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Jubel

Mobilität made in Heidenau

Das Reifenwerk ist so alt wie die SZ, auch wenn Reifen erst seit 1948 gefertigt werden. Heute rollen sie weltweit. Ein Beitrag zum Jubiläum 75 Jahre SZ.

Vom Gummi zum Reifen und über die Jahrzehnte gewachsen: das Heidenauer Reifenwerk.
Vom Gummi zum Reifen und über die Jahrzehnte gewachsen: das Heidenauer Reifenwerk. © Daniel Schäfer

Das Reifenwerk Heidenau ist einer der Betriebe, die Firmen- mit Familiengeschichten verbinden. Bei Geschäftsführer Michael Wolf reicht die eigene Geschichte bis zur Urgroßmutter, die seit 1943 erst bei Gummi Pötsch und dann im Reifenwerk arbeitete. Ihr folgten seine Großeltern und Eltern. Wolfs Vater war von 2005 bis 2018 Geschäftsführer. Seit 2019 ist es Michael Wolf und heute mit seiner Schwester, die im Verkauf arbeitet, Reifenwerker der vierten Generation seiner Familie.

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Bereits in den 1930er-Jahren stellte die Firma Pötzsch und Franz auf dem Firmengelände Gummiformartikel her. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Betrieb durch die sowjetische Militärverwaltung beschlagnahmt und im Juli 1946 volkseigen. Im gleichen Jahr also, in dem die Sächsische Zeitung erstmals erschien.

2.000 Tennisbälle pro Tag

Viele verbinden das Reifenwerk noch immer mit der Tennisballproduktion aus DDR-Zeiten. Doch die kamen erst später. 1947 beschlossen die sächsische Landesregierung und die sowjetische Militäradministration die Umwandlung der Gummiwerke zum Reifenwerk. 1948 entstanden unter primitivsten Bedingungen die ersten Autoreifen. 400 Stück im Monat. Schon ein Jahr später waren es 30.000 Stück im Jahr, also mehr als sechsmal so viel pro Monat. Erste Erweiterungen waren notwendig. Regelmäßig folgten weitere. 2008, 2012 und 2015 wurde jeweils eine Halle gebaut.

So primitiv wurden die ersten Reifenrohlinge in Heidenau gefertigt.
So primitiv wurden die ersten Reifenrohlinge in Heidenau gefertigt. © Reifenwerk

Nachdem 1965 eine neue Luftschlauchproduktionshalle gebaut wurde, entwickelte sich das Reifenwerk auch zu einem Spezialisten für Luftschläuchen für motorisierte Zweiradfahrzeuge und für DDR-Pkw.

Tennisbälle wurden in Heidenau von 1988 bis 2001 hergestellt.
Tennisbälle wurden in Heidenau von 1988 bis 2001 hergestellt. © Reifenwerk

Die Tennisbälle wurden seit 1988 produziert. Die Hauptteile für die Anlage wurden aus der BRD importiert, viele andere Teile entwickelten und bauten die Heidenauer selbst. 24 Mitarbeiter, davon bis zu sechs Behinderte, stellten täglich bis zu 2.000 Bälle her. Auch nach der Wende noch. Doch 2001 war nach zunehmendem Preisdruck durch Produkte aus Fernost Schluss damit. „Ohne dass Mitarbeiter entlassen werden mussten“, sagt Wolf. 2002 wurde die Anlage an eine geschützte Werkstatt in Leipzig verkauft. Zur Wende hatte das Reifenwerk etwa 780 Mitarbeiter, davon 120 Polen und 60 Vietnamesen.

