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Historiker muss hinter Gitter

Prozess. David Irving wurde wegen Leugnung des Holocaust zu drei Jahren Haft verurteilt.

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Von Jochen Wittmann,SZ-Korrespondent in London

„Ich habe meine Ansichten geändert“, hatte der Historiker David Irving gestern in Wien zu Beginn des Prozesses erklärt. Er gab zu, Naziverbrechen geleugnet zu haben, bestritt aber, ein Leugner des Holocaust zu sein. In den vergangenen Jahren habe er Einsicht in neues Forschungsmaterial gehabt, das die Existenz der Gaskammern beweise. Die Richter befanden David Irving dennoch für schuldig, während einer Vortragsreise durch Österreich 1989 die Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis bestritten zu haben.

Kontakt zu Alt-Nazis

Irving hatte erst auf Umwegen zur Geschichtsschreibung gefunden. Zuerst probierte er es mit einem Physikstudium, das er vorzeitig abbrach. Dann versuchte er vergeblich, in die Royal Air Force einzutreten. Schließlich fand Irving in Deutschland seine Mission: Als er Anfang der 60er Jahre in den Stahlwerken des Ruhrgebiets arbeitete, hörte er von den Schrecken des britischen Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg. Zurück in England schrieb er das 1963 veröffentlichte Buch „Die Zerstörung von Dresden“, in dem er provokant von einem „alliierten Holocaust“ sprach. Das Buch öffnete ihm die Tür zu deutschen Alt- und Neo-Nazi-Kreisen. Irving war fortan oft auf Beerdigungen von Wehrmachtsoffizieren zu sehen und knüpfte dort Kontakte, die ihm bei der Abfassung weiterer Werke über die Nazi-Zeit halfen.

In den 80er Jahren wurde der Brite ein gern und häufig eingeladener Sprecher in neo-nazistischen Kreisen in Deutschland und Österreich.

Was Irving so gefährlich machte, war sein Ruf in der Historikerzunft, er könne die verstecktesten Dokumente aufspüren und habe Kontakte zu Kreisen, zu denen die meisten seiner Kollegen keinen Zugang haben. Ungeachtet seiner enzyklopädischen Kenntnis der Nazi-Ära wurde seine Reputation im Jahr 2000 in einem Londoner Prozess umfassend diskreditiert. Dort wurde ihm höchstrichterlich bescheinigt, „ein aktiver Holocaust-Leugner, ein Antisemit und Rassist“ zu sein, der sich mit Rechtsextremen gemein gemacht habe. (mit dpa)