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Heimspiel mit Freunden

Tino Zetzsche ist einer der besten Rockgitarristen der Region. Nun organisiert er eine neue Musikreihe in Freital – und tritt dort am Freitag selbst auf.

© SZ/Thomas Morgenroth

Von Thomas Morgenroth

Die Drittelstunde – der SZ-Podcast

Aktuelle Themen sowie Tipps und Tricks für den Alltag: Fabian Deicke stellt Experten verschiedener Gebiete die Fragen der SZ-Community.

Freital. Was für ein verrückter Traum: Tino Zetzsche sieht sich selbst mit einem Bier an der Bar stehen und schaut auf einen Tisch voller Rosen in Netzstrumpfhosen. Gerade kam er an einer Kreuzung vorbei und musste entscheiden, welchen Weg er geht. Nachts „So gegen drei“ passiert das, davon singt er mit dunkler Stimme zu erdigem Bluesrock. Es ist der Titelsong seines neuen Albums, dessen Text die meisten Menschen betrifft: Irgendwann muss man die Weichen für sein Leben stellen.

Tino Z, wie sich Zetzsche als Künstler nennt, wusste schon mit 15, wohin seine Reise gehen soll, jedenfalls seine berufliche: „Nach einem Konzert der Gruppe Freygang in Ruhland war mir klar, dass ich Musiker werden will“, erinnert er sich. Der junge Mann war besonders vom Gitarristen Reiner „Josta“ Gaszak fasziniert, der eine amerikanische Fender spielte.

Das war Anfang der Achtzigerjahre. Was aus diesem Traum geworden ist, führt Tino Zetzsche mit seiner Band am Freitag im Stadtkulturhaus Freital vor. Der Auftritt im da capo ist für ihn ein Heimspiel: Döhlen ist der Ort seiner Kindheit und Jugend. Dort ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen, dort hat er seine Berufsausbildung absolviert – zum Schmied im Edelstahlwerk Freital, und dort, in der Musikschule, bekam Zetzsche für seine Leidenschaft das handwerkliche Rüstzeug.

Schon mit 14 schrammelt Tino Zetzsche auf einer Gitarre herum, mit 16 gründet er seine erste Band namens D.K.M., die in der Kuppelhalle Tharandt probt. Dann leiht er sich von Ullrich Thomas, dem Sohn des kürzlich verstorbenen Döhlener Pfarrers Ralf Thomas, eine Gitarre, die über ein Röhrenradio verstärkt wird. Zetzsche spielt Eric Clapton nach und hört sich von einer Schallplatte das Solo von „Cocaine“ ab.

Damit stellt er sich bei Christian Langer in der Musikschule Freital vor – und kommt in ein Sonderprogramm zur Förderung besonderer Talente im Fach Plektrumgitarre. Der Unterricht dauert kein Vierteljahr, dann muss Tino Zetzsche zur Armee. Er dient anderthalb Jahre als Bausoldat. In der Kaserne übt er so oft es geht auf seinem Instrument. Kaum ist er zurück, geht er wieder in die Musikschule, die ihm schließlich am 30. Juni 1989, nach nur anderthalb Jahren Ausbildung, den höchstmöglichen Abschluss mit einem „Sehr gut“ bescheinigt: Sonderstufe und Kapellenleiter. Dafür sind normalerweise fünf Jahre Unterricht vorgesehen.

Seine Brötchen verdient er derweil mit diversen Jobs: als Briefträger, Nachtpförtner, Hilfsarbeiter in der Papierfabrik und im Anhängerbau Johne. Oder er verteilt für die Volkssolidarität Dresden das Mittagessen. „Ich wollte nur die Zeit überbrücken. Mein Ziel war, in Dresden an der Musikhochschule zu studieren“, sagt Zetzsche. Er besteht die Aufnahmeprüfung mit Bravour – und geht erst mal in den Westen.

