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Hommage an Aschenbrödels Schimmel

Hinter dem Filmross Nikolaus aus „Drei Haselnüsse für Aschnebrödel“ steckte ein Wallach namens Kalif. Trotz eines Traumas galt er als Ausnahmepferd.

© Norbert Millauer

Von Ulrike Keller

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Steffi Glock aus Bad Salzungen übertrifft alle im Raum. Über 150 Mal hat die 50-Jährige das Märchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ schon gesehen. Mit der Reise nach Moritzburg löst sie nun das Weihnachtsgeschenk ihrer Tochter ein. Diese hat bewusst den vorletzten Tag der Ausstellungssaison 2017/ 2018 ausgesucht. Denn am vergangenen Sonnabend wartete das Schloss mit einem seltenen Bonbon im Begleitprogramm auf: einer Veranstaltung über das Pferd von Aschenbrödel, Nikolaus.

Filmfreundin trifft Zeitzeugen: „Aschenbrödel“-Fan Steffi Glock war extra aus Thüringen angereist, um in der Veranstaltung auf Schloss Moritzburg Neues über das Pferd Nikolaus zu erfahren. Der Potsdamer Christoph Müller berichtete, wie er als Kind auf dem © Norbert Millauer

Im Kinderquartier spitzen mehr Erwachsene die Ohren als Kinder. Durch die Veranstaltung führt Carinha K. Bleckert. Seit 2011 gehört die Wahl-Radebeulerin zu den festen Künstlern im Rahmenprogramm und ist sonst mit musikalischen Lesungen präsent. Wie sie ihrem Publikum in den ersten Minuten entlockt, sitzen vor allem Pferdefreunde und Reiter mit ihr im Turmzimmer. Nicht alle kennen den Film.

„Für Aschenbrödels Nikolaus gab es zwei verschiedene Pferde“, erzählt die Moderatorin. Bei den Dreharbeiten in Tschechien wurde er von einem Pferd namens Ibrahim dargestellt. Doch als es dann an die Aufnahmen in Moritzburg ging, brach plötzlich die Maul- und Klauenseuche aus. „Kein Pferd durfte mehr über die Grenze gebracht werden“, erzählt sie. Also musste ein Moritzburger Pferdepfleger vor Ort nach Doppelgängern suchen.

Für Aschenbrödels Schimmel wurde er in Potsdam-Babelsberg fündig. In Gestalt eines Wallachs namens Kalif. Seine Nüstern waren zwar ganz weiß, die des tschechischen Pferds hingegen grau, aber das fiel nur Eingeweihten auf. Carinha K. Bleckert macht ein kleines Quiz. Sie nennt die bekanntesten Pferdeszenen im Märchen und lässt das Publikum aus dem Gedächtnis raten, welches Pferd jeweils zum Einsatz kam. Rekordguckerin Steffi Glock staunt. Darauf hat sie noch nie geachtet.

Kalif ist bei den Dreharbeiten zu „Aschenbrödel“ bereits ein erfahrenes Filmpferd. In so ziemlich allen Indianerstreifen der DEFA soll er mitgespielt haben. Dabei ist ihm zuvor allerhand zugemutet worden: Der DDR-Staatszirkus Busch kauft das in Israel geborene Tier und dressiert es darauf, durch Feuerreifen zu springen. Als es nach zwölf Jahren traumatisiert dieses Kunststück verweigert, kaufen es Stuntmänner als Filmpferd. Bei Dreharbeiten zu einem Defa-Film in Jugoslawien setzen sie sich sodann ins Ausland ab und lassen Kalif zurück. Kurzerhand nimmt sich die Defa des Pferdes an und bringt es wieder mit in die DDR.

„Zum Glück ist das so gekommen“, sagt Birgit Rachut ins Publikum. Die Potsdamerin bereichert die Veranstaltung als Zeitzeugin. Neben Christoph Müller, der auch aus der Filmstadt angereist ist. Beide lernten in den 70er-Jahren als Kinder im Park Babelsberg auf Kalif das Reiten. Im dortigen Reitstall hatte der Schimmel eine neue Aufgabe bekommen: die als Voltigierpferd.

Christoph Müller sah den Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ 1973 im Kino. 1977 fing er mit dem Voltigieren an. Dass sein super ruhiges Pferd der Schimmel aus dem Märchen sein könnte, kam ihm damals nicht in den Sinn. Eine Verbindung witterte er erst im Internetzeitalter. Als er 2007 auf einer Aschenbrödel-Fan-Homepage stöberte, las er zufällig, dass Nikolaus im wahren Pferdeleben Kalif hieß.

Er begann zu recherchieren und machte auf diesem Wege unter anderem Birgit Rachut aus. Sie voltigierte von ihrem zehnten bis 16. Lebensjahr auf Kalif. „Er war ein Ausnahmepferd“, schwärmt sie. „Wir waren acht bis 14 Kinder und sind bei ihm zwischen den Vorder- und Hinterbeinen durch. Er hat sich alles gefallen lassen.“ Und das, obwohl er nie als Reitpferd ausgebildet worden war. Auch die erste DDR-Meisterschaft im Voltigieren erlebte Birgit Rachut mit Kalif. „Die Pferde mussten eine halbe Stunde ruhig galoppieren“, erklärt sie. Das habe er mit Bravour gemeistert. „Aber danach fiel er um. Wir dachten, er ist tot“, erzählt sie. „Er hat die Atmosphäre gespürt und sein Allerletztes gegeben. Er war ein Zirkuspferd.“ Mit einer Spritze vom Tierarzt ging es ihm schnell besser.

Ein kurzer Dokumentarfilm vom Babelsberger Filmgymnasium rundet die Veranstaltung ab. Darin kommt unter anderem die „Aschenbrödel“-Drehbuchübersetzerin Hannelore Underberg zu Wort. Von ihr ist zu erfahren, wie Aschenbrödels Pferd in der deutschen Filmfassung eigentlich zu seinem weihnachtlichen Namen kam. Denn im Tschechischen heißt der Schimmel Jurašek. Dafür war ein deutscher Name zu finden, der lippensynchron passte und bei den Kindern bekannt sowie positiv besetzt war. Die Wahl fiel auf Nikolaus.

Steffi Glock aus Bad Salzungen ist hin und weg ob all dieser Hintergrundinformationen. „Ich wusste vieles noch nicht“, sagt sie. „Toll, dass es die Zeitzeugen gibt.“ Ihr Lieblingsmärchen wird sie ab sofort noch einmal mit ganz anderen Augen ansehen.

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