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Heidenau hat seinen ersten Stolperstein

Es war ein langer Weg von der Idee bis zum Verlegen des besonderen Pflastersteins vor dem Rathaus. Der ist Bürgermeister Paul Gröger gewidmet.

Drei Männer und ihre besondere Verbindung: Paul Gröger, dem Heidenauer Bürgermeister bis 1933, ist der erste Stolperstein in Heidenau gewidmet. Marco Boltz (l.) hat ihn angeregt, Gunter Demnig ist der Initiator der Aktion.
Drei Männer und ihre besondere Verbindung: Paul Gröger, dem Heidenauer Bürgermeister bis 1933, ist der erste Stolperstein in Heidenau gewidmet. Marco Boltz (l.) hat ihn angeregt, Gunter Demnig ist der Initiator der Aktion. © Karl-Ludwig Oberthür

Gunter Demnig ist wieder unterwegs. Der Initiator der Aktion Stolpersteine hat viel zu tun. Viele der Gedenksteine blieben in der Corona-Zeit unverlegt. Dort, wo bereits ein oder mehrere Steine liegen, hat er den nächsten hingeschickt. Nach Heidenau ist er am Dienstag selbst gekommen. So wie immer, wenn der erste Stein verlegt wird.

Er hat sich vor den Stufen zum Rathaus einen Pflasterstein ausgesucht, ihn herausgehoben, den Stolperstein mit der zehn mal zehn Zentimeter großen Messingplatte hingesetzt, ihm Halt gegeben und fertig. Die folgende Gedenkstunde verfolgt er wie die anderen Gäste. Unter ihnen auch Sachsens SPD-Vorsitzender und Wirtschaftsminister Martin Dulig, der spontan teilnahm.

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Jeder der seit 1992 in Deutschland und Europa verlegten Erinnerungssteine an Opfer des Faschismus hat seine Geschichte. In Heidenau ist es die des sozialdemokratischen Bürgermeisters Paul Gröger.

Und die Geschichte des ersten Heidenauer Stolpersteins ist aus verschiedenen Gründen noch einmal besonders.

Der erste Grund: Der Drängler

"Ich bin der Drängler", sagt Marco Boltz. Der gebürtige Heidenauer hat Urlaub, Familien- und Freundebesuch, Wandern und die Stolperstein-Verlegung miteinander verbunden. Dass es von der "ganz passablen Idee" bis zum Dienstag so lange dauerte, habe nicht nur mit Corona zu tun. Und es sei am wenigsten sein Verdienst, er habe nur ein paar Mails geschrieben, ein paar Telefonate geführt und eben nicht aufgegeben. Das Alternative Kulturzentrum Pirna (Akubiz) habe den wesentlichen Teil der Arbeit geleistet, sagt er.

Der tatsächlich letzte Handgriff obliegt Gunter Demnig. Der Initiator der Aktion kennt viele Beispiele, bei denen es immer wieder länger gedauert hat, bis sich Orte für einen solchen Stolper-Gedenk-Stein entschieden. Oft wird das Argument angebracht, dass man beim Drüberlaufen die Opfer ja zum zweiten Mal trete. Demnig hat ein Gegenargument: In der katholischen Kirche gelte, je mehr Menschen über die Grabplatte laufen, umso anerkannter ist der Begrabene.

Der zweite Grund: Die Entscheider

Als Boltz den ersten Brief ans Heidenauer Rathaus schrieb, bekam er zunächst keine, dann eine ausweichende Antwort. Bürgermeister Jürgen Opitz war damals zurückhaltend, um nicht zu sagen, nicht begeistert. Er vertrat die Meinung, das Heidenauer Gedenken jährlich am 27. Januar genüge. Im Stadtrat beschloss man, dass es auf dem Friedhof noch eine Gedenktafel geben soll statt den ersten Stolperstein. Man habe gedacht, das alles sei angemessen, sagte Opitz am Dienstag und dankte all denen, die ihn gedrängt und schließlich überzeugt hatten, dass der Stolperstein wichtig ist.

Nicht, weil Paul Gröger ein Vorgänger von Opitz als Bürgermeister ist. Gröger war Schlosser und zog dann ins Rathaus, aus dem er nach dem Machtantritt der Nazis vertrieben wurde. Er wurde in der Gefangenheit so gequält, dass er krank wurde und im August 1933 Suizid beging. Paul Gröger wurde 2010 bereits in Heidenau zur jährlichen Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus besonders gedacht. Ausschnitte aus der damals vorgetragenen Biografie wurden am Dienstag verlesen. Fünf Mitglieder der Gruppe, die das würdige Gedenken immer erarbeitet und dafür 2018 den Ehrenamtspreis erhielt, trugen sie vor.

Was beim ersten Mal so lange gedauert hat, geht beim zweiten Mal schnell. Der nächste Stolperstein ist schon beschlossen. Er soll auf der Bahnhofstraße an den jüdischen Kaufmann Maximilian Reimer erinnern.

Der dritte Grund: Die Parallelen

Sie liegen nicht auf der Hand, doch Boltz ebenso wie Dulig wiesen auf sie hin: auf die Ereignisse der jüngeren Heidenauer Geschichte. Die Heidenauer werden nicht gern daran erinnert. Boltz als einer von hier, der seit vielen Jahren in Hildesheim lebt, holt die Ereignisse vom August 2015 zurück. Die Bilder vom einstigen Praktiker, vor dem Heidenauer wie Auswärtige gegen die Unterbringung von Flüchtlingen lautstark und gewalttätig demonstrierten, sorgten dafür, dass Boltz niemandem mehr erklären musste, wo Heidenau liegt. "Ich hätte mir einen schöneren Anlass gewünscht."

Mit dem Stolperstein wollte er dafür sorgen, dass sein Heidenau auch wieder in anderem Zusammenhang bekannt wird. Als die Hildesheimer Zeitung darüber berichtete, wurde auch er angefeindet. Nicht nur in den sozialen Medien, auch auf der Straße. "Heidenau 2015 ist überall", sagt Boltz. Deshalb will er weiter an der Brücke zwischen Ost und West, zwischen den Zeiten bauen, damit es eben andere Nachrichten gibt.

Martin Dulig knüpfte an diese Worte an. Es gehe heute wieder um das respektvolle Miteinander. Wie schwer das ist, beweisen der Lkw-Fahrer, der am Dienstag während der Veranstaltung am Rathaus vorbeifährt und "Pfui" ruft und der Fahrer eines Rettungswagens, der kurz die Sirene anschaltet und über die erschrockenen Leute feixt. "Heidenau ist selbst ein Stolperstein", sagt Dulig.

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