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„Ich wollte nur den Stein ins Rollen bringen“

Falk Hoysack wirft mit seinem Film „1991“ einen Blick in das Heute und die Geschichte – es ist ein Erklärungsversuch.

Eine Szene aus dem „Raum ’91“, der Teil des Tanzstückes „Manifest!“ aus dem Jahr 2018 ist. Multimedial wurden Zuschauer in die Stadtgeschichte eingeführt.
Eine Szene aus dem „Raum ’91“, der Teil des Tanzstückes „Manifest!“ aus dem Jahr 2018 ist. Multimedial wurden Zuschauer in die Stadtgeschichte eingeführt. © Archivfoto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Als 2018 das Stück „Eine Stadt tanzt: Manifest!“ im ehemaligen Centrum Warenhaus aufgeführt wurde, gab es da ein ganzes Stück Stadtgeschichte zu erleben. Tänzer und Sänger stellten szenenweise mal die Phase des starken Wachstums dar, dann den tiefen Einschnitt 1991 und letztlich den Ausblick in eine durch die Bürgerschaft gestaltbare Zukunft.

Konkret die Eindrücke des „Raum 91“ hat der aus Hoyerswerda stammende Filmemacher Falk Hoysack nun zum Anlass genommen, die Ereignisse dieses Gewaltherbstes in seiner Heimatstadt künstlerisch zu verarbeiten. „ ‚Manifest’ war für mich der Auslöser, zu reflektieren. Ich habe auch mich dann hinterfragt.“ In diesem Augenblick begann gewissermaßen die Recherche. Entstanden ist zum 30. Jahrestag der Film „1991“. Er nennt es den Versuch, seinen Standpunkt zu zeigen – seine subjektive Sicht – und möchte es als Diskussionsgrundlage sehen, die zum Nachdenken anregen soll. „Ich wollte nur den Stein ins Rollen bringen“, sagt der diplomierte Kameramann über eine Chance des Filmes.

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„Geschämt und distanziert“

Die Kindheit und Jugend hat Falk Hoysack in Hoyerswerda verlebt, die Lehrzeit im Lausitzer Revier absolviert. Mit 19 Jahren verließ er 1988 die Stadt gen Ost-Berlin. Dort habe er die Ausschreitungen wahrgenommen, aber dem keine größere Bedeutung für sich selbst beigemessen. „Ich habe mich etwas geschämt und mich von der Stadt distanziert.“ Er spricht von Verdrängung und davon, die Augen verschlossen zu haben. „Vielleicht ist der Film meine Form der Wiedergutmachung, die ich der Bürgerschaft anbieten kann.“ Überhaupt erzählt er davon, sich der Stadt seit geraumer Zeit neu zu nähern. Durch die in Hoyerswerda lebenden Eltern bestand immer eine Verbindung, aber heute, sagt Falk Hoysack, habe er hier gewissermaßen wieder Fuß gefasst. „Ich kenne jetzt mehr Leute hier als vorher.“ Diesen Umbruch hat besonders seine Einbindung in das Tanzprojekt der Kulturfabrik herbeigeführt. Seit über zehn Jahren begleitet er filmisch die Reihe. „Es fällt mir jetzt leichter, Hoyerswerda mehr zu lieben“, zeigt sich der Kameramann erfreut über das wachsende bürgerschaftliche Engagement. „Ich empfinde die Zeit als geistigen Aufbruch. Ich merke ein Umdenken in der Bevölkerung.“

Die Geschichte bis zum Knall

Der etwa halbstündige Film beginnt mit einem Blick in eine nebelverhangene, aufgeschürfte Landschaft. Eine Förderbrücke erscheint, ein Freileitungsmast, das Ortseingangsschild der Konrad-Zuse-Stadt. Genau dort beginnt die Geschichte: „In der Lausitz sollte das Herz der Energieerzeugung der Republik entstehen“, heißt es in der Vorgeschichte. Diese sei nötig, „um den Knallpunkt zu verstehen“, wie es Falk Hoysack ausdrückt. Der Prolog führt über die Nachkriegszeit, Schwarze Pumpe, Zuzug, die Wende, Arbeitslosigkeit hin zur Unruhe.

