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Die ganz besondere Prozession

74 Lebensjahre liegen zwischen dem ältesten und den jüngsten Osterreiter in Sollschwitz.

Sie freuen sich auf die diesjährige Wittichenauer Osterprozession. Ägidius Bresan (14) ist der jüngste Osterreiter in seinem Heimatort Sollschwitz. Dr. Peter Bresan (88) reitet zum 75. Mal mit. Er ist der älteste Osterreiter in seinem Heimatort.
Sie freuen sich auf die diesjährige Wittichenauer Osterprozession. Ägidius Bresan (14) ist der jüngste Osterreiter in seinem Heimatort Sollschwitz. Dr. Peter Bresan (88) reitet zum 75. Mal mit. Er ist der älteste Osterreiter in seinem Heimatort. © Foto: Andreas Kirschke

Von Andreas Kirschke

Wittichenau. Reich beschenkt fühlt sich Ägidius Bresan. Der 14-jährige Sollschwitzer reitet dieses Jahr am Ostersonntag erstmals in der Wittichenauer Osterreiterprozession mit. Diese überbringt die Botschaft der Auferstehung Jesu Christi in die benachbarte katholische Pfarrgemeinde Ralbitz. „Ich wollte schon immer mitreiten. Es ist ein besonderer Brauch. Nur hier in der Lausitz ist er verbreitet“, sagt Ägidius, der in Klasse 9 der Sorbischen Oberschule Ralbitz lernt, stolz. Er bewundert den kraftvollen Gesang der Reiter, ihre immer wiederkehrenden Gebete und die lange Geschichte der Prozession. An diesem Ostersonntag reitet er an der Seite seines Großcousins Jonathan Bresan (17). Ägidius ist der jüngste Teilnehmer in seinem Heimatort. Tierarzt Dr. Peter Bresan, der Bruder seines Großvaters, ist hingegen der älteste Osterreiter in Sollschwitz. Zum 75. Mal reitet er in der Wittichenauer Prozession mit. Unter vielen Sicherheitsvorkehrungen, mit strengem Hygienekonzept und Stallkonzept soll die Prozession dieses Jahr stattfinden. 2020 musste sie wegen der Corona-Pandemie erstmals in ihrer seit 1541 währenden Geschichte ausfallen.

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Der erste Ritt erfolgte 1946

Ostern 2021 erlebt der junge Katholik Ägidius intensiver als sonst. In der Fastenzeit verzichtet er auf Süßigkeiten. Das Reiten lernt er dank seines Onkels Konrad Bresan. „Er hat ein älteres Pferd in Zescha im Stall. Ich darf es reiten. Dabei lerne ich auch putzen und aufsatteln“, erzählt Ägidius. In seine Vorfreude und Aufregung vor der ersten Teilnahme als Osterreiter kann sich Jubilar Peter Bresan gut hineinversetzen. Er selbst war erst 13 Jahre bei seinem Erst-Ritt. In der Sollschwitzer Mühle wuchs er auf. Zwölf Kinder waren sie zu Hause. Mutter sah jedes Kind als Gottessegen an. „Die Großväter, die Onkel, mein Vater – sie alle waren Osterreiter“, erinnert sich Peter Bresan. „Sie waren für mich Vorbild im Glauben. Sie pflegten den Brauch Jahr für Jahr. Das zeigte mir: Nicht der Beginn wird belohnt, sondern das Durchhalten.“ Die Erwachsenen gaben ihm viel Liebe zu den Tieren mit. Frühzeitig half Peter Bresan bei der Feldarbeit. „Die Tiere waren lebenswichtig damals. Sie waren unsere einzigen Zugtiere kurz nach dem Zweiten Weltkrieg“, entsinnt er sich.

Wasser in den Stiefeln

Bei seinem Erstritt 1946 gab es kaum Ostergeschirre für die Pferde. Peter Bresan hatte nur einen Sattel und einen Halfter. In Sollschwitz war damals der junge Reiter Jurij Mros erkrankt. Spontan durfte Peter Bresan an seiner Stelle mitreiten. Neben ihm ritt sein späterer Schwager Dr. Blasius Nawka aus Bautzen. „Natürlich war ich sehr aufgeregt. Die Prozession verlief dann ohne Probleme“, erinnert er sich. In Wittichenau schenkten eine Frau und ihre Tochter Peter Bresan eine Kunstblume. Das war eine berührende Geste. Der 88-Jährige trägt sie bis heute tief im Herzen.

Seitdem ritt er Jahr für Jahr mit. „Und das bei jedem Wetter.“ Ostern 1957 kam Sturm auf. Er wehte den Reitern die Zylinder vom Kopf. Fahnen und Osterkreuze waren kaum zu halten. Die Reiter bewahrten Ruhe und hielten stand. Ostersonntag 1963 regnete es den ganzen Tag lang in Strömen. „Wir hatten Wasser in den Stiefeln. Wir waren völlig durchnässt“, erzählt Peter Bresan. „Schützende Regenmäntel wie heute gab es noch nicht.“ Als Tierarzt wurde er in der Prozession immer wieder gebraucht. Peter Bresan behob Koliken, verband verletzte Pferde, half ihnen wieder auf. 2008 wurde aus der Bautzener Osterprozession ein Pferd nach Wittichenau gebracht. „Sein Blinddarm war verdreht. Ich hatte fast keine Hoffnung, dass es wieder gesund wird“, erzählt Peter Bresan. Doch er konnte helfen. Zwei Mal hatte Peter Bresan selbst Probleme mit seinem Osterpferd. Bei der Prozession bäumte es sich plötzlich auf. Pferd und Reiter überschlugen sich. Doch beide Male blieben sie unverletzt. Dafür ist er bis heute dankbar. Wie sein mitreitender Kollege, Tierarzt Dr. Martin Kilank aus Rosenthal, wird Peter Bresan bis heute bei den Prozessionen immer wieder gebraucht und um Rat gebeten.

