Merken

„Hinter allem steht die pure Verzweiflung“

Schon fünf getötete Babys in diesem Jahr in Sachsen. Warum tun Frauen so etwas? Die SZ im Gespräch mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer.

Teilen
Folgen

Von Carola Lauterbach

Zum fünften Mal in diesem Jahr ist in Sachsen das Unfassbare passiert: Eine Frau bringt ihr Kind zur Welt und tötet es – vermutlich – , versteckt es. Warum tun Frauen das?Es sind vielfach sehr junge Frauen, denen die Schwangerschaft absolut quer kommt. Die damit nichts anfangen können. Die keine Unterstützung sehen, kein Vertrauen haben in ihr Umfeld, in den Erzeuger ihres Kindes, sich sehr allein gelassen fühlen. Und die dann die Schwangerschaft leugnen und verdrängen, sogar vor sich selbst.

Heißt das auch, sie planen, ihr Kind zu töten?Sicherlich nicht. Manche der Frauen, davon gehen wir aus, haben bis zuletzt geschwankt. Das zeigt das Beispiel des erst in dieser Woche in im Vorraum einer Sparkasse ausgesetzten Babys. Hier hat sich vermutlich eine Frau entschieden, das Kind nicht zu behalten. Sie will aber, dass es entdeckt wird, Hilfe bekommt. Andere entscheiden sich spontan nach der Geburt, das Kind zu töten. Wir wissen nicht, was die grauenhafte Stress-und Überforderungssituation, allein eine Entbindung durchstehen zu müssen, bei ihnen auslöst. Vielfach wird vermutlich eine postnatale Depression vorliegen. Die Wissenschaft weiß, dass sich Frauen durch die Hormonumstellung unmittelbar nach der Geburt in massiven psychischen Krisen befinden können.

Und immer behauptet selbst das unmittelbare Umfeld, nichts von der Schwangerschaft bemerkt zu haben. Kann man das denn glauben?Ich denke schon. Diese Frauen haben von vornherein nicht vor, jemanden an ihrem Geheimnis teilhaben zu lassen. Sie schnüren sich ein. Sie verhalten sich nicht schwangerschaftsgerecht. Geben höchstens zu, eben dicker geworden zu sein. Da wird also viel Aufwand für die Geheimhaltung betrieben. Hinter allem steht die pure Verzweiflung, die sie offenbar auch Abtreibungstermine versäumen lässt. Sie sehen die Alternativen nicht, die es ja durchaus gäbe, Adoptionsfreigabe, Babyklappe. Die Tatsache, dass sie das aber nicht tun und die Frage, warum nicht, wird uns im Institut ab der kommenden Wochen sehr intensiv beschäftigen. Wir haben soeben vom Bundesfamilienministerium Mittel bekommen, um mit 40 Frauen, die ihr Kind nach der Geburt getötet oder ausgesetzt haben, ausführliche wissenschaftliche Interviews durchführen zu können. Wir haben die Hoffnung, dass die Frauen sich öffnen wollen, damit wir ihre Verzweiflung nachvollziehen können: Das, was in ihren Köpfen vorgeht. Wie lange sie unentschlossen waren. Wir werden in allen Fällen die Gutachten über den Psychozustand der Frauen einbeziehen. Solch eine Befragung hat es bislang noch nicht gegeben.

Während die junge Frau aus der Sächsischen Schweiz, die jetzt in Haft ist, schwanger war, hat es mindestens zwei Fälle von Kindstötung gegeben, über die in allen Medien berichtet wurde. Bewirkt so etwas denn gar nichts bei diesen Frauen?Das ist auch eine spannende Frage, für die wir keine Antwort haben, wo wir uns aber mit den Interviews Aufklärung erhoffen. Zumal es sich ja um Frauen handelt, die – wie im konkreten Fall – über die nötige Klugheit verfügen, um sich Folgen ausmalen zu können. Solche Fragen müssen wir stellen. Wir wissen auch nichts darüber, warum es in Ostdeutschland dreieinhalb mal mehr Neonatizide (Tötung innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt, d. Red,) gibt als in Westdeutschland.

Wenn es Frauen nun zum Äußersten kommen lassen und ihr Kind töten, muss ihnen dann nicht eine kriminelle Energie unterstellt werden?
Das würde ich nicht gern tun. Es ist vielmehr eine beachtliche Energieleistung, das alles geheim zu halten und eine Entscheidung vor sich herzuschieben. Wenn man sich die Gerichtsurteile gegen solche Frauen anschaut, fällt auch auf, dass sie im Vergleich zu Müttern, die ihr schon ein-, zwei-, dreijähriges Kind verhungern lassen oder durch Misshandlung töten, erheblich milder bestraft werden. In den Prozessen gegen Frauen, die ihr Kind unmittelbar nach der Geburt töten, erkennt die Justiz immer mildernde Umstände aufgrund der Zwangslage, in der sie sich befinden.