merken
PLUS Hoyerswerda

Die fruchtbarste Konsequenz

Die Gründung des Johanneums ist eine der direkten Folgen der Ausschreitungen von 1991 und wurde zum Erfolgsmodell.

Friedhart Vogel (80) war 1985 bis 2006 Superintendent des damaligen Evangelischen Kirchenkreises Hoyerswerda. Bei den fremdenfeindlichen Ausschreitungen 1991 setzte er sich mit für Deeskalierung und Gewaltlosigkeit ein. Das Foto zeigt ihn mit seinem Jahr
Friedhart Vogel (80) war 1985 bis 2006 Superintendent des damaligen Evangelischen Kirchenkreises Hoyerswerda. Bei den fremdenfeindlichen Ausschreitungen 1991 setzte er sich mit für Deeskalierung und Gewaltlosigkeit ein. Das Foto zeigt ihn mit seinem Jahr © Foto: Andreas Kirschke

Hoyerswerda. Als in der Stadt im September 1991 Asylbewerber und Vertragsarbeiter um ihr Leben fürchten mussten, war Friedhart Vogel Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Hoyerswerda und versuchte vor Ort zu deeskalieren. TAGEBLATT sprach mit ihm.

Herr Vogel, 30 Jahre liegt die fremdenfeindliche Gewalt zurück. Ist es richtig, mehr denn je an die Opfer zu erinnern?

VARO Direct
Grüner heizen, Haushaltskasse entlasten
Grüner heizen, Haushaltskasse entlasten

Kunden von VARO Energy Direct können jetzt im Rahmen einer besonderen Aktion viel Geld beim Brennstoffeinkauf sparen.

Ja. Unbedingt. Es ist wichtig, dass ihre Stimme gehört wird. Es ist wichtig, an jene zu erinnern, die damals litten, zu Schaden kamen und notgedrungen Hoyerswerda verlassen mussten.

Die Ausschreitungen begannen am 17. September 1991 auf dem Lausitzer Platz. Angetrunkene Skins griffen vietnamesische Markthändler an. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Gar keine. Erst Mitte der Woche erfuhr ich davon. Zeitung, Radio und Fernsehen berichteten nicht sofort. Altstadt und Neustadt waren wie zwei Welten. Deren Einwohner kannten sich zwar. Doch sie lebten für sich. Ich selbst erfuhr erst durch einen Anruf des damaligen Neustadt-Pfarrers Matthias Loyal von den Ausschreitungen. Mit den Vertragsarbeitern hatte ich zunächst gar nicht zu tun, sondern vor allem mit den Asylbewerbern in der Thomas-Müntzer-Straße.

Was ereignete sich dort?

Am 19. September zum Beispiel fuhr eine Moped-Besatzung aus Richtung Cottbus die Thomas-Müntzer-Straße von oben nach unten und zurück. Dabei schoss der Soziusfahrer mehrmals mit einer Schreckschuss-Pistole. Das war wie ein Stich ins Wespennest. Die Polizei, so erfuhr ich später, war in Bereitschaft im Großen Garten in Dresden. Sie erhielt jedoch die Nachricht „Nicht ausrücken. In Hoyerswerda ist alles ruhig.“ Das war eine fatale Fehleinschätzung.

Was folgte daraufhin?

Erst am 20. September gegen Mittag trafen mehrere Hundertschaften Polizei in Hoyerswerda ein. Schwer ausgerüstet. Mit Technik. Doch da hatte sich die Situation schon zugespitzt…

Wie erlebten Sie die Lage vor Ort?

Es war eine aufgeheizte, sehr explosive Stimmung. Auf der Straße versuchte ich zu vermitteln. Doch dort begegneten mir nur vernagelte frustrierte hasserfüllte Menschen. Auf der Straße waren sogar Familienväter mit Kindern. Sie meinten: „Das ist viel spannender als im Fernsehen“ und „Die nehmen uns den Wohnraum weg“. Als ich entgegnete, „die Wohnblöcke sind sowieso für den Abriss vorgesehen“, stieß ich nur auf ungläubige Gesichter. Es war eine verfahrene Lage. Die Asylbewerber wollten weg von Hoyerswerda. Die Gewaltbereiten wollten die Asylbewerber vertreiben.

Was konnten Sie erreichen?

Zusammen mit Landrat Wolfgang Schmitz und mit der Polizei suchten wir nach einer Lösung. Wir konnten erreichen, dass die Frauen und Kinder der Asylbewerber in zwei kirchlichen Heimen bei Hoyerswerda über das Wochenende untergebracht wurden. Die Männer und Väter wie auch die Frauen und Mütter habe ich dann immer wieder voneinander informiert. Die Asylbewerber wurden später nach Meißen, Pirna und in andere Orte gebracht. Viele wollten sofort weiter nach Westdeutschland.

War es der einzige Ausweg in dieser aufgeheizten Lage?

