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„Hört endlich zu!“

Der frühere Großenhainer Frank Richter findet es abstoßend, wie unerbittlich über Menschen geurteilt wird.

© Thomas Kretschel

Er hat es wieder getan: Frank Richter, DDR-Bürgerrechtler, Streitschlichter in der Flüchtlingskrise und Vermittler inmitten der Pegida-Bewegung setzt sich dieser Tage wieder gewaltig in die Nesseln. Der einstige Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen und jetziger Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche veröffentlichte Anfang März sein neuestes Buch mit dem Titel: „Hört endlich zu!“. Eine Streitschrift, die aufzeigen will, wie man mit der gegenwärtigen Spaltung in der Gesellschaft, der angestauten Wut und den unterschiedlichen Meinungen umgehen kann. Die SZ war mit dem gebürtigen Großenhainer im Gespräch.

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Herr Richter, wir haben uns das letzte Mal zu einem Gespräch inmitten der Flüchtlingskrise im Frühjahr 2015 getroffen. Sie gaben damals zu bedenken, dass wir nicht davon ausgehen sollten, unser Land bliebe in einer sich schnell verändernden Welt so wie es ist. Hat sich Deutschland seitdem gewandelt?

Ich meine ja! Die politischen Mehrheitsverhältnisse haben sich erheblich verändert. Mittlerweile haben wohl alle im Land begriffen, dass wir in einer Zeit des Umbruchs leben. Im Prinzip ist es immer so: Eine Gesellschaft kann sich nicht nicht entwickeln! Heutzutage können wir den Fragen der weltweiten Migration und der Integration von Fremden nicht mehr ausweichen. Dazu ist in den vergangenen Jahren einiges klargeworden. Auch offene Grenzen sind Grenzen. Wir sollten unsere Begrenzungen erkennen, ohne uns zu verschließen. Mir selbst ist außerdem bewusst geworden, wie brüchig unsere Mitmenschlichkeit doch ist. Die müssen wir befestigen. Sie darf uns auch in Zeiten rascher Veränderungen nicht verloren gehen.

Eigentlich hätten Sie als Geschäftsführer der Frauenkirche doch nun ganz entspannt ein wenig abtauchen können. Was hat Sie dazu bewogen, sich gewissermaßen mit einem literarischen Paukenschlag zurückzumelden?

Abtauchen liegt mir nicht! Auch die Tätigkeit als Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche findet nicht unter Wasser statt. Das Buch „Hört endlich zu!“ hatte ich schon lange in der Schublade. Als der Ullstein-Verlag mir eine Zusammenarbeit angeboten hat, brauchte ich nicht lange zu überlegen.

An wen richtet sich der Aufruf?

Der Aufruf ist mit Absicht allgemein gehalten. Alle dürfen sich angesprochen fühlen. Ich erlebe häufiger als früher sehr erregte, emotional aufgeladene und unsachliche Gespräche sowie aggressiven Streit. Dafür mag es freilich Gründe geben. In Zeiten, in denen wir immer schneller mit immer mehr, vor allem auch beängstigenden Informationen konfrontiert werden, sollten wir uns allerdings besonders nachdenklich, abwägend, umsichtig und verständnisvoll verhalten. Ich finde es abstoßend, wie schnell und unerbittlich über andere Menschen geurteilt wird.

Während der Tagesspiegel kritisiert, Sie seien vom „Vermittler zum Stichwortgeber der Rechten“ mutiert, attestiert Ihnen die Leipziger Internet-Zeitung, die „gründlichste und ehrlichste Analyse zur Krise der Gegenwart“. Liegt darin der Schlüssel: noch immer zwei Welten und zwei unterschiedliche Wahrnehmungen?

Die Kritik des „Tagesspiegel“ verstehe ich nicht. Sobald mir Zeit bleibt, werde ich beim Autor nachfragen. Die anerkennende Kritik der Leipziger Internet-Zeitung tat dagegen gut. Sie war für meine Begriffe etwas zu wohlmeinend. Die unterschiedlichen Perspektiven von einem westdeutschen beziehungsweise einem ostdeutschen Standpunkt aus sind an sich nachvollziehbar. Sie bereichern die Debatte.

