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Helfer schreiben Brief an Tillich

Sachsens Ministerpräsident will Flüchtlingshelfern danken, aber es häufen sich Absagen. Nun hat das Netzwerk „Dresden für alle“ einen offenen Brief an Tillich geschrieben.

© SZ

Dresden. Eigentlich wollte Stanislaw Tillich am Freitag fast 2 000 Gästen bei einer zentralen Feier den vielen Organisationen und Privatpersonen danken, die sich in Sachsen in der Flüchtlingshilfe engagieren. Doch die jüngsten Ereignisse in Löbau, Clausnitz und Bautzen lassen bei vielen Helfern keine Feierstimmung aufkommen. Auch die peinliche Einladung, welche die Staatskanzlei ausgerechnet an Pegida-Mitorganisator Siegfried Däbritz schickte, sorgt für Verstimmung. Zahlreiche Organisationen aus dem gesamten Freistaat werden am Freitag nicht zur Feier nach Dresden kommen.

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Ab auf die Terrasse in Löbau & Umgebung

Warme Tage, ein wolkenloser Himmel, Sonne bis in die späten Abendstunden und schon lockt es jeden nach draußen.

Das Netzwerk „Dresden für alle“ geht einen anderen Weg: Die Initiative hat auf Facebook einen offenen Brief an den Ministerpräsidenten veröffentlicht, in dem Tillich zur Unterstützung aufgefordert wird. Auch wird das Problem des stärker werdenden Rechtsextremismus in Sachsen thematisiert. Zugleich bittet „Dresden für alle“ andere helfende Vereine, Initiativen und Verbände, sie mit ihrer Unterschrift zu unterstützen. Den Brief wolle man mit möglichst vielen Unterzeichnern bei der Dankesparty Tillich übergeben. Trotz der Absagen soll die Feier in der Dresdner Energieverbundarena stattfinden: Erst am Dienstag hatte Tillich dazu bei einer Pressekonferenz gesagt, man werde an der seit langem geplanten Veranstaltung festhalten. (szo)

Der offene Brief im Wortlaut:

„Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Stanislaw Tillich,

die neuesten Ereignisse in Sachsen schockieren und beschämen uns. Vielerorts in Sachsen kommt es zu öffentlichen Anfeindungen und sogar zu Gewalttaten gegenüber geflüchteten Menschen und deren Unterkünfte.

Die Dankesveranstaltung ist ein Signal der Wertschätzung. Ein echtes Zeichen der Wertschätzung unserer Arbeit wären aber ernst gemeinte politische Aktivitäten auf verschiedenen Ebenen.

Wir als engagierte Ehren- und Hauptamtliche wollen gehört werden. Aber vor allem wollen wir unterstützt werden. Das Problem des stärker werdenden Rechtsextremismus in Sachsen ist anzugehen und klar dazu Stellung zu beziehen. Als oberster Verantwortungsträger des Freistaates Sachsen fordern wir von Ihnen den unmissverständlichen Einsatz gegen die sich mehrenden Angriffe gegen die Grundfesten unserer Verfassung. Unsere freiheitlich-demokratische Art zu denken und zu leben steht auf dem Spiel.

Wir erwarten von Ihnen, diese Grundwerte zu schützen. Seien Sie vor Ort, wenn Menschen diese Grundwerte und geflüchtete Menschen bedrohen und sträflich verletzen. Treten Sie politischen Hetzern wie der AfD oder Politikern aus ihrer eigenen Partei entschieden entgegen. Fördern Sie das bürgerschaftliche Engagement für geflüchtete Menschen. Klären Sie umstrittene Polizeieinsätze zügig auf und zeigen Sie durch das zügige und transparente Ziehen von Konsequenzen, welche Prinzipien der Freistaat Sachsen vertritt.

Nehmen Sie uns als Partner wahr. Wir wollen, können und werden den Prozess der Integration unterstützen und mit dafür Sorge tragen, dass ein friedliches Zusammenleben aller Menschen in Sachsen gelingt. Wir wollen helfen, brauchen dazu aber auch die Bereitschaft, den Willen und die nötigen Informationen. Diese werden uns viel zu oft von den zuständigen Behörden vorenthalten.

Zentral ist für uns auch, dass geflüchtete Menschen nicht nur als „Objekt“ gesehen werden, über das debattiert wird. Binden Sie die geflüchteten Menschen mit ein. Reden Sie nicht ÜBER sondern MIT ihnen und Sie werden feststellen, dass aus einer neuen Perspektive neue Lösungsansätze entstehen, die den Diskurs bereichern.

Dieser Brief soll deutlich machen, dass wir mit der jetzigen Situation und dem Umgang mit dieser sehr unzufrieden und enttäuscht sind. Kommen Sie auf uns zu und lassen Sie uns gemeinsam den Angriffen auf unsere Grundwerte entgegenstellen und die Herausforderungen der Integration sachlich und konstruktiv auf Augenhöhe miteinander bewältigen.“