Ja. Es war aus damaliger Sicht und zu diesem Zeitpunkt die einzige Lösung, um Ruhe in die Sache zu bringen. Lange vorher am 27. April gab es in der Stadt mit Vertretern der Kirche, Stadt, Polizei, Feuerwehr und Schulleitern eine Zusammenkunft. Unterstützung gab uns der Oberbürgermeister von Pforzheim, Dr. Joachim Becker. Pforzheim hatte Erfahrung im Umgang mit Asylsuchenden. Im Fall des Falls wollten wir rechtzeitig informiert sein. Wer kommt? Warum? Und woher kommen Asylbewerber? Leider gab es kein Anknüpfen an das Treffen. Stattdessen wurden im August durch das Ausländeramt Chemnitz über Nacht zwei Busse mit rund 100 Asylbewerbern aus rund 20 Nationen nach Hoyerswerda gebracht. Das war fatal und unverantwortlich. Hoyerswerda war nicht vorbereitet.

Wie verhielt sich Ihre Kirchengemeinde in der Zeit der Gewalt?

Zunächst still. Wir wurden damals genauso von den Ereignissen überrollt und überfahren wie viele andere in der Stadt. Seit August war ich bereits öfter im Asylbewerberheim vor Ort. Mit Blick auf den Herbst planten wir dann Begegnungsabende im November und im Dezember – damit sich Asylbewerber und Einwohner näher kennen lernen. Die September-Ereignisse haben uns dann völlig überfahren.

Hätten sich Christen mehr einmischen können (und müssen)?

Schwer zu sagen aus heutiger Sicht. Fakt ist: erst in der Folge der Ereignisse besprachen wir Maßnahmen. Die Erste war: wir legten Listen aus, auf denen sich Gemeindemitglieder eintragen konnten – für die Bereitschaft, Asylbewerbern in Notlagen zu helfen, sich schützend vor sie zu stellen und sie auch zu verpflegen. Rund 100 Freiwillige trugen sich ein.

Welche Maßnahmen folgten in der Stadt selbst?

Die Stadt Hoyerswerda schickte Streetworker in die Problemgebiete. Der CVJM verstärkte seine Arbeit mit Jugendlichen auf der Straße in der Neustadt. Das Diakonische Werk verstärkte seine Arbeit mit gewaltbereiten, schwer vermittelbaren Jugendlichen in der Stadt. Intensive Bildungsarbeit leistete die Regionale Arbeitsstelle für Demokratie, Bildung und Lebensperspektiven (RAA Ostsachsen). Die wohl mutigste, fruchtbarste und entschiedenste Konsequenz aus den Ereignissen 1991 war die Gründung des Evangelischen Gymnasiums, der jetzigen Christlichen Schule Johanneum.

Wie kam es dazu?

Das Konsistorium fragte zunächst Görlitz und Niesky an. Doch beide Städte lehnten ab. Der damalige Oberkonsistorialrat Norbert Ernst meinte daraufhin: „Wäre das etwas für Hoyerswerda?“ Das stieß auf Offenheit. Angestoßen durch den damaligen Bürgermeister Armin Ahrendt, durch Martin Schmidt und mich kam es zur Gründung des Johanneums. Wir hatten Glück, dass uns Bischof Dr. Joachim Rogge unterstützte. Der Stadtrat entschied mehrheitlich für die Entstehung des Johanneums. Die Gründung war natürlich ein Wagnis.

Inwiefern?

1992 hatten wir noch kein Gebäude, erst einige Lehrer und nur wenige Schüler, was sich dann jedoch bald änderte bis zum Beginn des Schuljahres 1992/1993. Der Unterricht fand zunächst in den Kellerräumen des jetzigen Foucault-Gymnasiums statt. Dann kamen Container hinzu. Von 1994 bis 1996 wurde das jetzige Johanneum gebaut. 1996 konnten die Schüler einziehen. 1997 gab es dort das erste Abitur. In diesem Schuljahr gibt es aktuell vier 5. Klassen – eine 5. Klasse im Oberschul-Zweig und drei 5. Klassen im Gymnasial-Zweig. Zum Schulanfänger-Gottesdienst am 6. September waren fast 100 Fünftklässler dabei. Insgesamt lernen heute über 500 Schüler am Johanneum. Diese Christliche Schule wird durch einen Trägerverein getragen. Ich bin Vorsitzender des fünfköpfigen Vorstandes des Schulträgervereins Johanneum Hoyerswerda e. V.

Kann sich die Gewalt in Hoyerswerda von 1991 wiederholen?

Nein. Davon bin ich fest überzeugt. Die Stadt hat die richtigen Lehren aus ihrer Vergangenheit gezogen.

Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Lehre?

Dass die Mehrheit nicht schweigen und wegsehen darf (so wie damals). Dass wir jeden Tag Toleranz im Kleinen leben können. Im persönlichen Umgang muss es stets um Respekt, um gegenseitige Achtung, um das Aushalten verschiedener Meinungen gehen. Es muss uns um Ehrfurcht vor jedem Leben gehen. So wie es schon Albert Schweitzer immer wieder unterstrichen und vorgelebt hat.

Fragen: Andreas Kirschke

Mehr zum Thema Hoyerswerda