Das will er schon lange, nun aber muss er nicht mehr auf die Bewilligung seines Ausreiseantrages warten: Die Grenzen sind offen. In Frankfurt am Main findet er eine Anstellung als Musiklehrer und verdient gutes Geld. Als ihn im Sommer 1990 ein Brief von der Musikhochschule erreicht, dass er sein Studium beginnen kann, lehnt er ab: „In Dresden war alles im Umbruch, die Professoren wechselten oder es gab keine mehr, darauf hatte ich keine Lust.“

Auch später hat er nicht mehr studiert – und es nie bereut. „Im Gegenteil, sonst könnte ich heute nicht das, was ich kann“, ist er überzeugt. „Ich wollte Rockmusik machen, und da lernt man draußen auf der freien Wildbahn mehr als an jeder Hochschule.“ Eine der ersten Bands, in denen er mitspielt, ist allerdings eine Jazzband, die sich „Sächsische Allgemeine“ nennt. Dann holt ihn Achim Wache zu „Liedschatten“, einer Bluesrock-Band, die als „Condor“ zu DDR-Zeiten verboten war und später wieder ihren alten Namen annimmt. Dort spielt Zetzsche die Musik, die ihm am meisten liegt, wie Renft und Rio Reiser.

1992 kehrt er nach Dresden zurück: „Ich fühlte mich in Frankfurt dann doch nicht zu Hause.“ Tino Zetzsche, der seit 1987 verheiratet ist und zwei Kinder hat, zieht mit seiner Familie nach Kreischa und macht eine Ausbildung zum Mediengestalter. Er arbeitet beim Freital-Fernsehen, wo er für die Texte und den Schnitt zuständig ist, und als Techniker für den MDR.

Nebenher treibt er seine musikalischen Projekte voran, gründet unter anderem die Rockband „Lone Wolf“, mit der er 1997 das erste Album herausbringt, das nur als Vinyl-Schallplatte erscheint – mit einem nicht jugendfreien Cover. Zwei CDs folgen. Als sich die Band wegen des tragischen Todes ihres Bassisten auflöst, tourt Zetzsche bis 2013 mit deren Gitarristen André Fahlke als „2 Handvoll“ durch die Lande.

2004 schließlich eröffnet Tino Zetzsche auf der Hechtstraße in Dresden seine eigene Gitarrenschule und später ein Studio. Die Nachfrage ist groß, er ist mittlerweile als einer der besten Rockgitarristen der Stadt anerkannt. Tino Zetzsche, der keinen Fernseher hat, geht endlich vollkommen in seiner Musik auf. Er unterrichtet, komponiert, textet, tourt mit Achim Wache und mit Band und bringt seine Songs auf CD heraus. 2013 bekommt er für sein Album „Tino Z und die heiße Marmelade“ einen „Grand Prix der Musikschaffenden“ in der Kategorie Bluesrock.

In jene Zeit etwa fällt auch seine „Wiederentdeckung“ Freitals. Im Keller der Kneipe „Jux“ gibt er mit Wache ein gefeiertes Konzert, wird zu den Kulturalltagen eingeladen, lernt Simone Lehmann vom Koordinationsbüro für Soziale Arbeit kennen und trifft schließlich im vergangenen Herbst auf die Akteursrunde Potschappel. Dort schlägt er eine Reihe mit Live-Musik vor, die er inhaltlich betreut und die künftig zehn Termine jährlich umfassen soll.

Die Premiere war vor zwei Wochen mit „Whysker“, nun steht Tino Zetzsche selbst auf der Bühne im da capo – begleitet von fünf seiner ehemaligen Meisterschüler. Darunter ist sein 28-jähriger Sohn Clemens. Auch er musste sich entscheiden, welchen Weg er geht. Er fand wie sein Vater den musikalischen sympathisch – und studiert jetzt in Cottbus Gesangspädagogik.

Tino Z & Friends, 26. Oktober, 20 Uhr, im Stadtkulturhaus Freital, Eintritt frei. www.tzmarmelade.de

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