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Hier sind wir gerne runtergerutscht

Am Samstag zog es viele Baudaer zu ihrer alten Schule – das Gebäude wurde zu einem attraktiven Wohnhaus umgebaut.

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© Anne Hübschmann

Bauda.

Es war natürlich verboten, und genau deshalb erinnern sich die ehemaligen Schüler gern daran: Fast jeder von ihnen ist schon einmal das Holzgeländer im Treppenhaus des Baudaer Schulgebäudes hinuntergerutscht. „Wenn ich heute daran denke, wie leicht ich mir hätte einen Splitter einziehen können“, sagt Silke Kaiser, die zu den letzten Absolventen der Dorfschule gehört. Die Baudaerin ist eine von mehr als 100 Besuchern, die beim Tag der offenen Tür ihre alten Klassenräume besichtigen wollen. In denen werden künftig zwei Familien leben. „Ich habe den Maler lieber zurückgepfiffen“, erklärt Bauherr Christian Freund. Ein frisch gestrichenes Geländer hätte bei dem großen Besucherandrang wohl zu diesem oder jenem Missgeschick geführt. Zwar wollte keiner der mittlerweile erwachsenen und oft schon ergrauten Gäste die Rutschpartie noch einmal starten, aber zur Erinnerung mal über den Handlauf zu streichen, ließ sich fast keiner nehmen.

Generationen von Baudaern, Wildenhainern, Colmnitzern und Waldaern haben in dem 100 Jahre alten Gebäude gegenüber der Dorfkirche die Schulbank gedrückt. Einige verbrachten die Grundschulzeit hier, spätere Jahrgänge absolvierten dann die höheren Klassenstufen. „Es gab sechs Klassen, aber nur fünf Unterrichtsräume“, erinnert sich Silke Kaiser. „Eine musste deshalb immer zum Sportunterricht, der drüben im Saal der Gaststätte oder auf dem Sportplatz stattfand.“

1980 kam der Waldaer Plattenbau

Zu Beginn der 1980er Jahre wurde im benachbarten Walda ein neues Schulgebäude errichtet. Der Plattenbau bot genügend Platz für alle Kinder aus den umliegenden Dörfern. Die Baudaer Schule diente dann als Gemeindeamt, Bibliothek, Arztstation, zuletzt als Jugendklub. Als der Ort nach Großenhain eingemeindet wurde und mit dem „Kabinett“ ein Dorfgemeinschaftshaus bekam, stand das Gebäude leer und begann zu verfallen. „Wir haben schon überlegt, ob wir es abreißen lassen und an seiner Stelle einen kleinen Dorfplatz gestalten“, erklärt Stadtrat Peter Grünberg. Letztlich aber entschied sich das Rathaus für den Verkauf. Die Kommune erwarb die Räume im Obergeschoss, die der Kirche gehörten, und hielt Ausschau nach einem Interessenten. Der Thiendorfer Heizungsbauer Christian Freund erwies sich dann als echter Glücksgriff. Freund hat ein Herz für alte Schulgebäude. Er baut sie zu Wohnhäusern um, und erhält dabei vieles von ihrer historischen Substanz. Das hat er schon bei der alten Folberner Schule so gemacht, und auch in Bauda bleiben die Treppen, das Geländer und die Fußbodenfliesen in den Gängen, wie sie einmal waren. Sogar eine Spur vom charakteristischen Schulgeruch ist noch geblieben.

Das gab den Dorfbewohnern am Samstag noch einmal Gelegenheit, so richtig in Erinnerungen zu schwelgen. „Meine Oma Else war hier so etwas wie die Hausmeisterin“, erzählt Birgit Leutritz. „Sie hat die Kohlen für die Öfen vom Keller bis unters Dach geschleppt, und die Kinder sind meistens nur an ihr vorbeigerannt.“ Im Kellergeschoss war auch die Schulküche untergebracht, die meistens etwas Leckeres für die Schüler bereithielt. In Erinnerung geblieben sind Birgit Leutritz dabei weniger die Eintöpfe, sondern eher Pudding, Grießbrei und Rote Grütze. Und stand dort drüben nicht der Fahrradschuppen, wo sich die Mädels heimlich mit den Jungs trafen? Bauherr Christian Freund erntete am Sonnabend viel Anerkennung für seinen achtsamen Umgang mit der Baudaer Schulhistorie. Viele ehemalige Schüler und Lehrer wohnen noch im Dorf oder in der Umgebung, und jeder hätte es bedauert, wenn das Gebäude dem Abrissbagger zum Opfer gefallen wäre. Ein wenig kokettiert der Thiendorfer dabei mit seinem Ruf als Retter alter Schulhäuser. „Der Schul-Freund“ hat er auf die Fassade malen lassen.

Die Entscheidung war nicht falsch

Für diese Woche sind bereits die ersten Interessenten zur Besichtigung der beiden Wohnungen angemeldet. Spätestens im Herbst wird dann wieder Leben in das sanierte Schulgebäude einziehen. Sehr zur Freude auch von Großenhains Oberbürgermeister Sven Mißbach. „Uns wird ja oft vorgeworfen, dass wir das Tafelsilber der Stadt verscherbeln“, sagt der OB am Samstag bei seiner Stippvisite in Bauda. „Aber wenn es den Ortsteilen auf diese Art erhalten bleibt, kann die Entscheidung ja nicht so falsch gewesen sein.“