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Himmelfahrt im Jugendstil

Otto Gussmann malte in Hainsberg sein Meisterstück. Nun wird auf ihn angestoßen.

© Thomas Morgenroth

Von Thomas Morgenroth

Freital. Mit ausgebreiteten Armen, des irdischen Daseins längst entrückt, steigt Jesus zu seinem Gottvater auf. Die Himmelfahrt des gekreuzigten und wiederauferstandenen Christus ist Gegenstand zahlloser Bilder in den Kirchen dieser Welt. Nur in Hainsberg aber findet das wunderbare Ereignis in einem frühlingsgrünen Birkenhain statt. Während der strahlenumkränzte Heiland von zwei Engeln begleitet die Erde verlässt, stehen elf Apostel – Judas gab es schon nicht mehr – zwischen weißen Baumstämmen und fragen sich staunend und besorgt, was nun passieren wird. Es ist der Beginn einer neuen Art des Glaubens, einer neuen Religion – des Christentums.

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Höhepunkt ist Christi Himmelfahrt in der Apsis:
Höhepunkt ist Christi Himmelfahrt in der Apsis: © Thomas Morgenroth

Der Dresdner Akademieprofessor Otto Gussmann (1869-1926) hat das in der Bibel beschriebene Ereignis, das die Welt grundlegend veränderte, in beeindruckender Weise in die Apsis der Hoffnungskirche Freital-Hainsberg gemalt. Von dem leuchtenden sphärischen Blau und dem darin schwebenden Jesus geht eine Faszination aus, die nicht allein der künstlerischen Meisterschaft geschuldet ist. Gussmann verlieh seinen religiösen Szenen eine Transzendenz, die andere Künstler nicht erreichten. Er malte den Glauben selbst, das Paradoxon des nahen und fernen Gottes – und das im reinsten Jugendstil.

Die bis 1911 andauernde monumentale Ausmalung der 1901 geweihten Hoffnungskirche ist Gussmanns Meisterstück, bei dem er von seinen Schülern unterstützt wurde, darunter dem „Brücke“-Maler Max Pechstein. Mit dem Architekten Fritz Reuter gelang Gussmann mit Wandmalereien, Ornamenten, Schriftzügen und großen Glasfenstern, die wichtige Stationen aus dem Leben Christi zeigen, ein Gesamtkunstwerk, das im Dresdner Raum einzigartig ist. Von 1985 bis 1990 aufwendig saniert, ist die Hainsberger die einzige Kirche, in der noch heute der Charakter Gussmannscher Dekorationen in Verbindung mit der Architektur vollständig erlebbar ist. Viele seiner Arbeiten in Dresden, wie die Fenster der Christuskirche in Strehlen, wurden im Krieg zerstört.

Nun wird die Hoffnungskirche Teil einer Ausstellung der Städtischen Sammlungen Freital, jedenfalls für einen Abend: Schloss Burgk, das derzeit Gussmann und seine Schüler mit einer großen Sonderschau würdigt, lädt im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe Musecco zu Sekt, Vortrag und Musik nach Hainsberg ein. Während Direktor Rolf Günther zu Gussmann spricht, spielt Erika Schmidt, die von 1971 bis 2004 Kantorin in der Kirche war, Stücke an der Jehmlich-Orgel, die zu Gussmann und seiner Zeit passen – von Friedrich Zipp, Max Reger und Gottfried Fischer.

Zu den Gästen wird auch Christian Burkhardt gehören. Der Hainsberger war von 1989 bis 2002 Pfarrer in der Hoffnungskirche und hat sich intensiv mit Gussmann befasst. „Nicht nur künstlerisch, auch inhaltlich sind die Malereien besonders“, meint der 75-Jährige, für den die Bilder ein in sich  geschlossener Gedankengang sind, eine Predigt, ein Glaubensbekenntnis. Mit Einmaligkeiten, wie das als Kreis dargestellte mauerumkränzte und zinnenbewehrte „Himmlische Jerusalem“ in Untersicht an der Decke im Zentrum der Kirche. „Das gibt es so sonst nirgendwo auf der Welt“, sagt Burkhardt. Auch der Einzug in Jerusalem, den Gussmann auf die Wand vor dem Altarraum malte, ist eine eher selten dargestellte biblische Szene, in die der Künstler bereits das Kreuz, an dem Jesus sterben wird, als Motiv einbringt.

Und dahinter fährt Christus im Birkenwäldchen in den Himmel. Der Altarplatz mit den dunkelgrünen Glasfenstern und der blauen Halbkuppel wirkt wie eine Konzertmuschel, ein Anblick, den Christian Burkhardt beeindruckender findet als die Bühne der Dresdner Semperoper.

Musecco mit Vortrag und Konzert in der Hoffnungskirche Freital-Hainsberg am 26. September, 19 Uhr, Eintritt 12,50 Euro; Ausstellung Otto Gussmann und sein Schülerkreis, bis 22. Oktober, auf Schloss Burgk, geöffnet Di. bis Fr. 13-16 Uhr, Sa./So. 10-17 Uhr.