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Sächsische Schweiz: Erste Stadt serviert Nationalpark ab

Tourismus ist die Lebensader von Hohnstein. Dafür braucht es Angebote. Allerdings stößt die Stadt permanent an Grenzen. Der Frust hat Folgen.

Fast 70 Prozent der Gemeindefläche von Hohnstein unterliegen einem besonderen Schutzstatus. Das schränkt die Entwicklung ein.
Fast 70 Prozent der Gemeindefläche von Hohnstein unterliegen einem besonderen Schutzstatus. Das schränkt die Entwicklung ein. © Steffen Unger

Deutschlandweit liegen pro Kommune im Schnitt etwa 26 Prozent der Fläche im Landschaftsschutzgebiet. In Hohnstein sind ganze 45 Prozent der Gemeindefläche als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Dazu kommen noch einmal 22 Prozent, die im Nationalpark Sächsische Schweiz liegen. Kein Wunder, dass gerade dort der Ruf immer lauter wurde, zumindest viele Flächen auszugliedern, wenn nicht sogar ganz aus den Schutzgebieten rauszunehmen.

Inzwischen wird der Frust immer lauter. Fraktionsübergreifend hat der Stadtrat jetzt beschlossen, sich für die Umwandlung des Nationalparks Sächsische Schweiz in einen Naturpark einzusetzen.

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Die Überlegung: Schutzstatus engt weiter ein

Ausgangspunkt für die Überlegungen sei das Problem mit den gesperrten Wanderwegen gewesen. Im Frühjahr gab es dazu eine Videokonferenz unter anderem mit Tourismusverband und Nationalparkverwaltung. In deren Folge haben sich Hohnsteiner Stadträte, allen voran Stefan Thunig (CDU), die Definition eines Nationalparks näher angeschaut und waren ziemlich erstaunt.

Darin heißt es unter anderem, dass in nächster Zeit der Flächenanteil auf über 50 Prozent zu erhöhen ist (Seite 26), der Wegerückbau zu forcieren ist (Seite 27). Besonders sauer stoßen den Hohnsteinern dann auch Aussagen auf wie, dass touristische Interessen die Kooperationen zu stark prägen würden (Seite 32) oder dass sich aus der touristischen Nutzung schwerwiegende Probleme für den Schutz der Natur ergeben würden (Seite 28).

"Wenn so ein hoher Schutzstatus mit unseren Interessen und Zielen nicht vereinbar ist, haben wir überlegt, dass für uns ein Nationalpark nicht das Richtige ist", sagt Stefan Thunig.

Ein Naturpark lässt aus Hohnsteiner Sicht mehr Spielraum zu. Diese Form stellt zwar auch den Schutz der Natur an vorderste Stelle, lässt aber eine touristische Nutzung auf Augenhöhe zu. Ein Beispiel dafür ist der Naturpark Zittauer Gebirge. "Wir wollen den Naturschutz, aber wir müssen auch damit leben können", sagt Stefan Thunig. Und er betont, dass der Antrag zur Umwandlung nicht von ihm, sondern fraktionsübergreifend so gesehen werde. Letztlich stimmten sieben der neun anwesenden Stadträte dafür und zwei dagegen.

Die Gründe: Tourismusprojekte ausgebremst

Der Tourismus ist für die Stadt Hohnstein der wichtigste Wirtschaftszweig. Andere Möglichkeiten, etwa Gewerbeflächen wie Neustadt und Sebnitz, hat die Stadt nicht, unter anderem auch, weil der größte Teil der Flächen entweder im Nationalpark oder im Landschaftsschutzgebiet liegt. Geht es nach den neuen Leitlinien, dürften weitere Gebiete, unter anderem im Schwarzbach- oder im Polenztal, noch dazu kommen.

In den vergangenen Jahren gab es von Hohnsteiner Seite aus immer wieder Bemühungen, neue touristische Anziehungspunkte zu schaffen, etwa mit einem Klettergarten, einer Hängebrücke über das Polenztal zur Burg, der Verlängerung der Schwarzbachtalbahn, Reitwegen sowie einer Radroute durch das Polenztal. All diese Projekte sind aus Naturschutzgründen gescheitert.

Deshalb heißt es in dem Antrag der Stadträte unter anderem: "Aufgrund dessen, dass der Tourismus nur in der Sommersaison Gewinne erzielt und die Wintersaison mit den Einnahmen aus dem Sommer überbrückt werden muss, bedarf es neben der Erhöhung der touristischen Einnahmen auch der Entwicklung weiterer Wirtschaftszweige." Um die Forderungen zu bestärken, hat der Stadtrat Bürgermeister Daniel Brade (SPD) verpflichtet, zunächst zwei Nahziele anzustreben.

Als erster Schritt soll dafür eingetreten werden, dass alle im Gemeindegebiet befindlichen Grundstücke, welche sich nicht im Eigentum des Freistaates oder des Bundes befinden, grundsätzlich aus dem Nationalpark ausgegliedert werden.

Als zweiter Schritt soll der Anteil von Flächen im Landschaftsschutzgebiet in der Stadt und in den Ortsteilen deutlich verringert werden.

Die Diskussion: Andere Wege suchen

Einig ist man sich im Stadtrat darüber, dass sich Hohnstein weiterentwickeln muss, auch mit Blick auf die Suche nach neuen Einnahmequellen und attraktiven touristischen Angeboten. Uneins scheint man sich über das Wie.

Katja Dwaronat (CDU) bezweifelt, dass eine Umwandlung überhaupt durchgesetzt werden kann. Aus ihrer Sicht wäre es besser, gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Immerhin sei ein Nationalpark ein Aushängeschild. Auch Michaela Neuenhaus-Eckardt (CDU) schien etwas im Zwiespalt. Sie sei eher für einen seichteren Weg, sagt sie. Beide stimmten gegen den Antrag.

Aus Sicht von Ralph Lux gehe es ja nicht darum, die Natur zu zerstören, sondern einfach darum, Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen. Und für Stefan Thunig stand letztlich fest: "Wenn wir am Nationalpark festhalten, müssen wir überlegen, wie wir gleichbehandelt werden mit anderen Kommunen, die nicht so eingeschränkt sind."

Die aktuelle Lage: Hohnstein ist nicht allein

Bürgermeister Daniel Brade wird mit dem Antrag nun an den Nationalparkrat herantreten, ihn auch der AG Wege vorstellen und andere betroffene Bürgermeister in die Diskussion einbeziehen. Man könne mit dem Antrag und den Überlegungen in der aktuellen Diskussion ein Zeichen setzen. Ihm sei aber auch klar, dass über Jahre gewachsene Lebensräume bei einer Umwandlung nicht weg seien. "Und wenn die Diskussion dazu führt, dass Kommunen, die so eingeengt sind wie wir, einen Ausgleich vom Freistaat erhalten, wäre mir das nur recht", sagt er.

Hohnstein steht mit seiner Position nicht allein. In den vergangenen Jahrzehnten, so bestätigt das Landratsamt Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, habe es immer wieder Bemühungen gegeben, Flächen aus Schutzgebieten auszugliedern. Aus den unterschiedlichsten Gründen sei es jedoch nie zu einem erfolgreichen Abschluss gekommen. Dadurch konnten zahlreiche Vorhaben in den Kommunen nicht umgesetzt werden, das weiß man auch im Landratsamt.

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