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Ein Leben für die Anderen

Angelika Meischner hat in Hoyerswerda die Frühförderung auf den Weg gebracht.

Ihren Ruhestand genießt Angelika Meischner auf vielen Reisen und steht doch immer als Helfer zur Seite.
Ihren Ruhestand genießt Angelika Meischner auf vielen Reisen und steht doch immer als Helfer zur Seite. © Foto: Angela Donath

Von Angela Donath

Hoyerswerda. Angelika Meischner gehört zu den Kümmerinnen dieser Stadt. Das war vor der Wende so, als sie sich im Kinderheim in Schwarze Pumpe für die Förderung von Kindern, mit denen es das Leben nicht so gut meinte, stark machte. Und das war auch später so, als sie Psychologin in der Reha-Einrichtung in Dörgenhausen war – dort für die Diagnostik zuständig. Und Kümmerin war sie erst recht nach der Wende: Wieder war sie für Kinder da, die Hilfe brauchten und auch für deren Eltern. Mit damals noch wenigen Mitstreitern brachte sie die Frühförderung in Hoyerswerda auf den Weg. Angelika Meischner kümmert sich auch noch heute, als freundliche Nachbarin, als Helferin bei kniffligen Formularen oder als Begleiterin bei Behördengängen.

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Angelika Meischner ist relativ klein, aber umso lebendiger und kann wunderbar erzählen. Sie lacht viel, dabei ist es gar nicht immer lustig, was sie zu sagen hat.

Geboren ist sie 1950 in Löbau, aufgewachsen in Niedercunnersdorf im schönen Oberland. Nach der Schule wurde sie Bankkauffrau. „Aber, das war nichts für mich. Akten rumschleppen oder am Schreibtisch sitzen, das fand ich furchtbar.“ Wenig später hörte sie, dass in einem Kinderheim im Nachbarort Leute gebraucht wurden. Als ungelernte Erzieherin fing sie dort an.

„Ich, klein, Einzelkind, behütet aufgewachsen und null Ahnung von Erziehung – das war hart! Betreut habe ich 15 bis 18 Vorschulkinder auf einmal.“ Angelika Meischner lacht heute, wenn sie darüber spricht und gesteht, dass sie manchmal lieber in die Küche flüchtete und dort beim Kartoffelschälen half.

„Aber, so dachte ich bei mir: Hindurch zum Ziel!“ Wenig später begann sie in Radebeul ihre dreijährige Ausbildung zur Heimerzieherin. Dieses „hindurch zum Ziel“ scheint eine ihrer Lebensmaxime zu sein. Sie sagt: „Ich fühlte mich schon immer so ein bisschen getrieben – von irgendwas. Ich wollte einfach was machen. Beispielsweise haben wir mit ein paar Freundinnen, als damals 15-jährige Mädchen, für unser Dorf einen Tanzabend organisiert. Mit Saal, Orchester, Bedienung und allem, was dazu gehört, auch mit Finanzen und Abrechnung. Wir Mädels wurden immer wieder zu Schnäpschen eingeladen und für solche Zwecke hatten wir uns vorsorglich Flaschen mit Wasser präpariert. Am Schluss waren alle glücklich und wir dankbar, dass die Kasse stimmte. Es blieb sogar was übrig, für unsere FDJ-Kasse.“ Das Wasser in den Schnapsflaschen könnte ein Grund dafür sein. „Ach, das ist ja heute verjährt und es war eine schöne Zeit.“

Heimerziehung und Psychologie

Das sagt Angelika Meischner auch zu ihrer Zeit in der FDJ. „Dort konnte ich wieder was organisieren, was tun.“ Das tat sie wohl so gut, dass man ihr nach Abschluss des Erzieherinnenstudiums anbot, weiter als Internatserzieherin an ihrer Ausbildungsstätte zu bleiben. Sie blieb, bis sie ihren Ehemann kennenlernte. „Alle hatten gesagt, ich solle mir einen Mann suchen. Das hab ich eben gemacht, bloß arbeitete er in Pumpe. Na, dann eben Ortswechsel, in die junge Stadt Hoyerswerda.“

Heimerzieherin wurde Angelika Meischner nun in Schwarze Pumpe. Hilfsschulkinder, wie man damals sagte, waren ihre Schützlinge. Zu zwei von ihnen hat sie heute noch Kontakt. „Die haben mich gegoogelt und gefunden.“ Manche Kinder, so schätzt sie heute ein, waren in den damaligen Hilfsschulen nicht am richtigen Ort. „Es fehlte einfach die spezifisch notwendige Förderung, die Frühförderung.“ Auch die Einweisung in die Kinderheime, so wie sie damals vorgenommen wurde, sieht sie heute kritisch. „Einfach weg von den Eltern, weil diese vielleicht überfordert waren? Da ging es nicht immer um Kindeswohl, da ging es um die ‚einzig richtige‘ Vorstellung von Erziehung – und um reines Gewissen.“

Angelika Meischner überlegt weiter und sagt dann: „Heimerziehung schafft, glaube ich, keine Gesellschaft richtig gut. Man geht von rationalen Gesichtspunkten aus, Emotionen, noch dazu kindliche, sind oft nachrangig.“ Sie hat diese Erfahrung in vierzig Jahren Erziehung und Bildung und in zwei Gesellschaftsordnungen gemacht, hat sich in Theorie und Praxis Expertenwissen erarbeitet und kann das einschätzen. Auch der gegenwärtig geltenden Praxis für diesen sensiblen Bereich steht sie nicht unkritisch gegenüber.

