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Horst Köhler besucht Helden des Alltags

Appell. Seine erste „Berliner Rede“ hält der Bundespräsident an einer Hauptschule.

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Von Peter Heimann,Berlin

Berlin-Neukölln gilt als Problemstadtteil. Spätestens seit der Randale an der Rütli-Schule vor einem halben Jahr ist der Hauptstadtteil republikweit bekannt. Damals hatte sich das Lehrerkollegium mit einem dramatischen Hilferuf an die Öffentlichkeit gewandt: Die Gewalt unter Schülern ufere aus, geordneter Schulbetrieb sei unmöglich geworden.

Schüler im Cateringdienst

Ein paar Kilometer weiter liegt die Kepler-Schule. Dort hielt Bundespräsident Horst Köhler gestern seine erste „Berliner Rede“. Während seine Vorgänger Roman Herzog und Johannes Rau im vornehmen Hotel Adlon ausgesuchtem Publikum Grundsätzliches präsentierten, wählte Köhler für seine Premiere eine Hauptschule. 65,7 Prozent der 300 Schüler dort sind ausländischer Herkunft. Erpressung, Bedrohung und Vandalismus seien alltäglich, sagt Werner Lippmann. Der Englischlehrer findet: Einige Jungen „sind einfach nicht mehr beschulbar“. Für ihn sei es ein guter Tag, wenn die größten Rabauken gar nicht auftauchen: „Leider kommen sie immer wieder.“

Angst vor dem Unterricht habe er nicht, meint der 53-Jährige – „andere Kollegen schon“. Lippmann fand an Köhlers Rede die Stelle besonders toll, als der Bundespräsident sagte, für ihn seien die Lehrerinnen und Lehrer, die nicht aufgeben, „Helden des Alltags“.

Der 16-jährigen Danijela Todorovic hat gefallen, als Köhler sagte, „dass die Schüler Biologie auch in der Natur lernen sollen und nicht nur aus dem Buch“. Für Danijela ist der Tag was ganz Besonderes. Sie hat im schuleigenen Imbissdienst das Buffet für die Veranstaltung mit vorbereitet. Der Cateringservice ist eine von mehreren „Schülerfirmen“, ein Markenzeichen dieser Hauptschule. Drei Tage lang wurden die Häppchen vorbereitet. Die Schüler wollten ihr Engagement zeigen. „Es sind aber leider oft die Dümmsten, die dann vor den Kameras stehen“, ärgert sich Mona vom Catering über jene, die sich bei Fernsehreportagen über Problemschulen produzierten.

Mittendrin, in der Aula der Schule, warnte Köhler: „Wer an der Bildung spart, spart an der falschen Stelle.“ Der Bundespräsident verlangte einen gemeinsamen Kraftakt für eine große Bildungsreform in Deutschland.

Köhler kritisierte die schlechte Finanzausstattung der Bildung und eine zu geringe Zahl von Abiturienten und Hochschulabsolventen. Die fehlende Chancengleichheit in der Bildung nannte der Bundespräsident beschämend. Er forderte ein verpflichtendes und möglichst kostenfreies Kindergartenjahr vor der Einschulung sowie einen verbindlichen Sprachtest für alle. Auch unterstützte Köhler die Forderung nach Einführung eines sozialen Pflichtjahres für alle jungen Menschen.

Prüfstein Bildungsreform

„Wir müssen endlich Ernst machen mit der individuellen Förderung von Schülern“, sagte Köhler und sprach sich für einen gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern aus. Religionsunterricht bezeichnete er als unverzichtbar. Auch halte er die Einführung von Islamunterricht von gut ausgebildeten Lehrern in deutscher Sprache für überfällig. Zugleich dürften bei den knappen Schul- und Lernzeiten auch Fächer wie Musik, Kunst und Sport nicht zu kurz kommen.

Die Reform des Bildungssystems in Deutschland bezeichnete Köhler als „einen zentralen Prüfstein für die Zukunftsfähigkeit“. Von den jungen Menschen forderte er beim Lernen „Anstrengung und Beharrlichkeit“. S.4