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„Ich mag keine berechenbaren Tage“

Rollentausch: Kerstin Noack, Leiterin des Schloss- und Stadtmuseums, sprach mit TAGEBLATT-Redaktionsleiter Uwe Schulz über Lokaljournalismus in Hoyerswerda.

Uwe Schulz antwortet im TAGEBLATT-Besprechungsraum auf die Fragen von Kerstin Noack.
Uwe Schulz antwortet im TAGEBLATT-Besprechungsraum auf die Fragen von Kerstin Noack. © Foto: Gernot Menzel

Uwe, wie bist du zur Zeitung gekommen?

Ich habe nach dem 10.-Klasse-Abschluss eine Fotografenlehre gemacht. Dann kannte ich 1990 jemanden, der beim Wochenblatt gearbeitet hat und mich fragte, ob ich ein Foto hätte – ich glaube vom Centrum-Warenhaus. Hatte ich und ging da vorbei. Die saßen in einer Garage vor Apple-Computern und haben Zeitung gemacht. Das war noch die englische Tastatur, die keine Umlaute erzeugen konnte. Also bekam ich einen Stift in die Hand gedrückt und habe auf dem Papier für den Druck Umlaute gesetzt. Irgendwann habe ich angefangen zu schreiben, erstmal Bildnachrichten, und dann wurde es immer mehr.

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Mit wem würdest du gern einmal den Job tauschen?

Es gibt viele Sachen, die ich gern einmal machen würde. Da gibt es sowohl Journalisten als auch Fotografen, die tolle Reisereportagen machen und für drei, vier Monate mit einem Riesenetat verschwinden können. Dafür war ich aber wahrscheinlich nicht ehrgeizig genug. Ansonsten ist es eine Gnade meines Jobs, dass man in so viele Berufe reingucken und sich ein Bild machen kann, dass ich immer überall etwas stibitzen kann.Und mit wem auf gar keinen Fall?Politiker, Lehrer, Erzieher.

Wo würdest Du gern mal Mäuschen spielen?

(Lange Denkpause) Es ist manchmal so, dass man sagt: „In der Sitzung wäre ich gern dabeigewesen.“ Aber dauerhaft Mäuschen möchte man nirgendwo sein, denn die Erfahrung bringt mit sich, dass viele Beratungen nicht so spannend sind wie gedacht. In manchem konkreten Fall wünscht man sich aber, dass man dabei gewesen wäre, und dann kennt man als Journalist Wege und Mittel, um doch an Informationen zu kommen. Zumindest versucht man es.

Wen würdest Du gern mal interviewen?

Im Lokalen ist das Schöne, dass ich an alle Leute, die ich gern interviewen möchte, einfach herantrete. Alles andere wäre auf einer Ebene, für die ich nicht schreibe. Zum Beispiel Bruce Springsteen – den würde ich schon gern einmal interviewen.

Wenn Du drei Wünsche für Hoyerswerda und Umgebung frei hättest, was würdest Du Dir wünschen?

Ich fasse das mal zu einem großen Wunsch zusammen: Engagierte Macher, die finanziell ausreichend ausgestattet sind, um nachhaltig Strukturen schaffen zu können, die einerseits Touristen anlocken – was nicht bedeutet, dass man irgendeine Kopie macht und den dritten Hafen baut. Sondern dass man wirklich Alleinstellungsmerkmale wie den rostigen Nagel, die IBA-Terrassen oder die F 60 schafft, und das miteinander verbindet und so zum Leben erwecken kann und mit Jobs unterlegt, dass Menschen gut bezahlte, ordentliche Arbeit haben und davon leben können. Und anderseits sollen dadurch Menschen angelockt werden, die sagen: Das finde ich nur in der Lausitz! Wenn die sich dann hier niederlassen, weil es so toll ist, entsteht auch neue Wirtschaft.

Was macht für Dich guten Lokaljournalismus aus?

Wir haben eine Maxime: Wir sind Leute von hier und schreiben für die Leute von hier. Ein Journalist von einem großen, überregionalen Nachrichtenmagazin kann hier einreiten, seine Geschichte machen, schreibt das für eine Leserschaft, die meistens nicht von hier ist, fährt wieder und muss nie wiederkommen. Wenn ich etwas schreibe, gehe ich am nächsten Tag trotzdem in den Einkaufsmarkt. Die Leute sehen mich, und ich muss auch mit den Reaktionen leben. Das bedeutet nicht, dass wir anbiedernd schreiben. Aber wir schreiben schon für die Menschen von hier und machen einen begleitenden Journalismus. Wenn wir Missetaten aufdecken, dann schreiben wir das auch. Wir haben aber kein Interesse daran, die Stadt, die Gegend in einen Generalverruf zu bringen. Und deshalb zeigen wir auch gern die schönen Seiten.

