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Hilfe in eisiger Nacht

Die Dresdner Heilsarmee ist jetzt jeden Abend auf „Kältestreife“ in der Stadt. Sie versorgt Obdachlose mit Tee und Suppe - wenn sie es wollen.

© Sven Ellger

Von Juliane Richter

Die drei Türme des Kraftwerks Nossener Brücke stoßen Rauchschwaden in die sternenklare Nacht. Damit die Dresdner bei den permanenten Minusgraden nicht frieren, läuft das Kraftwerk auf Hochtouren. Nur wenige hundert Meter entfernt streifen Gert und Rosi Scharf vorsichtig über eine Brache, zwischen trockenen Brombeersträuchern hindurch, über eine kleine Steinmauer. Auch sie wollen das Frieren verhindern – oder zumindest erträglicher machen.

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Schneller, weiter, höher – verspannter?

Hektik und Stress, das fordert seinen Tribut. Schmerzen im Nacken und Rücken, Überforderung, Unruhe und Anspannungen sind die Folge. 

Heilsarmee im Kälte-Einsatz

„Hallo, hier ist die Heilsarmee. Nicht erschrecken“, ruft Rosi Scharf. Vor einer kleinen Baracke bleiben sie stehen. Schon die letzten drei Nächte waren sie hier und haben angeklopft, weil sie in dem Gebäude Obdachlose vermuteten. Doch niemand hat sich gezeigt. Das Ehepaar ist derzeit jede Nacht zwischen 20 und 23 Uhr als „Kältestreife“ unterwegs und versorgt Obdachlose mit heißem Tee, Suppe, Schlafsäcken und Decken. Wenn diese wollen.

Die Stadt hat in ihren Obdachlosenunterkünften vergangenes Jahr rund 260 Männer und 70 Frauen betreut. Die Dunkelziffer von Menschen, die keine Wohnung haben, dürfte deutlich höher sein, denn viele Obdachlose meiden trotz der lebensgefährlichen Kälte die Unterkünfte. Aus jahrelanger Erfahrung kennen Gert und Rosi Scharf einige Unterschlüpfe, auf andere werden sie hingewiesen. Doch oft ziehen die Obdachlosen in derart eisigen Nächten lange umher, um sich warmzuhalten. Erst wenn sie nicht mehr können, suchen sie ihren Platz auf.

In dieser Nacht haben Rosi und Gert Scharf Glück. Aus einer im Dunkeln kaum erkennbaren Seitentür kommt Steffen, 51, schlank, mit glasigem Blick. Im ersten Moment fürchtet er, das Paar mit den neongelben Warnjacken gehört zur Polizei. Als er begreift, dass Scharfs keinen Ärger machen, kommt er bereitwillig mit zum Auto. Eine Stunde zuvor hat das Ehepaar den Kofferraum mit zwei gelben Kisten beladen. Darin sind sieben Kannen mit heißem Wasser, mehrere Fünf-Minuten-Terrinen und Teebeutel. „Und woher wisst ihr, dass wir hier sind?“, fragt Steffen. Ein Radfahrer hat abends Feuer im Flachbau gesehen und die Heilsarmee angerufen. Rosi Scharf ist sofort hingefahren, hat einen Zettel mit ihrer Handynummer, einen Schokoriegel sowie einen Schlafsack hinterlassen. Den hat Steffen gefunden, aber noch nicht ausgepackt. „Ich habe doch meine Decken, zwei Matratzen.“ Manchmal grillt er in der Baracke – deshalb das Feuer. Trotzdem friert der 51-Jährige. Mit hochgezogenen Schultern steht er da, freut sich riesig über den schwarzen Tee und die kleine Suppe.

Alkohol wärmt kurzzeitig

„Das ist doll. Und woher wisst ihr, dass wir hier sind?“ Vier- oder fünfmal stellt er diese Frage. Der Alkohol spricht aus ihm. „Wir trinken nur das harte Zeug. Braunen. Der wärmt richtig durch.“ In den Räumen der Heilsarmee in Reick, in denen Bedürftige tagsüber eine warme Zuflucht finden und Mahlzeiten bekommen, ist Alkohol streng verboten. Bei minus sieben Grad und eisigem Wind hat der 60-jährige Gert Scharf Verständnis für das Trinken, weil es kurzfristig wärmt. Doch gerade hier kann es gefährlich werden.

Vereinzelt gab es in den vergangenen Jahren Meldungen von verstorbenen Obdachlosen in den Wintermonaten. „Lieber wecken wir bei unserer Runde jemanden einmal zu viel, als dass er gar nicht mehr aufwacht“, sagt Scharf. Der obdachlose Steffen hat inzwischen Vertrauen gefasst und führt das Paar zu einem zweiten Abrissgebäude. Scharfs halten stets einen gewissen Abstand. Aus Respekt, weil sie nicht in jenen Bereich eindringen wollen, der für die Obdachlosen Privatsphäre bedeutet.

Wenig später kommt Steffen mit Siggi wieder. Der ist 68 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren auf der Straße. Damals ist seine Frau aus Dresden weggezogen – den Ehering trägt er noch. Sie weiß nichts von seinem jetzigen Leben, genauso wenig wie die beiden Söhne. Nur seine Schwester, der er manchmal scherzhaft von „meiner Suite“ erzählt, ist im Bilde. Siggi ist studierter Maschinenbauer und hat sich nach der Wende von Firma zu Firma in die Rente gerettet. Seit einem Jahr lebt er auf dem Gelände. Auf der Straße bleiben will er nicht, 16 Anläufe habe er zu einer Wohnung genommen. Nie hat es geklappt.

„Die Obdachlosen sind wie der Bodensatz in der Kaffeekanne. Von den Behörden werden sie oft wie der letzte Dreck behandelt. Das sorgt für Verbitterung“, sagt Gert Scharf. Seit 2011 leitet er mit seiner Frau die Dresdner Heilsarmee. Das Ehepaar trifft den richtigen Ton, geht respektvoll und ohne Berührungsängste auf die Obdachlosen zu. Aber sie beschönigen nichts, sprechen auch offen über tobende, Angst einflössende Männer. Auch Unordnung ist ein Problem. So pfeffert Steffen seinen leeren Teebecher ins Gebüsch.

Er und Siggi sind sichtlich dankbar für die unerwartete Hilfe. In ein Obdachlosenheim wollen sie nicht, Steffen sei dort ein Rucksack mit Kleidung gestohlen worden. Am nächsten Abend wollen Scharfs mit wärmeren Sachen wiederkommen. Zumindest für Steffens eiskalte Hände gibt es gleich Linderung. Gert Scharf steckt ihm seine eigenen Handschuhe zu.

Das Ehepaar fährt weiter. In der Nähe der Augustusbrücke liegen zwei ungarische Männer. Einer schläft auf einer Matratze. Scharf legt eine weitere Decke auf ihn. Der andere Mann hustet schwer, will aber keinen Tee. „Alles ok“, sagt er. Ihre Schlafplätze sollen geheim bleiben, denn Besuch bedeutet meist Ärger. Die letzte Station dieser Nacht ist ein kleines Zelt nahe der Waldschlößchenbrücke. Erleichtert stellen Scharfs fest, dass Zettel und Schokoriegel vom Vorabend noch da sind. Offenbar hat dieser Wohnungslose einen besseren Platz gefunden. Trotzdem will das Paar jeden Abend wieder vorbeischauen.

Wer die Heilsarmee unterstützen will, kann dicke Schlafsäcke und Decken spenden und melden, wo sich Obdachlose in Not befinden. Hinweise an 0163-8687664.