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„Herr S. würde über Leichen gehen“

Ein Zeuge beschreibt den mutmaßlichen Rädelsführer aus Freital als sehr aggressiv. Ein Mitangeklagter fühlt sich bedroht.

© dpa

Von Karin Schlottmann

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Früher, sagte der Zeuge, habe er Timo S. bewundert. Der habe einen Beruf gehabt und er stand im Mittelpunkt. „Felix, mein Guter, was läuft?“, habe S. zu ihm gesagt. Er beschreibt sich selbst als Mitläufer, der gern an der Seite des Älteren gewesen sei. Dann kam es nach einer Demonstration gegen Flüchtlinge vor dem Leonardo-Hotel in Freital zu einer Verfolgungsjagd auf linke Demonstranten. Mit 180 Stundenkilometern sei Timo S. über die Straße gejagt, um den Wagen zu stoppen. „Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der so viel Hass in sich hat.“

Nach dem Überfall, bei dem Timo S. und andere mit einem Baseballschläger Autoscheiben zertrümmerten und einen Insassen verletzten, wandte sich der Zeuge an die Polizei. Er belastete S., der für diese Tat bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Der Zeuge gilt seitdem in seiner alten Clique als Verräter. „Felix muss getötet werden“, hieß es im Chat. Vor dem Oberlandesgericht Dresden berichtet der Zeuge am Freitag, dass S. ihn nach seiner Aussage unter Druck gesetzt habe. Er habe ihm ein Foto seiner schriftlichen Aussage geschickt und gefragt, was das solle. Er habe sich bedroht gefühlt und um Polizeischutz gebeten.

S. muss sich seit Anfang März vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts Dresden mit sieben Mitangeklagten wegen Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung und versuchten Mordes verantworten. Die Anklage legt den mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppe Freital mehrere Sprengstoffanschläge auf Wohnungen, ein Büro und ein Fahrzeug in Freital und Dresden zur Last. Auch in diesem Prozess sagte der Zeuge gegen sein einstiges Vorbild aus. „Ich kann es nur immer wieder sagen, Herr S. würde über Leichen gehen.“ Er könne sehr schnell sehr aggressiv werden. Wenn er Führer wäre, würde er Köln zerbomben und alle Homosexuellen vernichten, soll S. einmal gesagt haben. „Ich fühlte mich angegriffen, ich habe einen Freund“, sagte der 23-jährige Zeuge.

Er gab zu, selbst als Anmelder und Ordner bei Demonstrationen gegen Flüchtlinge aufgetreten und Mitglied der sogenannten Bürgerwehr Freital gewesen zu sein. Die Gruppierung, die der Busfahrer Timo S. ins Leben gerufen hatte, gerierte sich als Sicherheits-Patrouille im Regionalverkehr. „Eine idiotische Idee“, räumte er ein. Was denn so falsch daran sei, sich für Sicherheit und Ordnung zu engagieren, will Rechtsanwalt Martin Kohlmann von ihm wissen. Wenn er Timo S. nicht kennengelernt und bei den Demonstrationen nicht mitgemacht hätte, könnte er heute in Ruhe leben, entgegnet der Zeuge. Felix W. ist der zweite Zeuge aus dem Umfeld der Gruppe Freital, der in diesem Strafverfahren aussagen musste.

Dirk Abraham, der für die rechtsextreme NPD im Stadtrat in Freital sitzt, berief sich am Freitag auf sein Auskunftsverweigerungsrecht. Der Vertreter der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, Oberstaatsanwalt Jörn Hauschild, sagte, gegen Abraham werde wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung ermittelt. Anlass dafür könnte die Aussage des jüngsten Angeklagten Justin S. sein. Nach dessen Angaben sei Abraham vollwertiges Mitglied der Gruppe Freital gewesen.

Justin S., der in den ersten Verhandlungstagen ausgesagt und seine Mitangeklagten belastet hat, wird in der Untersuchungshaft angeblich bedroht. Die Justizvollzugsanstalt Zwickau, in der dieser in Untersuchungshaft sitzt, hat Gericht und Verteidigung über entsprechende Gerüchte informiert. Timo S. solle Geld dafür geboten haben, dass Justin S. die Zähne ausgeschlagen werden. Der Verteidiger des jüngsten Angeklagten sagte, sein Mandant habe Angst, abgestraft zu werden. Dessen Eltern würden gar von Morddrohungen sprechen. Justin S. müsse notfalls in ein anderes Gefängnis verlegt werden.

Der Vorsitzende Richter Thomas Fresemann kündigte an, demnächst vorsorglich weitere Verhandlungstermine festzulegen. Er könne nicht ausschließen, dass die Beweisaufnahme länger dauere, als ursprünglich angenommen und daher nicht im September abgeschlossen werden könne.