Zwischen 1977 und 1980 studierte Angelika Meischner, nun bereits junge Ehefrau, Psychologie in Leipzig, sie bekam zwei Kinder und schloss erfolgreich ab. „Studium und zwei Kinder und das alles in drei Jahren – das war nicht schlecht. Gott sei Dank gab es 1980 schon die Elternzeit. Ich musste mich danach erst mal sammeln.“ Die bereits ins Auge gefasste Stelle als Schulpsychologin für den gesamten Kreis Hoyerswerda wurde für sie nicht genehmigt. Begründung: Es gibt schon einen Psychologen. Gebraucht wurde sie in der Reha-Einrichtung in Dörgenhausen bei Erika Heimann. Vor allem die Diagnostik von Kindern im Vorschulbereich gehörte zu ihren Aufgaben. „Diagnostik? Das galt in der DDR als Hokuspokus. Auf abenteuerlichen Wegen haben wir uns die Arbeitsmittel dafür beschafft. Mein Schwiegervater hat für mich ein West-Fachbuch, geliehen aus einer Uni-Bibliothek, fast komplett abfotografiert. Nach der Vorlage bastelten wir uns unser Material. Das haben alle damals so gemacht.“

„Wir hatten keine Ahnung ...“

Die Wende kam, Frühförderung gehörte nicht zu den Dingen, deren Notwendigkeit man gleich erkannte. Außerdem waren entsprechende Einrichtungen teuer und kaum leistbar für die Stadt. Das Zauberwort der Zeit hieß: Freie Träger. „Keiner von uns wusste richtig, was das ist. Der Verein ‚Lebenshilfe‘ könnte der richtige Träger für unseren Bildungsansatz sein, riet man uns. Lebenshilfe? So was hatten wir in Hoyerswerda nicht, also mussten wir erstmal einen Verein gründen. Sieben Gründungsmitglieder waren notwendig, wir überzeugten unsere Ehemänner. Jetzt hatten wir einen Verein, aber keine Einrichtung. In Kamenz war es genau umgekehrt: Also Fusion mit der Nachbarstadt“, so die Kurzfassung dieser verrückten Zeit.

Wenn Angelika Meischner zurückdenkt, fragt sie sich, wie sie das damals alles geschafft haben. „Wir hatten keine Ahnung, nicht vom Vereinsrecht und nicht von Geschäftsführung! Woher sollte das Geld kommen? Was sind Kostensätze? Damals habe ich Zahlen geträumt.“ Aufklärung und etwas Hilfe bei den ersten Kostenverhandlungen gab es beim Landeswohlfahrtsverband in Leipzig. Die Stadtverantwortlichen, damals Armin Ahrendt und Martin Schmidt waren wohlwollend und zeigten Geduld. Unterstützung gab ihr auch die Familie. Denn, nicht zu vergessen, Stadträtin war sie auch noch. Sie war Mitglied der PDS-Fraktion – auch keine unbedingt leichte Aufgabe damals.

Schließlich konnte es 1993 mit der Frühförderung bei der Lebenshilfe in Hoyerswerda losgehen – mit 15 Kindern in wechselnden Einrichtungen. Sie wurde Leiterin der Förderstelle, eine Mitarbeiterin stand ihr zur Seite. Der Bedarf wuchs sprunghaft – genauso, wie die Einrichtung, die Angebote und die Anerkennung. Angelika Meischner hatte die Erfordernisse der Zeit erkannt – und sich um die Einrichtung und ihre Schützlinge gekümmert.2010, nach 17 erfolgreichen Jahren, entschied sie sich trotz aller Freude an der Arbeit für den Vorruhestand. „Man muss schon mal Platz machen für die Jüngeren“, sagt sie. Ruhe im eigentlichen Sinne hat Angelika Meischner jedoch nicht. Die will sie auch nicht haben. Meischners reisen sehr gern, sie haben die halbe Welt mit einem kleinen Camper „erfahren“. Sie waren in Georgien, Norwegen und Russland, in Mittelasien, am Baikal, in Spanien, Portugal, in Frankreich und in Wladiwostok.

Langeweile kommt auch nicht auf, wenn sie zuhause sind. „Mal werden wir in der Familie gebraucht, mal bei Freunden. Und von den syrischen Nachbarn, wenn sie die Formulare, die sie auszufüllen haben, nicht verstehen.“ Dann ist Angelika Meischner in ihrem Element. „Ich rufe, wenn es notwendig ist, auch in den Ämtern an und bitte für die Nachbarn um Hilfe. Mit Humor und Witz mache ich das – es klappt fast immer. Ich hab zu Vielen gute Kontakte und ich bin froh, dass ich die Zeit so nutzen kann. Überhaupt bin ich froh, dass wir so gut durch die Zeiten gekommen sind.“

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