Wie sieht ein typischer Tag in der Tageblatt-Redaktion aus?

Morgens kommen alle auf Arbeit und machen den Rechner an. Punkt. Nein – es gibt einfach nicht den immer wiederkehrenden Tagesablauf. Aber es gibt feste Punkte. Donnerstags treffen wir uns zur Wochenplanung, wo wir auf die Themen des Wochenendes und der darauffolgenden Woche schauen. Außerdem gibt es am Abend immer noch die Planung für den nächsten Tag, und danach wissen wir, was wir in Print bedienen müssen. Wir machen einerseits den Lokalteil, dann unseren eigenen Online-Auftritt Hoyte24.de, und wir bestücken unseren Part des Online-Auftritts der Sächsischen Zeitung mit. Aber wir verwenden viel Energie auf den gedruckten Teil, auf Print. Das ist zwar gegen den Trend, aber das ist der Bereich, für den unsere Nutzer derzeit zahlen. Das Spannende an dem Beruf ist, dass man nicht weiß, was einen am Tag erwartet. Oft ist es so, dass ich, wenn ich mir gezielt etwas vornehme, das spätestens Mittag in die Tonne hauen kann, weil etwas dazwischenkommt. Aber am Abend muss alles bestückt und fertig sein. Das ist die Challenge für jeden Tag.

Warum machst Du Deinen Job gern?

Der Job ist abwechslungsreich. Ich mag Tage nicht, die total berechenbar sind, wo nichts passiert und man sich durch trockenes Zeug wühlt. Schwierig sind auch die Tage, an denen man sich quälen muss, weil man weiß, es passiert da draußen nichts. Man hat leere Seiten und viel Platz für kreative Ideen. Dann muss man diese Ideen auch entwickeln. Manchmal hilft die Erfahrung und manchmal stört sie auch, weil man denkt: Da habe ich doch gerade erst drüber geschrieben und dann ist es doch schon zehn Jahre her. Das Schöne ist: Ich kann meist tun und lassen, was ich will. Das habe ich mir immer gewünscht.

Worüber schreibst Du gern und worüber eher nicht?

Jeder Journalist schreibt wohl gern über das, was ihn persönlich berührt, womit er etwas anfangen kann. Das sind bei mir oft technische Sachen, Dinge, die man beschreiben kann, Dinge, die passieren. Womit ich absolut nichts anfangen kann ist, wenn ich über Sport berichten sollte. Ansonsten fotografiere ich nach wie vor gern und ich freue mich über jeden Termin, bei dem ich rauskomme und sehe, wie sich diese Stadt verändert oder wo im Seenland etwas passiert.

Was hat Dich in Hoyerswerda gehalten und warum?

Es ist meine Heimatstadt, ich habe hier mein privates Glück und den Job, den ich spannend finde, einen kurzen Arbeitsweg, und ich kann – je mehr sich dieses Seenland entwickelte und entwickelt – sagen, dass ich in einer Gegend arbeite, in der andere Urlaub machen. Klar, gab es zwischendurch auch mal Durststrecken, wo man alles überhatte. Na, dann muss man eben wieder ein bisschen was neu entdecken. Diese Fähigkeit habe ich mir zum Glück bewahrt. Ich versuche immer, was Schönes und Neues zu finden und das Schlechte nicht zu übersehen.

Welchem Thema würdest Du ein Buch widmen?

Ich kann mir schon vorstellen, dass ich mich irgendwann mal bei den Leuten einreihe, die aufschreiben, was sie in der Stadt erlebt haben. Aber das dauert noch ein bisschen und letztlich braucht man dafür Zeit.

Was braucht Zeitung, um zukunftsfähig zu bleiben?

Es geht weniger um die gedruckte Zeitung als viel mehr um die Frage: Wie kann Journalismus in die Zukunft schauen? Wie kann ich News monetarisieren, gerade im Lokalen? Bei einer Zeitung ist man gewohnt, dafür Geld zu bezahlen. Bei allem, was digital ist, ist leider der Trend da, dass ich die Informationen möglichst kostenlos haben möchte. Wenn ich zum Bäcker gehe, kann ich die Brötchen anschauen und den wunderbaren Duft einsaugen, aber wenn ich sie essen möchte, muss ich zahlen. Die Erwartungshaltung ist bei journalistischen Beiträgen komischerweise nicht so. Nur: Ich mache das hier nicht nur aus Spaß und Freude, sondern ich will auch davon leben. Wenn ich kein Geld bekomme, kann ich keine Nachrichten produzieren, also gibt es die irgendwann nicht mehr. Die eierlegende Wollmilchsau hat da noch keiner gefunden. Es läuft auf eine Reduzierung der Journalisten in der Fläche hinaus und wir sind gerade dabei, das zu erleben.

Fragen: Kerstin Noack

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