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Große Pläne mit kleinem Heidenauer Modell

Der Heidenauer Rainer Dierchen baut Schlösser, Kirchen, Rathäuser in klein. Sein neues Werk ist ein Haus aus der Partnerstadt, das nicht klein bleiben soll.

Der Herr der Modelle: Rainer Dierchen mit "seinem" Boberhaus.
Der Herr der Modelle: Rainer Dierchen mit "seinem" Boberhaus. © privat

Die Loschwitzer Kirche, das Rottwerndorfer Schloss, Pirnas Rathaus zu Canalettos Zeiten: Alle haben ihre Baumeister, doch es gibt nur einen, der sie alle als Modell gebaut hat. Rainer Dierchen aus Heidenau ist der große Erbauer der kleinen Dioramas. Die sind sogar noch ein bisschen mehr als ein Modell, denn man kann durch sie hindurchschauen.

Dierchen baut seine Dioramen in unzähligen Stunden zwar für sich, am Ende aber um sie zu zeigen. So war es auch bei seinem jüngsten Werk vorgesehen. Doch nun schlummert das Modelldiorama zum Boberhaus in einer Kiste auf dem Boden des Heidenauer Rathauses. Eigentlich sollte es schon im Dezember im Rathaus und jetzt im Januar im Dresdner World Trade Center ausgestellt werden und damit die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient hat. Und das nicht nur wegen der Baukunst von Dierchen.

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Vom Knabenpensionat zur europäischen Begegnungsstätte

Hintergrund ist diesmal nämlich neben der Geschichte des Hauses auch dessen Zukunft. Das Boberhaus aus Heidenaus polnischer Partnerstadt Lwowek (Löwenberg) soll wiederaufgebaut und eine Begegnungsstätte der Jugend Europas werden. Die Idee dazu kommt vom Städtepartnerschaftsverein Heidenau. Dessen Mitglied Werner Guder hat sich mit dem Haus beschäftigt.

Das Landhaus: Als Landhaus Zwirner wurde das Haus im Winter 1910/21 eröffnet.
Das Landhaus: Als Landhaus Zwirner wurde das Haus im Winter 1910/21 eröffnet. © Ansichtskarte

Gebaut wurde das Haus am Stadtrand von Löwenberg als Knabenpensionat. Es eröffnete vor 110 Jahren als Landhaus Zwirner. Das ist der Name des Apothekers, der den Bau beauftragt hatte. Doch schon kurze Zeit später trug das Haus den Namen "Haus Fichteneck". Nach dem Tod von Max Zwirner führte seine Frau das Pensionat weiter, musste es aber 1926 verkaufen. Neuer Eigentümer wurde die Schlesische Jungmannschaft, eine fortschrittliche, aus der deutschen Wandervogel-Bewegung hervorgegangene Jugendorganisation.

Sie ließ die reizvolle Immobilie in „bodenständiger schlesischer Architektur“ - mit großer Südterrasse, feingliedrigen Erkern und vorgezogenem Satteldach - im Grundbuch als Boberhaus eintragen. Die Bezeichnung leitete sich vom auf böhmischer Seite des Riesengebirges entspringenden Fluss Bober ab, der an Löwenberg vorbeifließt.

Die Ruine: Das Haus brannte im Februar 1945 ab.
Die Ruine: Das Haus brannte im Februar 1945 ab. © privat

Elf Jahre war das Haus als Grenzschulheim auch für ausländische Mädchen und Jungen offen. In dieser Zeit gab es auch freiwillige Arbeitslager für junge Arbeiter, Bauern und Studenten, die mit Helmuth James Graf von Moltke verbunden waren. Jahre später war Moltke Kopf des antifaschistischen Kreisauer Kreises. Im Boberhaus Löwenberg waren ihm seinerzeit vertrauenswürdige und mutige Personen begegnet, von denen neun später auch zum Kreisauer Kreis gehörten.

Am 9. November 1937 riss die NSDAP das Boberhaus an sich. Danach war es Jugendherberge der Hitlerjugend, Lazarett der Wehrmacht und Lager für Zwangsarbeiterinnen. Anfang Februar 1945 brannte es bis auf das zweistöckige Sockelgeschoss nieder. Seitdem ist es Ruine.

Zwei Vereine - vier Tafeln

Die beiden Städtepartnerschaftsvereine in Heidenau und Lwowek schufen zwischen 2017 und 2020 vier Gedenktafeln für das Boberhaus. Danach entstand die Idee, das Boberhaus noch einmal zu bauen - erst als Modell, dann als "Boberhaus II / Dom nad Bobrem II- Europäisches Denken und Handeln im 21. Jahrhundert“. Der angestrebte Wiederaufbau des einst stolzen Boberhauses ist eine umfassende Herausforderung hohen finanziellen Aufwandes, sagt Guder. Schon jetzt werben die Vereine für Spenden.

Das Modell: Es verbindet Geschichte und Zukunft. So soll das künftige Jugendzentrum aussehen.
Das Modell: Es verbindet Geschichte und Zukunft. So soll das künftige Jugendzentrum aussehen. © privat

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"Ich bin nur der Hobbymodellbauer, der das Diorama für den Verein gebaut hat", sagt Dierchen. Und mit dem Modell im Maßstab 1:87 soll für die künftige Begegnungsstätte geworben werden. Dafür waren Wanderausstellungen in Sachsen und Polen vorgesehen. Vorerst aber wandert das Modell nicht. "Es ruht in einem Dornröschenschlaf bis zum Ende der Pandemie", sagt Dierchen. Sein Canaletto-Rathaus Pirna übrigens steht als Leihgabe in einer Vitrine im Pirnaer Rathaus.

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