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Hohe Geldstrafe für Unfallfahrerin

Obwohl eine 46-Jährige mit dem Auto in Großharthau zwei Rentnerinnen erfasst hat, bleibt ihr die Gerichtsverhandlung erspart.

© Steffen Unger

Von Jana Ulbrich

Großharthau / Bautzen. Es ist dunkel, es ist regnerisch, und es sind nur 47 Meter: Spezialisten des Verkehrsunfalldienstes der Görlitzer Polizeidirektion haben das akribisch nachgemessen. Es ist der 8. November 2016, abends kurz vor dreiviertel sieben. Carola Müller* (wir haben den Namen in diesem Bericht geändert) ist auf dem Heimweg nach Dresden. Aus Richtung Bischofswerda fährt die 46-Jährige mit ihrem Toyota auf der B 6 durch Großharthau.

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Im selben Moment treten zwei betagte Seniorinnen aus dem Hotel „Kyffhäuser“ und überqueren die Bundesstraße. Sie waren bei einer Rentnerveranstaltung und wollen jetzt zu ihrem Bus, der auf der gegenüberliegenden Seite auf sie wartet. Es ist eine Entfernung von 47 Metern, die der herannahenden Autofahrerin zum Reagieren bleiben. Eher hätte sie die beiden Frauen auf der Straße nicht sehen können. Und nur, wenn sie genau in diesem ersten Moment eine Vollbremsung eingeleitet hätte, so werden es die Unfallspezialisten der Polizei später protokollieren, nur dann wäre ein Zusammenstoß noch zu verhindern gewesen.

Aber Carola Müller reagiert an diesem Novemberabend vielleicht nur einen Sekundenbruchteil zu spät. Der Toyota erfasst die beiden 87 und 88 Jahre alten Frauen. Beide erleiden schwere Verletztungen, die 88-Jährige stirbt einige Tage später im Krankenhaus. Kann man dafür aber allein Carola Müller die Schuld geben? Muss sich die Ärztin, deren Berufung es ist, Leben zu retten, jetzt wegen fahrlässiger Tötung öffentlich vor Gericht verantworten?

Amtsrichter hat Zweifel

Der Bautzener Amtsrichter Ralf Nimphius hat da seine Zweifel. „Man muss das alles in einem Gesamtzusammenhang sehen“, sagt er. So fragt er sich zum Beispiel, warum der Bus auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand. An einer Bundesstraße! Bei einer Kaffeefahrt für Rentner! Es hätte doch auch Parkmöglichkeiten neben dem Hotel gegeben, sagt er. Und haben die beiden Frauen, die die Scheinwerfer des herannahenden Autos hätten sehen müssen, womöglich die Entfernung völlig falsch eingeschätzt? Tragen sie so auch selbst eine Mitschuld an dem Unfall?

Normalerweise kennt Ralf Nimphius bei fahrlässiger Tötung kein Pardon. In der Regel spricht der Amtsrichter in solchen Fällen Freiheitsstrafen aus. In diesem Fall aber ist das anders. Man könne Carola Müller nicht mit einem jugendlichen Raser vergleichen, der ein Menschenleben auslöscht, weil er bei völlig überhöhter Geschwindigkeit oder einem riskanten Überholmanöver die Kontrolle verliert, sagt Nimphius. Carola Müller hat sich auch nicht unter Alkohol oder Drogen ans Steuer gesetzt. „Das, was ihr an diesem Abend, in diesem Moment passiert ist, das könnte jedem von uns passieren“, ist der Richter überzeugt.

Er weiß, dass Carola Müller selbst schwer darunter leidet, was passiert ist, dass sie das Geschehene ihr Leben lang mit sich herumtragen wird. „Für sie ist das eine schwere Last, und das an sich ist eigentlich schon eine schwere Strafe für sie“, sagt Ralf Nimphius. Ganz kann der Richter ihr eine Strafe nach Gesetz aber nicht erlassen. Ein Verkehrsteilnehmer muss in der Lage sein, auf jede Gefahrensituation angemessen zu reagieren. Carola Müller trägt deshalb eine Mitschuld an dem Unfall. Doch der Richter kann der Angeklagten eine öffentliche Gerichtsverhandlung ersparen.

Einigung im Richterzimmer

Eine Viertelstunde vor dem anberaumten Verhandlungstermin – Carola Müller sitzt bereits blass und aufgewühlt auf der Anklagebank – ruft Ralf Nimphius den Staatsanwalt und den Verteidiger in sein Dienstzimmer. Sie einigen sich darauf, die Hauptverhandlung gegen einen Strafbefehl auszusetzen. Carola Müller wird zur Zahlung von 80 Tagessätzen zu je 80 Euro – insgesamt 6 400 Euro – aufgefordert. Mit dem Strafmaß, das sowohl der Staatsanwalt als auch der Verteidiger als angemessen ansehen, gilt Carola Müller trotz der Verurteilung nicht als vorbestraft.

Zumindest mit diesem Teil der Unfallfolgen kann sie jetzt, mehr als ein Jahr nach dem tragischen Geschehen, abschließen. Ganz abschließen wird sie nicht damit. Genauso wenig, wie es die Angehörigen der beiden Unfallopfer können.