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Hotspot am Marienplatz

Vodafone und die Telekom richten immer mehr Hotspots in Görlitz ein. Seit Flüchtlinge da sind, stört das manche. Doch Stadt und Firmen denken gar nicht ans Abschalten.

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© nikolaischmidt.de

Von Jenny Thümmler

Auf den Bänken am Marienplatz sind sie allgegenwärtig: Zumeist junge Menschen, den Blick fest aufs Smartphone in der Hand gerichtet und oft in Gruppen. Neben Geselligkeit ist der sogenannte Hotspot in der Nähe ein Grund: ein Zugangspunkt ins Internet, der mit dem Telefon unkompliziert genutzt werden kann. Schnelle Datenübertragung, dazu noch kostenlos. Die Möglichkeit besteht schon jahrelang am Marienplatz, aber seit mehr und mehr Flüchtlinge in die Stadt gekommen sind, fällt es häufiger auf. Denn das Internet hat für sie einen noch höheren Stellenwert als für Deutsche. Nur so können sie mit Familie und Freunden Kontakt halten, weltweit. Entsprechend oft und ausdauernd sitzen sie in der Nähe der vorhandenen Hotspots, auch auf der Berliner Straße vor den Telefonläden und bei Thalia.

Für Kunden von Cafés, Hotels, Freizeiteinrichtungen, Museen ist kostenloses Internet nichts Besonderes mehr. Unkomplizierte Zugänge auf offener Straße greifen in kleineren Städten allerdings erst allmählich um sich. Telekom und Vodafone sind die größten Anbieter kommerzieller Hotspots. In Görlitz befinden sich alle vier öffentlichen Vodafone-Hotspots in der Innenstadt: auf Steinstraße, Breite Straße, Elisabethstraße und Demianiplatz. Am häufigsten lassen sich Nutzer am Hotspot Steinstraße beobachten – wegen der Bänke am Dicken Turm sowie an der Annenschule ganz in der Nähe. Vodafone gestattet täglich eine halbe Stunde Nutzung kostenlos, dazu gibt es Bezahlmodelle für längeres Surfen.

Die Telekom bietet in Görlitz elf Hotspots an. Die Mehrzahl davon befindet sich ebenfalls in der Innenstadt, darunter Postplatz, Salomonstraße, Hotherstraße, Obermarkt, Untermarkt und mehrere auf der Berliner Straße. Aber auch an der Reichenbacher Straße ist ein Hotspot des Unternehmens sowie bei McDonald’s in Königshufen. Wer einen Vertrag mit der Telekom hat, kann ab neun Cent pro Minute surfen, alle anderen müssen mindestens fünf Euro pro Tag bezahlen. Zu beachten ist generell, dass die Daten unverschlüsselt übertragen werden. Fremde können sensible Daten abfangen und möglicherweise für sich nutzen. Zur Sicherheit sollten Hotspots daher nur für unbedenkliche Abfragen genutzt werden, nicht für Online-Banking.

Neben den großen Anbietern gibt es in Görlitz auch kleine Initiativen. Der Vobis-Computerservice in Königshufen zum Beispiel stellt seit zwei Wochen tagsüber einen offenen Internetzugang zur Verfügung – kostenlos und mit unbegrenzter Dauer. „Wir freuen uns, dass die Rahmenbedingungen endlich so weit geschaffen sind, dass wir so etwas als Service anbieten können“, sagt Inhaber Gotthard Kober. In den ersten Tagen sei der Zugang noch eher sporadisch genutzt worden, vor allem von Studenten und Ausländern.

Wer die Hotspots hauptsächlich nutzt, beobachten die großen Anbieter natürlich nicht. Aber auch mit anonymen Zahlen tun sie sich sehr schwer. Wie viel Gigabyte Nutzung im Juni 2016 im Vergleich zum Juni 2015? Fehlanzeige. „Betriebsdaten zu Hotspots veröffentlichen wir nicht“, teilt Telekom-Sprecherin Stefanie Halle kurz angebunden mit. Und auch zur weiteren Entwicklung der Zugangspunkte könnten derzeit keine Aussagen getroffen werden.

Vodafone hält sich ähnlich bedeckt, macht für den Hotspot am Marienplatz jedoch eine Ausnahme: Dieser gehört zu den zehn meistgenutzten in ganz Deutschland. Von Januar bis Juni dieses Jahres fanden hier fast 18 500 Internetsitzungen statt. Unter den Top Ten ist Görlitz damit neben Chemnitz die einzige Stadt in Ostdeutschland. Aber da hört’s auch schon auf mit den konkreten Zahlen.

Einen Vergleich zum Vorjahr gibt es für Görlitz nicht. Nur so viel: Bundesweit stieg die Datennutzung der Hotspots um etwa 30 Prozent an. Dieser Trend zeigt sich aber auch in Görlitz, teilt ein Sprecher mit. Seit der Hotspot am Marienplatz wie alle anderen in Görlitz von Vodafone im Jahr 2014 eingerichtet wurde, stiegen die Zugriffe aufs Internet dort immer weiter an. „Es gibt immer mal wieder ruhigere Monate, wenn beispielsweise nicht so viele Touristen in der Stadt sind“, so der Sprecher. „Aber insgesamt geht der Trend klar nach oben.“ Konkretes zur möglichen Einrichtung weiterer Hotspots in Görlitz sei derzeit nicht bekannt, eine Erweiterung aber wahrscheinlich. „Wenn das Ganze einmal da ist, wird wohl nichts zurückgebaut.“

Apropos zurückbauen: Am Gerücht, dass McDonald’s in Königshufen seinen Hotspot gedrosselt oder ganz abgeschaltet hat, ist nichts dran. Die Flüchtlinge, die regelmäßig zum Surfen im Internet dorthin kamen und am Parkplatz saßen, sollten so ausgebremst werden, hieß es hinter vorgehaltener Hand. „So ein Blödsinn!“, sagt die Standortleiterin dazu. Die Hinweisplakate auf die Internetverbindung, zu der Kunden sogar drei Stunden kostenlos Zugang erhielten, seien nach wie vor aufgehängt, die Technik funktioniere wie immer.

Das Gerücht entstammt einer Stimmung in der Stadt, die immer wieder aufkommt, wenn es Krawall am Marienplatz gibt. Nicht nur im Netzwerk Facebook werden dann Forderungen laut, die Hotspots abzuschalten, um Versammlungen der Flüchtlinge zu verhindern. Viel Gehör finden solche Forderungen nicht, die Stadtpolitik will lieber noch mehr Hotspots. Die Linkspartei hat im Mai einen Antrag im Stadtrat eingereicht, um in ganz Görlitz kostenfreien mobilen Internetzugang zu haben. Mit seltener Einigkeit folgten die anderen Fraktionen dem Antrag, Oberbürgermeister Deinege mit der Klärung offener Fragen zu beauftragen. Ende September soll er dem Stadtrat demnach Ergebnisse zu rechtlichen, technischen und finanziellen Umsetzungsbedingungen vorlegen.