Worin besteht denn eigentlich genau unser derzeitiges Problem? Was läuft gerade so fürchterlich schief?

Ich sehe eine Fülle von Problemen, die sich überlagern. Aufs Ganze gesehen wird uns wohl die demografische Entwicklung am meisten beschäftigen. Die elementaren Aufgaben der staatlichen Daseinsfürsorge werden in einigen Regionen aufgrund des Bevölkerungsrückgangs und des steigenden Altersdurchschnitts ohne Zuzug kaum mehr zu erfüllen sein. Deutschland war in den vergangenen Jahren immer mal wieder Exportweltmeister. Zugleich produzierte es Kinderarmut und ansteigende Altersarmut. Da ist gesellschaftspolitisch grundsätzlich etwas schief gelaufen. Der private Reichtum wächst immens. Er ist extrem ungleich verteilt. Das dauerhafte Gefühl, dass es ungerecht zugeht, ist wohl der schwerste Angriff auf den Zusammenhalt der Gesellschaft.

Vor drei Jahren soll es schon mal vorgekommen sein, dass Sie über die damals aufgewühlte Lage der Nation mit Bundeskanzlerin Merkel gesprochen haben. Heute fühlen Sie sich von ihr „intellektuell beleidigt“. Glauben Sie, die neue Regierung wird überhaupt dazu in der Lage sein, eine neue politische Gesprächskultur zu entwickeln?

Also persönlich habe ich noch nie mit Bundeskanzlerin Merkel gesprochen. Die Formulierung „intellektuell beleidigt“ bezieht sich auf den im Buch beschriebenen Wahlkampfauftritt in Mecklenburg-Vorpommern. Sie hat zu fast allen relevanten politischen Themen geschwiegen. Wenn die Demokraten die schwerwiegendsten politischen Kontroversen umschiffen, haben die Populisten und Extremisten freie Fahrt. Es ist gut, dass die Bundesrepublik endlich wieder eine reguläre Regierung hat. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat davor gewarnt, nun einfach „weiter so“ zu machen.

Nachdem sich Uwe Tellkamp in einer Podiumsdiskussion vorige Woche kritisch über Flüchtlinge äußerte, distanzierte sich der Suhrkamp von seinem Autor. Macht Sie das als ehemaliger DDR-Bürger, der für die Meinungsfreiheit kämpfte, nicht nachdenklich?

Die Distanzierung des Verlags wäre gar nicht nötig gewesen, weil ein Autor für sich spricht. Die Äußerungen von Herrn Tellkamp sprachen für sich. Doch auch wenn sie von der Meinungsfreiheit gedeckt waren, waren sie nicht unbedingt klug.

Wieso?

Zur Klugheit gehört Umsichtigkeit. Problematisch war nicht unbedingt das, was Herr Tellkamp gesagt hat, sondern all das, was er nicht gesagt hat. Er hat nicht davon gesprochen, dass alle Menschen, die in Deutschland sind oder so lange sie sich dort aufhalten, menschlich behandelt werden müssen. Gleich nun, aus welchem Grund sie hergekommen sind.

Welche Perspektiven sehen Sie für unsere gebeutelte Gesellschaft?

Die politische Ordnung der Bundesrepublik ist die beste, die Deutschland in seiner Geschichte jemals hatte. Wer das verkennt, sollte in die Geschichtsbücher schauen. Die demokratische Ordnung nützt allerdings nichts, wenn sie von den Bürgern nicht akzeptiert wird, wenn sie lediglich ausgenutzt wird, die eigenen Interessen durchzusetzen. Deutschland hat beste Perspektiven, wenn die Bürger die offene und demokratische Gesellschaft im Inneren verteidigen und wenn das Land nach außen kräftig und entschieden an einem friedlichen und solidarischen Europa baut. Eine Politik ohne – oder gar gegen unsere europäischen Nachbarn – hat schon mehrfach in die Katastrophe geführt. Diese Erkenntnis ist das Mindeste, was man erwarten kann.

Es fragte: Catharina Karlshaus