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Höhlen schleppen für den Wiedehopf

In der Oberlausitz sollen 40 Nisthilfen für den seltenen Vogel aufgestellt werden.

© Wolfgang Wittchen

Von Irmela Hennig

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Oberlausitz. Es stinkt im Auto von Marko Zischewski. Zumindest immer dann, wenn der Mitarbeiter der Sächsischen Vogelschutzwarte mit Sitz in Neschwitz bei Bautzen unterwegs ist, um Wiedehopfe zu beringen. „Die Jungvögel und Weibchen haben ein starkes Abwehrsekret“, sagt der Diplom-Ingenieur für Landschaftsnutzung und Naturschutz.

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Es nützt ihnen aber nichts. Denn zum einen ist es Marko Zischewski und seinen Mitstreitern gelungen, in den vergangenen Jahren in einer Saison bis zu 89 Jungvögel zu beringen. Zum anderen hilft der Gestank nichts gegen Insektensterben und schwindende Lebensräume. Das sind Dinge, die dem auffälligen Vogel mit der bis zu sechs Zentimeter langen Federhaube wirklich zu schaffen machen.

Er wird in Sachsen als stark gefährdet eingestuft und steht in der Kategorie 2 auf der Roten Liste für bedrohte Arten, weiß man im Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Unter anderem gebe es „ungünstige Zukunftsaussichten für zahlreiche Lebensräume“ des Wiedehopfs. Und Marko Zischewski vermutet schon, dass die intensive Landwirtschaft ihren Teil dazu beiträgt.

Der Wiedehopf braucht Trockenrasen mit vielen Insekten. Wiesen, die beispielsweise von Schafen regelmäßig abgefressen werden. Dort wo das Gras hochwächst, sich viele Büsche und Bäume breitmachen, ist kein guter Ort für den Vogel. Seine Nahrung – gern Feldgrillen und Eidechsen – fand er früher in den Grasstreifen von Feldwegen oder auch in von Schafen kurz gefressenen Feldrändern. Doch beides gibt es immer weniger. Und so hat die Wiedehopf-Population in der Vergangenheit stark abgenommen. So wie die vieler sogenannter Offenlandvögel. Das sind Arten wie die Feldlerche, das Birkhuhn, Rebhuhn, Kiebitz, Brachpieper oder Raubwürger. Sie brauchen durchlässige Wiesen und Felder mit Ähren, Kornblumen und Klatschmohn, mit Insekten und Raum für Nistplätze. Doch in der Raps-Mais-Monokultur Sachsens werden diese Lebensräume rar.

Die Naturschutzstation Neschwitz, das Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft und die Sächsische Vogelschutzwarte wollen in einem Projekt solche Refugien zum Teil wieder schaffen. Speziell für den Wiedehopf.

Am Eisenberg bei Guttau zwischen Bautzen und Niesky haben sie Büsche und Bäume entfernt. Im Frühling sollen hier auf etwa zwei Hektar Schafe weiden und so Platz für den Wiedehopf schaffen. Dass der Zugvogel auf seiner Reise von Afrika in den Norden hier vorbeikommt, haben die Mitarbeiter vom Biosphärenreservat schon beobachtet. Von der Lehr-Imkerei in Guttau, einem Projekt unter anderem für Schulklassen, holt er sich immer die toten Bienen. „Nun wollen wir ihm helfen, dass er hier nisten kann“, sagt Jan Peper, Referatsleiter im Biosphärenreservat. Deswegen wurden zusammen mit einigen Junior-Rangern des Reservats nun zwei Nisthöhlen für die Vögel aufgestellt. Das sind eigens ausgehöhlte Baumstümpfe mit abnehmbaren Holzplatten – damit Experten wie Marko Zischewski die Vögel beringen können. Bis zu 38 weitere Nisthöhlen sollen folgen. Sie werden aufgestellt zwischen Lohsa und Rietschen, Baruth und Boxberg. So könnten wieder mehr Wiedehopfe in der Region heimisch werden. Einst nämlich gehörten sie zu jedem Dorf.

Derzeit gebe es in Sachsen 120 bis 150 Brutpaare, schätzt Marko Zischewski. Im Biosphärenreservat sind es 20 bis 25. Eine Steigerung mit Blick auf acht bis neun Paare nach der Wende. Beim Wiedehopf gibt es also eine kleine Erfolgsgeschichte. Sie begann in der Oberlausitz 2005. Damals wurden die ersten Nisthöhlen bei Lohsa aufgestellt und sofort gut angenommen. Auch davor, in ganz kritischen Zeiten, gab es einige Tiere auf den einstigen und heutigen Truppenübungsplätzen. Man findet sie inzwischen unter anderem auch in Mücka und am Bärwalder See bei Klitten.

Für andere Vögel sieht es weniger rosig aus. Der Kiebitz sei ein echtes Sorgenkind. 30 bis 35 Brutpaare gebe es im Biosphärenreservat, das seien zehn Prozent des sächsischen Vorkommens. Das Birkhuhn sei fast ausgestorben, das Auerhuhn schon eine ganze Weile aus Sachsen verschwunden. Beim Rebhuhn gab es in Sachsen zwischen 1978 und 1982 noch 3000 bis 5000 Brutpaare, 2007 waren es nur noch 200 bis 400. Der Brachpieper nutzt derzeit, wie auch der Wiedehopf, die Bergbaufolgelandschaft, so lange sie noch nicht völlig zugewachsen ist. Aber das ist ein Refugium auf zeit. Um diesen Vögeln zu helfen, braucht es flächendeckende Maßnahmen.

Beim Wiedehopf lässt sich mit den Nistplätzen und einigen Hektar freies Land schon etwas erreichen. Gebaut werden die Höhlen teilweise von der Neschwitzer Naturschutzstation in einem Camp für Kinder und Jugendliche. Das Geld kommt vom Versicherer Allianz. Dort werden Kunden derzeit gebeten, auf Briefe vom Unternehmen zu verzichten und stattdessen E-Mail-Empfang zu nutzen. Für jede Umstellung spendet die Allianz fünf Euro für eins von 18 Umweltprojekten. Das mit dem Wiedehopf ist dabei. Die Kunden können auswählen, an welches Projekt die fünf Euro jeweils fließen sollen. Die Wiedehopf-Helfer wissen also noch nicht, wie viel Geld sie bekommen. Bis März sollen aber auf jeden Fall weitere Nisthöhlen aufgebaut werden für den Vogel, der im Schnitt sieben bis neun Eier legt.

Im April kommt der Wiedehopf in der Oberlausitz an. Dann wird sich zeigen, ob ihm das neue Wohnungsangebot zusagt.