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Horst darf das

Gärtnermeister Karl-Otto Große betreut privat zwei Waschbären. Gemeinsame Spaziergänge dürfen da nicht fehlen.

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Von Ines Scholze-Luft

Radebeul. Horst hat einen besonders guten Draht zu Karl-Otto Große. Nicht nur, dass der Gärtnermeister den Waschbären schon als Baby aufgenommen hat. Horst begleitet den Meister gern mal zum Schwimmen im nahen Teich oder einfach beim Spazierengehen draußen auf der Straße. Da fällt die Begrüßung jedes Mal besonders herzlich aus, selbst ein Küsschen darf nicht fehlen.

Auch Hündin Ranja wacht beim Spaziergang in Radebeul über den seltenen Begleiter.
Auch Hündin Ranja wacht beim Spaziergang in Radebeul über den seltenen Begleiter. © Arvid Müller

Ja. Horst ist ihm ans Herz gewachsen. Daraus macht Karl-Otto Große kein Hehl. 350 Gramm leicht war der Waschbärwaise, als er in die Gärtnerei auf der Kötitzer Straße kam. Dem Jäger, der ihn brachte, tat der kleine Kerl leid, erinnert sich der Gärtner. Also suchte der Weidmann jemanden, der sich um den putzigen Gesellen kümmert. Was nicht ohne war. Musste der doch aller zwei Stunden gefüttert werden. Mit Milch.

Das hat sich gelohnt. Drei Jahre später und mit zehn Kilo mehr auf den Rippen ist aus Horst ein stattlicher Waschbärmann geworden. Nicht kastriert. Und trotzdem keine Gefahr in puncto Nachwuchs. Das wäre auch unverantwortlich, sagt sein Ziehvater. Er hat sich nicht nur aus Tierliebe – „Die ist angeboren“ – dieser Art angenommen. Sondern um etwas gegen ihr schlechtes Image zu tun. Dass sich die Pelzträger so ausgebreitet haben, könne man ihnen nicht zum Vorwurf machen und sie immer nur als räuberische Plage darstellen. Da habe wohl mancher Zuständige geschlafen. Karl-Otto Große dagegen ist wachsam. Vermehren sollten sich seine beiden nicht.

Deshalb ist Waschbär Nummer zwei sterilisiert. Ilse, ebenfalls Waise und etwa ein Jahr jünger als Horst, kann also keine Kinder bekommen. Und selbst willige wilde Weibchen haben bei Horst keine Chance. Sie kommen nicht an ihn heran, er nicht heraus. Nicht ohne Aufsicht. Denn Horst wohnt mitten in der Gärtnerei in einem Zwinger, den er mit Ilse teilt. Und aus dem er wohl manchmal ganz gern entschwindet, aber nur an der Leine des Gärtnermeisters. Denn Ilse hat die Hosen an. Dominant und clever, nimmt sie schnell den Kampf auf, wenn es ums Futter geht. Da wird schon mal ordentlich gefaucht.

Deshalb gibt es vor jeder Streicheleinheit im Zwinger eine Portion Katzenfutter, gerade verteilt von Freund Stefan Metz. An jedes Tier einzeln. Wenn beide vor sich hinknabbern, lässt sich Horst gern mal eine Extra-Kuschelei gefallen. Und etwas genauer auf Krallen und Zähne schauen. Mit denen hat Karl-Otto Große nicht nur einmal Bekanntschaft gemacht. 40 messerscharfe Beißer blitzen im schmalen Maul. Auch die langen Krallen – auf der Unterseite samtig weich – sind nicht zu unterschätzen. Damit angeln sich die beiden geschickt jedes noch so kleine Leckerli. Lösen Schnürsenkel und schieben Riegel auf, wie den am Zwinger. Der ist nun zusätzlich zugebunden. Selbst an den Kühlschrank hat sich Horst schon rangemacht. Und ihn trotz Sicherung geknackt. Um sich dann mit zwei Hühnereiern erwischen zu lassen.

Obwohl stubenrein, sind die Waschbären nicht als Haustiere zu empfehlen, hat der Gärtner festgestellt. Denn sie räumen gern auf. Allerdings nach ihren Maßstäben. Der Zwinger passt da besser als Domizil. Hier spielen Horst und Ilse auch mal zusammen. Hier bekommen sie Besuch von freien Artgenossen. Die pirschen sich gern über den nahen Baum heran, dann wird sich gegenseitig beschnuppert, hat Karl-Otto Große beobachtet.

Im Gegensatz zu den Fremdlingen haben seine Tiere ihren Lebensrhythmus durch die menschliche Betreuung umgestellt, von nachtaktiv auf tagmobil. Sie schlafen abends. Da haben dann auch mal zweibeinige Besucher die Chance, einen lebhaften Waschbären zu sehen. So manche Radebeuler, darunter viele Kinder, sind schon auf den exotischen Begleiter aufmerksam geworden, wenn Karl-Otto Große mit Horst auf der Straße unterwegs ist.

Voraussetzung für die ungewöhnliche Freundschaft: Horst und Ilse müssen ordentlich gehalten werden. Und ordentlich versorgt. Was nicht so kompliziert ist, weil sie so gut wie alles fressen. Vor allem Äpfel und anderes Obst, Katzen- und Hundefutter, Eier. Frisches Wasser darf nie fehlen.

Für den Gärtnermeister, der bald 60 wird, sind die Waschbären nicht die einzige tierische Gesellschaft. Seine Schäferhündinnen Ranja und Maja kommen gut mit den Bären klar. Eher für sich bleiben dagegen die zwei Nandus. Und in den Rückzugsgebieten der Gärtnerei fühlen sich noch viele andere Tiere wohl. Weil für sie genügend naturbelassene Fläche da ist. Dort hat sich die seltene blaue Wildbiene ebenso angesiedelt wie Libellen und Schlangen, Fledermaus und Eisvogel.

Mit dem Rasenmäher alles klein zu häckseln, wäre der größte Fehler, sagt Karl-Otto Große, seit 1978 selbstständig auf der Kötitzer Straße, wo seine Familie seit über 100 Jahren ansässig ist. Gemüse ist sein Metier. Verkauft wird es vor allem im Hofladen – von Tomaten über Porree und Grünkohl bis zu den Salaten. Alles noch in Erde angebaut, nicht in Substrat.

Und wie hält sich der Meister fit für den Alltag? Braun gebrannt, in kurzen Hosen, wirkt er recht sportlich. Schwimmt er doch so manche Runde im Lößnitzbad oder in der Elbe. Und geht tauchen. Dafür hat er mit dem Rauchen aufgehört, was ihn besonders stolz macht. Gute Voraussetzungen für viele Spaziergänge mit Horst und Co. Denn Waschbären können im betreuten Wohnen über 20 Jahre alt werden.