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Henzes Herz schlägt weiter

Der Tod des Kanuslalom-Trainers bei Olympia in Rio verhilft einer Brasilianerin zum Lebensglück.

© dpa

Von Christina Schröder

Tränen strömten über das Gesicht von Ivonette Balthazar. Die 67-Jährige hatte gerade bei einem Straßenlauf an der Copacabana die Ziellinie überquert. Da wurde sie von ihren Gefühlen übermannt. „In mir schlägt das Herz eines jungen Athleten“, sagte die Brasilianerin überglücklich. Es ist das Herz des bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro tödlich verunglückten deutschen Kanuslalom-Trainers Stefan Henze. Seit 13 Monaten schlägt es in ihrer Brust.

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Gut ein Jahr nach ihrer Transplantation nahm sie an einem Drei-Kilometer-Rennen an der berühmten Strandpromenade teil: Startnummer 2 799, lila Laufschuhe, grünes Trikot. Kurz vor dem Startschuss hatte sie sich entschlossen, zu gehen statt zu laufen. Sie wollte lieber nicht so viel riskieren. Denn für die Seniorin, die vor der Organspende kaum noch sprechen und gehen konnte, war es der erste Test ohne medizinische Überwachung – der erste Auftritt in „Freiheit“. Dieser Lauf „ist eine Herausforderung für mich und ihn. Wir sind beide da“, sagte Balthazar. Um ihren Hals baumelte ein Pappschild in Herzform mit der Aufschrift „Ich habe ein transplantiertes Herz“. Seit sie Henzes Organ bekam, seien der Olympia-Zweite von 2004 in Athen und sie ein Team der besonderen Art. 2012 hatte die fünffache Großmutter einen Herzinfarkt erlitten und war mit nur 40 Herzschlägen pro Minute ohne Transplantation dem Tod geweiht. Es war das Ergebnis jahrelanger Arbeit und der Raucherei. Obwohl sie auf Platz eins der Warteliste vorgerückt war, gab es kaum Hoffnung auf eine Rettung. Organspenden werden in ihrem Heimatland nicht so häufig durchgeführt.

Doch dann kam der 15. August 2016. Den Tag des für Balthazar erlösenden Anrufes des nationalen Institutes für Kardiologie feiert sie als ihren zweiten Geburtstag. Es war der Tag, an dem Henze starb. Bei einem Autounfall hatte er ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten und war drei Tage später an den Folgen der Verletzung gestorben. Jeden Tag, an dem Balthazar sich mit Mann, Kindern und Enkeln über ihr geschenktes Leben freut, „weint eine andere Familie“. Balthazar würde zu gern die Mutter ihres Lebensretters kennenlernen, um sie „zu umarmen und ihr zu danken“. Nach seinem Tod hatte die Familie des 35-Jährigen der Organspende zugestimmt, neben Herz auch Leber und beide Nieren freigegeben, die jeweils erfolgreich vier schwer kranken Patienten transplantiert wurden. (sid)