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Gottesfurcht und stilles Aufbegehren

Ein „Wendisch-Deutsches A-B-C“, gedruckt von Kullmann 1865 in Hoyerswerda, ist jetzt bei der SLUB Dresden einsehbar.

Wendisch-deutsches A-B-C, verlegt bei J. Kulman (Kullmann) 1865 in Hoyerswerda (Wojerezach); einzusehen jetzt bei der SLUB (Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek) Dresden auf deren Website in der Sorbischen Sammlung. Für deren Portal ist die S
Wendisch-deutsches A-B-C, verlegt bei J. Kulman (Kullmann) 1865 in Hoyerswerda (Wojerezach); einzusehen jetzt bei der SLUB (Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek) Dresden auf deren Website in der Sorbischen Sammlung. Für deren Portal ist die S © Reproduktion/Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda. Überraschendes aus Hoyerswerdaer Sicht fand sich im Zuge einer Pressemitteilung des Sorbischen Instituts Bautzen: Unter https://sachsen.digital/ seien jetzt auf den Internetseiten der SLUB (Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek, Dresden, d. Red.) weitere digitalisierte sorbische Dokumente veröffentlicht worden. Schon länger sei dort eine Wittichenauer Chronik in obersorbischer Sprache einsehbar, aus dem Druck gekommen im Jahre 1878. TAGEBLATT hat sie am 18. März auf Seite 14 vorgestellt.

„Wojerezach, ... 1865“

Mindestens genau so interessant war allerdings die dazu aufgesuchte „Eingangstür“ des sorbischen Portals der SLUB, das mit einem Prachtblatt illustriert war, geziert von einem Hahn, getitelt als „Das wendisch-deutsche A=B=C, mit Bildern für Elementar-Schulen“; Druckvermerk „Wojerezach ... J. Kulman. 1865“. Mit anderen Worten: Entstammend der Offizin von Johann Kullmann aus Hoyerswerda. Jenes Johann Kullmann, der 1852 eine Hoyerswerda-Chronik herausgegeben hatte und sich dabei wesentlich auf seine Vorgänger Salomon Gottlob Frentzel (1744) und August Ernst Schuster (1842) gestützt hatte.

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Eine Chronik-Nebenbetrachtung

Damals waren die heute verdammenden Worte „Plagiat“ und „Copy and Paste“ noch unbekannt. Vielmehr galt es als Ehre, das zu verbessern, was die Vorfahren hinterlassen hatten. Einerseits gemäß dem Frentzel’schen Wunsch: „Im übrigen hoffe ich, es wird der vielgeehrte Leser sein Vergnügen finden, solte aber solches über alles vermuthen nicht seyn, und man findet hie und da eines oder das andere auszusetzen, so ersuche mit seinem Urtheil sich nicht zu übereilen.“ Weniger rokoko-spätbarock als Frentzel sagte es 1842 der klassizistisch-historizistische Schuster: „Wenn ich nachfolgende Blätter durch den Druck der öffentlichen Beurtheilung übergebe, so muß ich zuvörderst darum bitten, in denselben nicht etwa eine vollendete Specialgeschichte von H o y e r s w e r d a zu erwarten, sondern sie vielmehr nur als eine Vorarbeit, als gesammelte und lose hingestellte Materialien zu betrachten, die einem spätern Bearbeiter dieser Geschichte von einigen Nutzen sein sollen.“

Andere Zeiten, andere Sitten

Kullmann griff das gern auf; bediente sich weidlich bei Schuster, ergänzte das Vorgefundene zu seiner Hoyerswerda-Chronik. 13 Jahre später, also 1865, kam bei ihm das besagte wendisch-deutsche A=B=C heraus; ein Lehrbuch für die Allerjüngsten. Was braucht nun eine gute Fibel für Elementar-, sprich Grundschulen? Einführungen in die Diversität der weit mehr als nur zwei Geschlechter? Klimakatastrophen-Dräuen? Omnipräsente One-World-People-of-Colour-Huldigung hie und kritisches Weißsein da? Nicht zuletzt Cancel Culture (was sich treffend auch mit „Abbruch jeglicher Kultur“ übersetzen ließe)? – Das mag heute der Wunschtraum von einigen Lehrbuch-Verfassern sein. Vor anderthalb Jahrhunderten hingegen spielte all das gar keine Rolle, hätte mildestenfalls Kopfschütteln hervorgerufen und wäre, weitaus wahrscheinlicher, als verderbliches Teufelszeug gebrandmarkt worden. Naturwissenschaften wie Biologie, Chemie und Physik? Nichts. Nicht einmal Mathematik. Freilich: so viel anders ist das 2021 in manchen Lehrbüchern für die ganz Kleinen nicht.

Um 1865 war das an Wissenwertem zu Vermittelnde für die jüngsten Schüler, mithin für die Aufnahmebereitesten und -Empfänglichsten, ganz klar umrissen: auf 36 Seiten inklusive Einband (das reichte vollkommen aus!) ein bisschen illustriertes Buchstabieren/Silbenbilden auf 15 Seiten – darunter recht unkindliche Sätze wie „Lie be Muh me gieb mir Bier“ oder „Ich bra te den Pfau“. Eine Anleitung zum Sütterlin-Schön-Schreiben-Üben auf weiteren sieben Seiten (17-23). Der eigentliche moralische Hauptteil des Werkes von Seite 24 bis 30. Zugabe: das Vaterunser in Deutsch und Sorbisch; Sorbisch im Urtext in Antiqua- und bei der neuen Lautmalerei in Grotesk-Schrift, also Erstere mit den buchstabenstabilisierenden Serifen („Füßen“), Letztere mit klaren, kalten, glatten Lettern.

