliche Hotline für dringende Rückfragen sowie mehr mobile Impfteams und impfende Ärzte.

Zunahme der impfenden Praxen

Hier kann die Kassenärztliche Vereinigung zumindest kleine Fortschritte sehen, wie Sprecherin Katharina Bachmann-Bux auf Nachfrage sagt.

Mit Stand 28. November waren dort vom Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 110 von 132 Hausarztpraxen gemeldet, die impfen, eine mehr als eine Woche zuvor. Bei den Facharztpraxen ist laut Statistik der Anstieg noch höher. Von den 110 Facharztpraxen im Landkreis beteiligten sich bis 28. November 29, eine Woche zuvor 22.

Auch Sachsens Sozialministerium verweist im Rahmen neuer Verordnungen auf Fortschritte, mit denen einige der Forderungen der Hausärzte erfüllt würden. So seien weitere Kontaktreduzierungen und Ausgangsbeschränkungen beschlossen und Inhalt aktueller Verhandlungen.

Keine Arzt-Hotline der Gesundheitsämter

Auch das Honorar sei angepasst. Inzwischen erhalten Ärzte je Impfung 28 Euro. An Samstagen, Sonn-und Feiertagen, sowie am 24. und 31. Dezember sind es 36 Euro. Vorher waren es 20 Euro.

Eine von den 20 Ärzten ebenfalls geforderte Staffelung des Honorars je nach Priorität sei dagegen aufgrund des dadurch erhöhten Meldeaufwands nicht leistbar, so eine Sprecherin des Ministeriums. Auch eine ärztliche Hotline könnten die Gesundheitsämter angesichts der Situation nicht einrichten. Abstrichzentren würden dagegen wiedereröffnet und die mobilen Impfteams aufgestockt.

Für Katja Funke ist die Reaktion auf den Brief schon ein Erfolg, auch wenn es bis heute keine Antwort darauf gibt, weder von der Staatskanzlei noch vom Sozialministerium. "Mit dem Schreiben haben wir gezeigt, dass wir alle die gleichen Sorgen haben und in unseren Forderungen zusammenhalten", sagt Funke. "Wir sind gerade hier im Landkreis in einer sehr ernsten Situation. Nur wenn sich noch mehr für eine Impfe entscheiden, kann die ambulante - und die Krankenhausversorgung in den nächsten Monaten für alle gewährleistet werden."

Sorge um Patienten wächst

Petra Winkler aber wird erst dann ruhiger schlafen, wenn noch mehr Hilfe auch direkt in ihrer Praxis ankommt. Seit 1993 ist die heute 58-Jährige niedergelassene Ärztin, aber so etwas hätte sie noch nicht erlebt.

Trotzdem. Sie möchte ihre Patienten gut versorgen und auch impfen, weil sie das für wichtig hält. Aber das macht sie zusätzlich, soweit sie Impfstoff bekommt. Ab 13. Dezember bietet sie die nächsten Termine an.

Große Sorge macht sie sich aber nicht nur um jene Menschen mit Covid-19-Symptomen, sondern auch um ihre Krebspatienten, die psychisch Kranken und Hochbetagten. Auch für Notdienste bei der Helios-Klinik sei sie mit eingeteilt.

„Ich schaffe es nicht mehr“, sagt sie – und versucht trotzdem, so gut es geht, ihre Aufgaben zu bewältigen. Dass ihre Familie im Erzgebirge derzeit den Kontakt mit ihr meidet, weil sie Umgang mit Infizierten hat, belastet sie zusätzlich.