Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Merken

Heim oder nicht Heim?

In Dresden sollte es eine Asylunterkunft für Homosexuelle und Schwangere geben. Was aus dem Plan geworden ist.

Teilen
Folgen
NEU!
© dpa

Von Tobias Wolf

Ein verbeulter Bauzaun markiert die Grenze zwischen Fußweg und der Fläche, auf der ein Flüchtlingsheim gebaut werden könnte. Hinter dem Gitter sprießen ein paar Unkräuter aus dem frisch umgegrabenen Boden. Reste von alten Ziegeln und ein paar Betonbrocken liegen herum.

Ronald Zenker deutet auf die Fläche im Gewerbegebiet an der Zwickauer Straße: „Das haben wir alles schon aufgeräumt und saubergemacht, damit es losgehen kann.“ Mit dem Neubau eines Heim für Homosexuelle, alleinreisende schwangere Frauen oder Mütter mit Kindern – Behörden sprechen von besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen. Gut 120 Bewohner könnten hier unterkommen. So die Theorie. Zwar hatte die Stadt die Pläne schon im letzten Herbst ausdrücklich begrüßt. Seither ist es still um das Projekt geworden.

Flucht aus der Notunterkunft

Zenker ist Chef des Christopher Street Day Vereins in Dresden, der die gleichnamige Demonstration jedes Jahr veranstaltet und für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen eintritt. Seit vergangenem Jahr ist der Chef-Organisator des Vereins in der Flüchtlingshilfe aktiv. Eher ungeplant ist der 43-Jährige in dieses Ehrenamt geraten. Auslöser waren die Hilferufe von drei Syrern und einem Iraker im August 2015. „Drei von ihnen lebten damals im Zeltcamp an der Bremer Straße, einer in der Notunterkunft an der Nöthnitzer Straße“, sagt er. Afghanen und Syrer mobbten sie. An der Bremer Straße wurden sie sogar mit Steinen beworfen. Sie wendeten sich an das Netzwerk „Dresden für Alle“, das im Camp mit Freiwilligen half.

So kam der Kontakt zum CSD-Verein zustande. In einer Nacht- und Nebelaktion werden die Männer aus den Unterkünften geholt – mit Unterstützung des Innenministeriums. Bis die Stadt ihnen eine Wohnung zuwies, lebten sie wochenlang im Hotel Holiday Inn an der Stauffenbergallee, auf Einladung des Direktors.

Schnell war klar, das sind keine Einzelfälle. Inzwischen betreut der CSD-Verein alle homosexuellen Flüchtlinge, die in sächsischen Erstaufnahmeeinrichtungen ankommen und in Sicherheit gebracht werden müssen. Allein in den letzten Wochen kamen acht junge Homosexuelle nach Dresden. Denn die Betroffenen sind zwar der Verfolgung in ihrer Heimat entkommen, werden aber in den hiesigen Lagern weiter von Landsleuten bedrängt.

„Aktuell betreuen wir 30 homosexuelle Flüchtlinge – auch mit Sprachkursen“, sagt Zenker. „Insgesamt 90 Menschen haben wir schon aus sächsischen Erstaufnahmeunterkünften rausgeholt.“ Rund um die Zwickauer Straße gibt es aber zu wenige städtische Wohnungen. Die Idee für das Heim hatte Zenker zusammen mit Holger Köster, dem Geschäftsführer von Hein Mück. Das Fischhandels- und Gastronomieunternehmen will 1,8 Millionen Euro in einen Modulbau investieren. In jeweils 30 Quadratmeter großen Zimmern könnten vier Flüchtlinge untergebracht werden bis ihr Asylantrag bewilligt wurde.

Kein Bedarf für besonderes Heim

Doch nun will die Stadt anscheinend nicht mehr. Es gebe keinen Bedarf mehr für eine Einrichtung für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge, sagt Rathaussprecher Kai Schulz. Diejenigen, die kommen und schutzbedürftig sind, würden bevorzugt in dezentralen Wohnungen und Wohngemeinschaften untergebracht. Einem zentralen Heim stehe das Sozialamt eher ablehnend gegenüber, weil die Menschen kleinteilig unterkommen sollen und dafür soziale Betreuung angeboten wird. Dabei dürfte es aus Sicht des Rathauses auch ökonomische Gründe geben, die gegen das Heim an der Zwickauer Straße sprechen.

Je Asylbewerber bekommt die Stadt zwar eine Pauschale, die Miete über fünf oder zehn Jahre für so ein Haus wäre aber immer voll zu bezahlen, auch wenn dort kaum jemand wohnt. Denn sobald der Asylantrag bewilligt wurde, ziehen die Bewohner aus und müssen sich am Wohnungsmarkt eine Bleibe suchen. Als die Flüchtlingswelle 2015 auch durch Dresden rollte, hätte das Heim für Schutzbedürftige sicher bessere Chancen gehabt. Dennoch sieht Zenker den Neubau als notwendig an.

Unterstützung erhält er von den Sozialpolitikern Tina Siebeneicher (Grüne) und Vincent Drews (SPD). Der Rückgang der Flüchtlingszahlen ändere nichts, weil besonders schutzbedürftige Männer und Frauen trotzdem kommen würden, sagt Stadtrat Drews. Solange sie im Asylverfahren sind, das immer noch Monate dauert, würde ein Heim gebraucht. Man könne die Menschen auch nicht in Stadtteilen wie Gorbitz, Prohlis oder Johannstadt unterbringen, wo sie vielleicht dieselben Leute wiedertreffen, vor denen sie aus den Landesunterkünften in Sicherheit gebracht wurden, so der 28-Jährige. Das Problem gebe es schon seit den 1990ern, als die ersten Asylbewerber nach Dresden kamen. Stadträtin Siebeneicher vergleicht das geplante Heim mit Frauenhäusern. „Es gibt Situationen, in denen man Schutzräume braucht“, sagt die 32-Jährige. „In dem Heim sollen sie ja nicht über Jahre leben, aber erst einmal ankommen.“

Für den Investor lohnt sich das Heim aber nur dann, wenn das Gebäude zehn Jahre lang genutzt würde, um die Baukosten zu refinanzieren. Zwar könnte Köster das Heim theoretisch nach fünf Jahren zum Studentenwohnheim umbauen – dafür müsste die Stadt aber den Bebauungsplan des Gewerbegebiets so ändern, dass dort auch Wohnen erlaubt ist. Danach sieht es momentan nicht aus.