"Das kommt überhaupt nicht infrage"

Seit 1991 war das Reifenwerk eigenständige GmbH. Schwere Zeiten, in denen man ab und zu Liquiditätshilfen von der Treuhandanstalt brauchte, sagt Wolf. Die Folge: Das Reifenwerk sollte liquidiert werden. Ein Wiesbadener Wirtschaftsberater wurde damit beauftragt. Er teilte der Heidenauer Geschäftsleitung, die ihm ihr Zukunftskonzept vorstellte, mit, er soll sich mit der Liquidation befassen, nicht mit der Zukunft. "Das bewog unseren damaligen Geschäftsführer, Herrn Franke, zu dem legendären Aufschrei 'Das kommt überhaupt nicht infrage'", sagt Michael Wolf. Danach sah sich der Berater den Heidenauer Betrieb und das Konzept der Geschäftsleitung an - samt einem Kooperationsvertrag mit einem großen deutschen Reifenkonzern. Die Heidenauer hatten Zeit gewonnen.

Brand wird zur bedrückendsten Situation

Ausgerechnet in diesem schweren Jahr 1992 gab es einen Großbrand. Dabei verbrannte eine erst zehn Jahre alte, für die Reifenproduktion entscheidende Anlage. "Diese Situation, und das unter Treuhandaufsicht, war eine der bedrückendsten für den Fortbestand", sagt Wolf. Tag und Nacht wurde an einer Lösung gearbeitet. Bereits nach sieben Tagen kompletten Stillstandes ging es weiter.

1993 kam dann doch die Liquidation. Der als Liquidator eingesetzte Dresdner Rechtsanwalt habe deutlich mehr Interesse an einer Zukunft der Firma gehabt, sagt Wolf. Die Firma Gummi-Hansen GmbH interessierte sich, und im Dezember 1993 wurde die Reifenwerk Heidenau GmbH & Co KG gegründet. Von 112 Mitarbeitern 1993 ist das Reifenwerk auf heute rund 200 gewachsen.

Gruß aus der Wüste von Namibia

Heidenauer Reifen werden heute weltweit gefahren. Ob in der Atacama-Wüste in Chile und Peru oder auf den staubigen Straßen von Südafrika oder Namibia. Selbst in Taiwan gibt es eine kleine Fangruppe, die großen Wert auf die Heidenauer Reifen mit dem Label „Made in Germany“ legt. "Ein Bekannter hat mir mal ein Foto eines Heidenau-Reifenkartons mitten aus der Wüste von Namibia geschickt", sagt Wolf.

Geschäftsführer Michael Wolf (r.) mit dem Entwicklungsleiter Marcel Schander im Mischungslabor.
Geschäftsführer Michael Wolf (r.) mit dem Entwicklungsleiter Marcel Schander im Mischungslabor. © Reifenwerk

Michael Wolf studierte an der HTW Dresden Informatik und unterstützte das Reifenwerk während des Studiums bei IT-Projekten. Als Wolfs Studium zu Ende ging, sollte die komplette Produktion zentral gesteuert werden können. Aufgaben, die bisher sein Vater, selbst Informatiker, abgedeckt hatte. „Da war es Ehrensache, ihn mit diesen Aufgaben nicht allein zu lassen.“ 2004 wechselte Wolf junior ins Reifenwerk. Schrittweise übernahm er die Verantwortung für technische Abläufe und wurde erst technischer Leiter, 2016 dann Geschäftsführer, anfangs noch mit seinem Vater gemeinsam.

Bürokratie schlimmer als Konkurrenz

Das Reifenwerk will weiter gesund wachsen, sagt Wolf. Die Elektromobilität biete große Chancen. So fährt die Elektroschwalbe, der Nachfolger des legendären DDR-Mopeds, mit Heidenauer Reifen. "Wir sind sehr stolz, dieses innovative Nachfolgeprodukt exklusiv bereifen zu dürfen." Seit 2005 arbeiten die Heidenauer eng mit der österreichischen Firma Rotax bei Rennreifen für den Kartsport zusammen. Die Mojo-Kartrennreifen sind derzeit im weltgrößten Kartrennsport-Event im Einsatz, sagt Wolf. Jährlich werden weltweit mehrere Hunderttausend Reifen benötigt.

Die größten Probleme sieht Wolf derzeit daher nicht in der Konkurrenz aus Fernost und Südamerika, sondern in „komplizierten, bürokratischen Regularien des deutschen Marktes“. Doch er ist sicher, das Heidenauer Reifenwerk wird auch in 75 Jahren noch erfolgreich sein.

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