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NS-Diktatur: Erster Stolperstein für Heidenau

Erst wurde lange um die erste Erinnerung gekämpft, die am 24. August verlegt wird. Nun ist bereits der zweite Gedenk-Pflasterstein beschlossen.

Heute ein asiatisches Restaurant, befand sich hier ab 1914 das Kaufhaus eines jüdischen Kaufmanns, dem mit einem Stolperstein gedacht werden soll.
Heute ein asiatisches Restaurant, befand sich hier ab 1914 das Kaufhaus eines jüdischen Kaufmanns, dem mit einem Stolperstein gedacht werden soll. © Norbert Millauer

Drei Jahre ist es her, dass der ehemalige Heidenauer Marco Boltz eine Idee hatte. Am 24. August wird aus ihr Realität. Vor dem Rathaus wird der erste Stolper-Gedenk-Stein verlegt. Er erinnert an Paul Gröger, den sozialdemokratischen Bürgermeister Heidenaus vom 1923 bis zur Machtergreifung durch Hitler 1933. Er starb im August 1933 an den Folgen eines Suizidversuchs.

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Diesem ersten Stein war eine lange Diskussion vorangegangen. Man tat sich zunächst in Verwaltung und Stadtrat schwer damit, erwog andere Formen des Gedenkens. Dann sollte der Stein voriges Jahr verlegt werden. Doch Corona brachte auch den Terminkalender von Gunter Demnig durcheinander. Von ihm stammt die Idee der in Fußwege eingelassenen Steine mit den Namen und Daten von Opfern des Nationalsozialismus. Inzwischen gibt es über 75.000 Steine im 1.200 deutschen Städte sowie weitere in 25 Ländern. Nach wie vor verlegt Demnig fast alle Steine selbst. So wird er auch am 24. August nach Heidenau kommen.

Zehn Mal zehn Zentimeter Gedenken: So sieht ein Stolperstein aus. Dieser wurde im Mai 2019 auf der Niederen Burgstraße in Pirna verlegt.
Zehn Mal zehn Zentimeter Gedenken: So sieht ein Stolperstein aus. Dieser wurde im Mai 2019 auf der Niederen Burgstraße in Pirna verlegt. © Marko Förster

Wer war Maximilian Reiner?

  • Der jüdische Kaufmann wurde 1877 in Olszany (Galizien) geboren.
  • 1914 eröffnete er mit seiner Frau Elisabeth das „Kaufhaus Maximilian Reiner“ auf der Bahnhofstraße 10 im neu erbauten Haus von Baumeister Alfred Demmler. Das Kaufhaus hatte ein umfangreiches Angebot an Haus- und Küchengeräten, Galanterie-, Leder- und Spielwaren, später kamen Lebensmittel dazu.
  • Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 wurde das Kaufhaus boykottiert. Zwischen 1933 und 1938 wurden die Fensterscheiben des Kaufhauses mehrfach mit Flusssäure verätzt und mit judenfeindlichen Sprüchen beschmiert.
  • 1943 wurde Maximilian Reiner nach Theresienstadt verschleppt.
  • Nach der Befreiung durch die sowjetischen Truppen im Mai 1945 ging er zunächst nach Berlin und Ende 1945 zurück nach Heidenau.
  • 1947 wanderte Reiner in die USA aus, wo er zwei Jahre später verstarb.

Argument der Kritiker: Das "Rumlatschen"

Wann Demnig das nächste Mal nach Heidenau kommt, steht noch nicht fest, dafür aber schon, wo der zweite Stein liegen soll: Vor dem einstigen Kaufhaus Reimer, später als Kaufhaus Günther bekannt. Und dieser Antrag einer Gymnasiastin und der Aktion Zivilcourage wurde diesmal im Stadtrat sofort angenommen. Die AfD enthielt sich. Man gehe zwar inhaltlich mit, plädiere aber nach wie vor für eine Gedenkplatte auf dem Friedhof, auf der nicht jeder "rumlatscht", sagte Fraktionsvorsitzender Daniel Barthel. Er griff damit ein immer wieder von Kritikern vorgebrachtes Argument gegen die Stolpersteine auf. Sie dort zu verlegen, wo die Menschen gedanklich darüber stolpern, ist jedoch Anliegen von Demnig.

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