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„Helfen ist wirklich nicht schwer“

Lars Dittrich, Ausbilder beim Roten Kreuz, verrät, wie man in Notfällen Hemmungen überwindet und Ängste bewältigt.

© Andreas Weihs

Von Annett Heyse

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Dem Frühling entgegenlaufen

Nach dem Motto nicht länger warten, sondern starten - treffen sich am 5. Mai wieder Laufsportfreunde zum Lauf-in-den-Frühling in Freital.

Freital/Dippoldiswalde. Groß war die Empörung in den Diskussionsforen im Internet, als Mitte Januar ein Fall von unterlassener Hilfeleistung in Freital bekannt wurde. Damals brach ein Mann morgens auf dem Weg zur Arbeit an einer Bushaltestelle zusammen. Zahlreiche Passanten waren zu dem Zeitpunkt unterwegs, niemand half zunächst. Ein Mann wählte schließlich die 112 – da muss der Patient schon mehr als eine halbe Stunde in der Kälte gelegen haben. Die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen – er starb nach der Einlieferung im Krankenhaus. Warum half niemand? Warum schauten alle weg? Hatten die Passanten Angst, das Falsche zu tun, und was wäre angebracht gewesen? Darüber sprach die SZ mit Lars Dittrich, Ausbilder für Erste Hilfe beim Deutschen Roten Kreuz in Freital und Notfallsanitäter in Dippoldiswalde.

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Tod auf dem Arbeitsweg

Ein Jahr ist es her, dass ein Mann hilflos an einer Freitaler Haltestelle liegengelassen wurde. Die Familie fragt sich bis heute, ob er noch leben könnte.

Herr Dittrich, als Sie von dem Fall in Freital hörten – was ging Ihnen da durch den Kopf?

Ich hatte das mitbekommen, bevor es in der Zeitung stand. Ich habe mich auch gefragt: Warum hat keiner geholfen? Das mindeste wäre gewesen, den Mann anzusprechen und nach Reaktionen zu schauen. Das sind die einfachen Dinge. Schließlich ist es nicht normal, dass jemand an einer Haltestelle liegt. Nichts machen heißt auch immer wegschauen. Und dann bewegt man sich schnell im Bereich der unterlassenen Hilfeleistung, wo es strafrechtlich relevant wird. Wenigstens den Notruf zu wählen, sollte jeder hinbekommen.

Was wäre in solch einer Situation angebracht gewesen?

Es gibt beim Auffinden einer hilflosen Person ein Schema, das wir empfehlen und auch in den Kursen vermitteln: anschauen-anfassen-ansprechen. Als allererstes und noch bevor man den Notruf wählt, sollte man sich den Patienten anschauen, sich einen Eindruck verschaffen. Ist er blass, hat er eine Verletzung, liegen vielleicht Gegenstände um ihn herum, die mit seinem Zustand in Verbindung stehen könnten? Hat er eine sichtbare Verletzung? Als nächstes folgt das Anfassen: Ist er warm, kalt oder nass, bewegt er sich? Dann folgt das Ansprechen und man schaut, ob er reagiert. Das kann jeder machen, das schafft auch jeder. Wer sich dann unsicher ist, wie er weitermachen soll, wählt den Notruf und schildert dem Disponenten in der Rettungsleitstelle die Situation.

Dann dauert es aber nochmals einige Minuten, bis Experten vor Ort sind.

Ja, aber diese Zeit kann man nutzen. Bewusstlose legt man in die stabile Seitenlage, damit sie nicht ersticken können. Wer von Erster Hilfe überhaupt keine Ahnung hat, kann sich vom Disponenten in der Rettungsleistelle anleiten lassen. Das klappt sehr gut und wird immer wieder gemacht.

Wie funktioniert das?

Per Telefon kann der Disponent Anleitungen geben – je nach Situation. Das ist wie beim Erste-Hilfe-Kurs: Machen Sie jetzt das, dann das, als nächstes müssen Sie das machen. Es gibt Fälle und die kommen gar nicht so selten vor, dass die Disponenten per Telefon die Herz-Lungen-Wiederbelebung anleiten, bis Rettungsdienst und Notarzt eintreffen. Das ist auch ganz wichtig, denn oft geht es um jede Minute.

Also muss man selbst als absoluter Laie eigentlich gar keine Angst haben, wenn man in eine solche Notsituation hineingeworfen wird?

Nein, man muss nur den ersten Schritt machen, nach dem Patienten schauen und den Notruf wählen. Jeder kann die Hilfe erst mal ins Rollen bringen, wirklich jeder. Klar ist man vielleicht erst mal erschrocken in einer solchen Situation, vor allem bei Unfällen. Als Notfallsanitäter habe ich den Vorteil, nicht nur über viel Wissen und Erfahrung zu verfügen, sondern mir bei der Fahrt zum Einsatzort Gedanken zu machen, wie ich gleich vorgehen muss und werde. Die hat ein Laie in der Notsituation nicht, weil die Zeit fehlt. Er muss ins kalte Wasser springen. Ich verstehe also durchaus, wenn man sich da erst mal sammeln muss. Aber dann muss man sich überwinden und eingreifen. Das ist gar nicht so schwer.

Wie holt man sich denn Unterstützung, zum Beispiel bei Umstehenden oder Vorbeieilenden?

„Hilfe, Hilfe“ rufen reicht meiner Meinung nach nicht. Man muss die Leute direkt ansprechen und auffordern, mitzumachen. „Kommen Sie, Sie helfen mir jetzt, Sie machen jetzt das und das. Und Sie übernehmen das...“, sind so Formulierungen, die wirken und zum Helfen motivieren. Gemeinsam ist man immer stärker.

Viele, welche die Erste Hilfe nicht beruflich brauchen oder von Unternehmen zum Auffrischungskurs geschickt werden, machen den Kurs genau einmal: Wenn sie die Fahrerlaubnis erwerben. Ist das Ihrer Meinung nach zu wenig?

Ja, ich wäre sehr dafür, dass auch Otto Normalverbraucher mehr in die Pflicht genommen wird. Die Erste Hilfe ist sehr schnelllebig. Da verändert sich immer wieder mal etwas. Wer vor 10, 15 oder 20 Jahren bei einem Kurs war, ist da gar nicht mehr auf dem Stand der Technik. Schön wäre zumindest eine Pflicht für jeden Autofahrer, das ab und zu zu wiederholen. Damit würde man schon einen Großteil der Bevölkerung erreichen. In einigen anderen europäischen Ländern gibt es so eine Vorschrift.

Aber man kann doch auch freiwillig an solchen Kursen teilnehmen, oder?

Ja, selbstverständlich. Wir bieten Grundkurse, Aufbaukurse, einzelne Module, Kurse für bestimmte Berufsgruppen und auch Spezialkurse an. Bei den einzelnen Modulen beispielsweise kann man noch mal bestimmte Handgriffe vertiefen, wie zum Beispiel die Herzdruckmassage . Bei den Spezialkursen handelt es sich um bestimmte Themengebiete wie Erste Hilfe für Sportler oder Erste Hilfe fürs Kind. Die wird gern von werdenden Eltern besucht, das kommt richtig gut an.