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Heimatliche Stoff-Sammlungen

Mit „Lausitzer Quartiere oder Der Russe im Keller“ fand im Bautzener Theater eine ungewöhnliche Uraufführung statt.

© Uwe Soeder

Von Rainer Könen

Bautzen. Man hätte natürlich zu Beginn dieser Premiere auch das Lausitzlied spielen können, als eine Art verbindendes Leitmotiv dieser Aufführung. Das wäre sicher ein interessanter Ansatz gewesen. Aber nein. Bloß keine Schwelgereien, die mit zu offensichtlichem heimatlichem Pathos daherkommen. Das Heimatgefühl wird subtiler bedient, vorerst geht es erst einmal darum, die Erwartungshaltung der Zuschauer zu brechen. Wie soll man in zweieinhalb Stunden 200 Jahre sorbische und lausitzer Geschichte darstellen, sie erzählen? Nun, in dem Stück „Lausitzer Quartiere oder Der Russe im Keller“, das am Freitag im Bautzener Theater uraufgeführt wurde, hat sich der Autor dieses Werkes, Ralph Oehme, vier markante Wendepunkte herausgegriffen. Historische Sollbruchstellen. Das sind die Jahre 1813/16, 1918, 1945 und 1990. Im Mittelpunkt des vom Bautzener Theaterintendanten Lutz Hillmann inszenierten Stückes steht eine Lausitzer Weberfamilie, anhand derer auch Aufstieg und Niedergang der Oberlausitzer Textilindustrie beleuchtet wird.

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Hausautor des Bautzener Theaters

Der Leipziger Theaterautor Ralph Oehme konnte mit diesem historischen Bilderbogen den Stücke-Wettbewerb „Lausitzen“ gewinnen. Einen Preis, der vor zwei Jahren vom Bautzener Theater, Staatstheater Cottbus sowie der Neuen Bühne Senftenberg erstmals bundesweit ausgeschrieben wurde. Die Idee zu einem solchen Wettbewerb hatte Lutz Hillmann schon einige Zeit. Der Grund: Es gebe einfach zu wenige Stücke, die sich inhaltlich mit der Lausitz beschäftigten. Der 63-jährige Ralph Oehme hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren zu einer Art Hausautor des Bautzener Theaters entwickelt. Mit „Lausitzer Quartiere oder Der Russe im Keller“ konnte er sich beim Stücke-Wettbewerb gegen 20 renommierte Autoren aus ganz Deutschland durchsetzen.

Dieses aus vier Einaktern und einem Nachspiel bestehende Werk wird in Hillmanns Inszenierung mit einem roten Faden versehen. Den hält der Wassermann, eine mythologische Gestalt der sorbischen Sagenwelt, in der Hand. Als lederbekleideten Punk hat man den so noch nicht gesehen, in dem schrillen Outfit steckt Istvan Kobjela. Von ihm gibt es Hintergrundinfos zu den dargestellten Epochen. Mit den napoleonischen Befreiungskriegen im Jahr 1813 startet Hillmanns Inszenierung, wird ein verletzter russischer Offizier, dem die französischen Soldaten auf den Fersen sind, von der Tochter eines Leinewebers versteckt. Wo? Im Keller. Auf dem Wiener Kongress (1815) muss das Königreich Sachsen als Verbündeter Napoleons beträchtliche Teile der Lausitz an Preußen abtreten. Von der beginnenden Industrialisierung profitierte nicht nur die Textilindustrie in der Oberlausitz, sondern auch die Weberfamilie. Es folgt der nächste Zeitensprung. Der Erste Weltkrieg ist beendet, den Nachfahren der armen Weberfamilie gehört eine Tuchfabrik. Ihre Arbeiter stehen vor dem Werk, wollen die Maschinen zerstören, die Besitzer davonjagen.

Viel Text, kaum saftige Spielszenen

Was Hillmann auf die Bühne bringt, lässt auf eine Entschlackung des Oehmschen Werkes schließen. Wenig Sentimentales, wenig Dramatisches gibt es, wenn sich in den Einaktern die historischen Brüche vollziehen, die Welt der Lausitzer am Boden liegt, aus dem Ende immer wieder ein Anfang entsteht. In dieser über mehrere Generationen hinweg erzählten Geschichte einer Lausitzer Weberfamilie ist jedoch über weite Strecken theatralische Schonkost angesagt: Viel Text, kaum saftige Spielszenen, etwas Kostüm-Zinnober und gelegentlich militärisches Tamtam.

Oehmes Geschichte kann man in der Bühnenversion gut folgen. Das Problem ist jedoch, dass man dies nicht mit großer Spannung tut. In den Einaktern agiert das Ensemble ausgebremst, fast alle Darsteller spielen zurückhaltend, fast sediert. So wirkt der Uraufführungsabend, bei dem im Übrigen etliche Plätze im Saal frei blieben, zäh und spröde, fehlt dem Stück jegliche Spieldynamik. Kraftvolle Schauspieler wie Marian Bulang (sehr überzeugend als Russe) und Gabriele Rothmann (spielt die Figur der Mutter mit sehr couragiertem Temperament) sowie Thomas Ziesch (in drei Nebenrollen agierend) können mit ihren Figuren dennoch Akzente setzen. Ralph Hensel in seiner Rolle als sorbischer Bräutigam in spe verliert sich in aufgesetzter Pflichtversessenheit. Gastdarstellerin Lisa Klabunde spielt den Part der Tochter solide herunter. Auch im dritten Einakter, als sich die Lausitzer Familie 1945 hinter Fabrikmauern verschanzt, Hakenkreuze aus roten Fahnen trennt. Wieder tauchen Russen auf, erneut steht das Leben der Familie auf dem Spiel. Mit der Wendezeit verliert die Textilindustrie in der Oberlausitz an Bedeutung, beginnt auch für die Lausitzer eine neue Sinnsuche, verlassen die letzten in der ehemaligen DDR stationierten russischen Soldaten das Land. Bis auf einen, der hat sich im Keller der Familie versteckt. Will nicht zurück, sondern sich in der kapitalistischen Marktwirtschaft behaupten.

Nächster Sachsenkönig: Ein Westimport

Im Nachspiel geht es mächtig skurril zu. Bekommen die Sachsen wieder einen König. Einen Westimport. Da schmunzelt das Publikum. Aber der ist ja auch Geschichte. So schaut man am Ende dieses Premierenabends auf markante Phasen der vergangenen 200 Jahre in der Lausitzer Geschichte zurück. Einer Historie, die von Brüchen und Zerrissenheit geprägt ist. In der kommenden Spielzeit werden die Bautzener das Stück in der Neuen Bühne Senftenberg und im Cottbuser Schauspielhaus zeigen. Vielleicht werden dort die Aufführungen mit einem verbindenden musikalischen Werk aus der Lausitz eröffnet.

Die nächste Vorstellung findet am 24. März, 19.30 Uhr, statt. Karten gibt es unter 03591 584225. www.theater-bautzen.de

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