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Hommage aus Licht, Klang und Stille

© Claudia Hübschmann

Zeitgenössisches Oratorium als Höhepunkt des 1050. Jubiläums des Meißner Hochstifts.

Von Kathrin König

Meißen. Wegen der starken Nachfrage ist „Stella Maris – Das blaue Oratorium“ in Meißen gleich an zwei Abenden hintereinander aufgeführt worden. Wer bei dem Stichwort Oratorium und einem Blick auf die Besetzung mit Domkurrende, Domchor, Kantor der Frauenkirche Dresden an der Orgel, Samuel Kummer und der Elbland Philharmonie Sachsen an Bach-Musik dachte, lag total falsch. Denn das Werk von Helge Burggrabe (Jg. 1973) sollte als zeitgenössisches Gesamtkunstwerk von Raum und Klang verstanden werden. Die ursprüngliche Fassung von „Stella Maris“ (Stern des Meeres) gilt als Huldigung an die gotische Kathedrale von Chartres bei Paris.

Weil das Meißner Hochstift in diesem Jahr 1050. Geburtstag feiert, hat der Komponist sein Werk an den Meißner Dom angepasst und neu zusammengestellt. Erstmals kam bei der „Meißener Fassung“ auch ein Orchester zum Einsatz. „Meißen hat wirklich einen der schönsten gotischen Dome, die jemals gebaut worden sind“, schwärmte Helge Burggrabe. Die Idee der Gotik bestehe ja daraus, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen. Kirchenbauten sollten als vollkommene Einheit verstanden werden.

Insofern wollte Burggrabe auch eine Hommage an den Meißner Dom gestalten. Domkantor Jörg Bräunig und er überlegten, wie sie die Besonderheiten für die Aufführungen am Wochenende nutzen könnten. „Die Balkone, die Emporen, der Hochchor – alles, was in Meißen unverwechselbar ist, haben wir mit einbezogen.“ Und so sangen Solosänger in hohen Höhen 1000 Jahre alte gregorianische Choräle, Kurrendekinder zogen mit Kerzen ins Kirchenschiff ein, wurden lyrische Texte von der Empore aus gesprochen, dazu Wasserklänge, Licht, eindringlicher Solo-Gesang und Chorsätze. In fünf Teilen ging es im Kern um eine Annäherung an die beiden biblischen Frauenfiguren Maria und Sophia.

Der Komponist Burggrabe will in seinen Stücken Altes mit Neuem verbinden und alle Sinne der Zuschauer ansprechen. Darauf hatten sich der Domchor und die Kurrende seit Monaten vorbereitet. „Ich fand es schön, dass sich der Dirigent, Chor und Musiker mein Stück zu Eigen gemacht haben und es damit ihr Stück geworden ist“, meinte Burggrabe nach der zweiten Aufführung.

Wem die Musik und Assoziationen zuweilen etwas vielschichtig vorkamen, der konnte sich an Klang- und Lichtreflektionen erfreuen, die über eine Leinwand projiziert wurden. Parallel dazu tauchte Bühnenbeleuchtungsmeister Michael Suhr die gotischen Säulen, Winkel und Nischen des für seine reine Gotik berühmten Kirchenraums in tiefes Rot, Meerblau oder warme Orange-Töne. Was wohl die Baumeister des Langhauses vor knapp 750 Jahren zu solchen Lichtspielen moderner Technik gesagt hätten?

Im Scheinwerferlicht stand als Sprecherin der lyrischen Texte Schauspielerin Julia Jentsch (bekannt aus preisgekrönten Filmen wie: „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“) .“ Als Schauspieler hat man das nicht so oft, dass man mit Orchester, Chor und anderen Künstlern gemeinsam arbeiten kann. Ich hatte große Lust auf die Auftritte in Meißen“, meinte die 40-Jährige. Wenn sie Unbeteiligten in drei Sätzen erklären sollte, was das Oratorium „Stella Maris“ sei, müsse sie passen. „Laien wird die Musik und Sprachwirkung entweder ansprechen oder nicht. Es gibt so viel, dass man aus dem Oratorium mitnehmen kann.“ Wer tiefer in so ein zeitgenössisches Werk eindringen wolle, der sollte vorab eine Werkseinführung besuchen, riet sie.

In Meißen hatte die Evangelische Akademie dazu ein dreitägiges Seminar angesetzt. 65 Teilnehmer aus der Elbregion und dem gesamten Bundesgebiet setzten sich mit den Gedanken des Komponisten Helge Burggrabe auseinander, um sein Musikwerk besser zu verstehen. Ein wichtiger Aspekt dieses Marienoratoriums war die Stille. Aus der Stille heraus sollten die Erzählungen und Klänge entstehen und auch darin vergehen.

So war es nur folgerichtig, dass Domkantor Jörg Bräunig am Ende den Zuhörern Raum zum Nachhall ließ. Die Spannung im dunklen Dom aber mehr als eine Minute lang zu halten, damit 120 Sänger, Musiker und Hunderte Zuhörer gemeinsam das eben Gehörte nachfühlen konnten, war beeindruckend. Ein kleines Wunder in Zeiten, in denen viel zu oft losgeklatscht wird ohne Atempause für die Kunst.