Haupt-Wissen „Von Gott“

Ja – was war denn nun das Lehrens- und Beherzigenswerte, das im erwähnten Hauptteil des Werkes auf Deutsch gelehrt ward? Ganz einfach: Das Wissen „Von Gott“; wie es in der Überschrift heißt. „Mein Kind! Was dein Aug‘ nur sieht, das ist von Gott ... Kind! Nichts ist, das Gott nicht weiß ... Kind! Gott kann, was Er nur will ... Mein Kind! Gott ist gut und hat dich lieb ... Was schön ist, das ist von Gott. Auch dir zu Lieb’ malt Er die Blüth’ am Baum so schön weiß und roth. Auch dir zu Lieb’ färbt Er Laub und Gras so schön grün ... Das Brod, das so wohl schmeckt, giebt Er dir. Er giebt dir die Milch, die so frisch und süß ist ...“Freilich muss Güte verdient werden und kommt nicht bedingungslos auf alle herab! „Mein Kind! ... Gott haßt die Sünd’ und was bös ist. Gott will, du sollst auch gut und nicht bös sein ... Das Kind, das nicht gut ist, straft Gott. Dem Kind’, das bös ist, läßt Er es nicht wohl gehn ... Das Kind, das bös ist – ist wie Spreu im Wald, wie Werg im Feu’r ... Mein Kind! Du weißt nun schon was von Gott. Hab’ nun Gott recht lieb, o so lieb als du nur kannst.“

So grundsätzlich unterwiesen, können konkretere Anweisungen zum rechten Lebenswandel folgen. Dazu gehört Dankbarkeit: „So oft man dir was schenkt, das recht schön ist, und dich recht freut, so denk’: Im Grunde ist es doch von Gott, und dank’ Ihm noch mehr, als Dem, der es dir gibt.“ Dazu gehört, dass man Tiere und Pflanzen nicht quält. Dazu gehört Folgsamkeit: „In der Schul’ sei still, merk’ auf, und lern’ brav. Zu Haus’ folg, wenn man dich was thun heißt. Geh’ gleich, wenn man dich ruft, und schrei’ nicht lang: Was? Sag’ nicht: Ich mag nicht, wenn dir was hart dünkt. Wein’ nicht, wenn man dir nicht gleich giebt, was du willst. Murr’ nicht, wenn man dir was wehrt und wenn man dich straft. Lüg’ nicht, denn das ist recht schlimm und recht wild ... Sei nicht zu faul und träg, wenn du was thun sollst. Der Ochs’ ist so faul und dumm, daß er nicht geht, bis man ihn schlägt.“ Logische Quintessenz: „Nun, mein Kind, weiß du, was du zu thun hast, und was Gott von dir will. Thu’ es nun! Den Baum, der nicht Frucht bringt, haut man um, und wirft ihn in’s Feu’r.“ Das war eine wiewohl biblisch-allegorische, so doch heftig-handfeste Drohung.

Vorgeschichte mit Markgraf Gero

Aber warum war das wendisch-deutsche A=B=C, abgesehen von einigen Buchstaben, Worten und dem Vaterunser, vor allem ein deutsches? Nun, die sorbisch-wendische Sprache war in Preußen 1865 nicht wohlgelitten. Die Vorgeschichte reicht bis zu Markgraf Gero zurück, der um das Jahr 940 herum 30 wendische Fürsten bei einem Gastmahl ermorden ließ – angeblich, um ihnen zuvorzukommen, wahrscheinlich aber eher, um die aufsässigen Sorben führerlos zu machen und unter sächsische Tribut-Herrschaft zurückzuzwingen. Auch später ging es rauh zu: Im Anhalt und um Zwickau war die sorbische Sprache im 13. Jahrhundert unter Androhung der Todesstrafe verboten. Auf Befehl des brandenburgischen Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. sollte 1667 das gesamte sorbische Schrifttum sofort vernichtet und die Durchführung sorbischer Gottesdienste verboten werden. Sachsen war da etwas toleranter, aber in Folge des Wiener Kongresses wurden 1815 sächsisch-sorbische Gebiete Preußen zugeschlagen. Zwar genossen die Sorben auf Grund ihrer Königstreue einige Privilegien – aber damit war es vorbei nach der „Sorbischen Bauernpetition“ von 1849, die soziale, nationale und politische Forderungen enthielt. Reichskanzler Otto von Bismarck leitete 1875 weitere antisorbische Repressionen ein. In der preußischen Oberlausitz kam es zu einem Verbot der sorbischen Sprache in den Schulen.

Protest in Blau, Rot und Weiß

Vor diesem Hintergrund ist die 1865er Kullmann’sche Veröffentlichung in der damaligen sorbischen Hauptstadt Hoyerswerda einzuordnen: Gewiss wurden Gottesfurcht und Obrigkeits-Gehorsam ganz vornean gestellt, aber doch versucht, von der (obersorbischen) Sprache zu retten, was zu retten und zu bewahren war.

Hübsches Detail der SLUB-Ausgabe: Der gewiss von späterer Hand hinzugefügte Einband, Illustrationen mit rot-weißen Blüten-Motiven auf tiefblauem Grund – die sorbischen Farben. Ein stiller Protest?

Weiteres Wissenswertes zur sorbischen Geschichte findet sich auf der von Hannover aus betriebenen Website www.sorbe.de

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