Seit Generationen kehrt Peter Bresan (wie seine Vorfahren) bei der Ankunft in Ralbitz bei Familie Benno Saring ein. Dort werden die Tiere versorgt, die Wittichenauer Reiter bewirtet. Doch dieses Jahr ist vieles anders. Das reicht vom Antransport der Pferde und von der Heiligen Messe Ostersonntagmorgen bis zur Heimkehr der Prozession nach Wittichenau.

Eigens für das Jubiläum ließ Peter Bresan dieses Kränzchen anfertigen. Es zeigt die Dreieinigkeit von Gottvater, Gottsohn und Heiligem Geist. Es ist das Motiv des Hochaltars der Wittichenauer Kirche.
Eigens für das Jubiläum ließ Peter Bresan dieses Kränzchen anfertigen. Es zeigt die Dreieinigkeit von Gottvater, Gottsohn und Heiligem Geist. Es ist das Motiv des Hochaltars der Wittichenauer Kirche. © Foto: Andreas Kirschke

Geänderte Prozessionszeiten

Der Antransport der Pferde auf den jeweiligen Hof verläuft gestaffelt in der Karwoche vom 30. März bis 4. April. Verantwortlich sind die jeweiligen Stallbesitzer. Übernachtungen von auswärtigen Pferdebesitzern und Transporteuren sind dieses Mal untersagt. Die Heilige Messe frühmorgens am Ostersonntag feiern die Reiter gestaffelt in zwei Gottesdiensten – um 5 Uhr die sorbischen Osterreiter, um 6 Uhr die deutschen Osterreiter.

In der Prozession selbst gibt es dieses Jahr einige Änderungen. Die Abritt-Zeit wird wegen der Pandemie geändert und nicht öffentlich bekannt gegeben, um keine Besucher anzulocken. Zudem wird die Strecke in Wittichenau etwas eingekürzt. Wegen der Corona-Pandemie gibt es in diesem Jahr keine Bewirtung in den Gastquartieren und keine Abschluss-Andacht in der Ralbitzer Kirche. Eine Pause in verkürzter Form wird stattdessen unter freiem Himmel stattfinden. Sie dient der Stärkung der Pferde und Reiter. Zur Rückkehr in Wittichenau folgt nach zweimaligem Umreiten der Kirche für die Reiter der Stadt Wittichenau eine Abschluss-Andacht zu Pferd. Die Reiter der Pfarrdörfer kehren in ihre Orte zurück. Sie halten dann dort eine kurze Abschluss-Andacht jeweils am Dorfkreuz. Das Hygienekonzept für die Osterprozession 2021 in Wittichenau ist sorgfältig abgestimmt. „Insgesamt wird die Prozession vermutlich kleiner sein als sonst“, blickt Peter Bresan voraus. Beim Absteigen vom Pferd ist Maskenpflicht. Nur auf dem Pferd selbst dürfen die Reiter ohne Maske sein.

12.000 Kilometer gepilgert

Aus Peter Bresans Familie reiten noch fünf weitere Teilnehmer mit. Erstreiter Ägidius Bresan hat schon in den Jahren zuvor den Osterreitern zugehört. So fällt ihm jetzt das Mitsingen und Mitbeten leichter. Möglichst auswendig will er die Texte auf dem Pferd beherrschen. Als Hilfsmittel wird er (wie jeder Teilnehmer) ein kleines Liederheft mit sich tragen. Dass mit Peter Bresan ein besonderer Jubilar aus seiner Familie und aus seinem Heimatort Sollschwitz kommt, erfüllt ihn mit Stolz.

Immer wieder denkt Peter Bresan in den Prozessionen Jahr für Jahr über die Geheimnisse des Glaubens nach. Ostern, so sagt er, ist wie ein Teil seiner vielen Wallfahrten und Pilgerwanderungen. „Insgesamt bin ich weit über 12.000 Kilometer in meinem Leben gepilgert“, sagt Peter Bresan. So von Warschau nach Tschenstochau zur Schwarzen Madonna. Neun Jahre lang ist er von Sollschwitz nach Prag gepilgert zum gekrönten Jesuskind im Kloster der siegreichen Jungfrau Maria des Ordens der unbeschuhten Karmeliter. „Meine längste Fußwallfahrt war 2002“, sagt der Jubilar. „Sie führte von Wittichenau über 1.200 Kilometer durch ganz Polen bis zur zweifach gekrönten Muttergottes von Ostrobrama in Vilnius in Litauen.“ Und jetzt das 75. Mal in der Wittichenauer Prozession nach Ralbitz.

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