Eine Erklärung finden

Falk Hoysack schätzt seine Arbeit als subjektiv ein, wagt den Blick aus dem Inneren – sozusagen als Kind von Hoy. Und ist umso mehr für die Unterstützung vom Dramaturgen Olaf Winkler dankbar, der „als Zugezogener einen Fremdblick“ hat. Er „konnte den Finger in die Wunde legen“, erklärt Falk Hoysack die Zusammenarbeit. Im Grunde wird mit Bildern von heute und Erinnerungsfetzen von damals versucht, eine Erklärung zu finden. Und es wird die Frage gestellt, wie die Stadt 30 Jahre später lebt. Nicht selten war Falk Hoysack mit seiner Herkunft insofern konfrontiert, dass er Erklärungsversuche unternehmen musste. Jetzt kann er für Aufklärung sorgen und Vorurteilen, dass zum Beispiel Häuser brannten, etwas entgegensetzen.

Die Idee, sich vermehrt der Perspektive der Betroffenen zu öffnen, trägt der Hoyerswerdaer mit. Er schätzt, dass die Aufarbeitung noch nicht abgeschlossen ist. „Vielleicht kann das jetzt von Neuem passieren“, regt der Regisseur von „1991“ an. Es klingt die Sehnsucht nach einem Abschlusspunkt an – gleichzeitig die Mahnung, nicht zu vergessen. „Man kann es erklären, aber nicht verzeihen.“

Dass sich parallel weitere Produktionen, wie das Buch von Grit Lemke und ein Film des Mdr mit den Ausschreitungen beschäftigen, empfindet Falk Hoysack als positiv. Die letztgenannte Dokumentation „Hoyerswerda ’91 – Eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung“ wird im Rahmen eines Filmgespräches am heutigen Mittwoch, 18 Uhr, im Bürgerzentrum gezeigt. Einen Tag später, am Donnerstag, folgt um 19 Uhr Falk Hoysacks „1991“. Lesungen von „Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror“ schließen sich am Sonntag, um 11 und 19 Uhr, am gleichen Ort an.

Neue Impulse?

Als Lehre aus der Geschichte steht für Falk Hoysack klar die „Prävention gegenüber völkischem Gedankengut“, die Aufmerksamkeit für Geflüchtete und, dass es ein „Aufeinanderzugehen und Miteinander geben muss“. Sonst bleiben, wie der Filmemacher ausdrückt, Abstand und Unterschiede – somit die Gefahr des Nebenein-anders. Was also in der Form des Dokumentartheaters begann, als Tänzer aus der Stadt die Geschichte und das Stigma aufarbeiteten, mündete jetzt in einen Versuch der Reflektion. Mit Blick auf das Gedenkwochenende ist Falk Hoysack froh, über die verschiedenen Perspektiven: „Vielleicht finde ich einen neuen Fokus.“

Kurzübersicht Programm zum Gedenkwochenende „Hoyerswerda 1991: Erinnerungen – Einsichten – Perspektiven“, 17.-19. September

Freitag, 17. September

  • 15 Uhr: Eröffnung der Foto-Ausstellung „Wir waren Kollegen“, Lausitz-Center
  • 17 Uhr: Podiumsgespräch „Hoyerswerda • Rostock • Mölln • Solingen“, Lausitzhalle Hoyerswerda, Großer Saal, Anmeldung über VHS Hoyerswerda

Sonnabend, 18. September

  • 11.30 Uhr: Mahngang „Critical Walk“, ab Bahnhof Hoyerswerda-Altstadt
  • 15 Uhr: Podiumsgespräch „Das war schön und am Ende schlimm“ – Vertragsarbeit in der DDR, Lausitzhalle Hoyerswerda, Forum-Saal, Anmeldung an [email protected]
  • 17 Uhr: „Vergessen werd ich nie“ – Gedenkveranstaltung zu Hoyerswerda 1991, Lausitzhalle Hoyerswerda, Großer Saal, Anmeldung an [email protected]
  • 19 Uhr: Gesprächsabend „Das habe ich nicht gewusst…“ – Die Verarbeitung der Ereignisse von 1991 in Hoyerswerda, Lausitzhalle Hoyerswerda, Forum-Saal, Anmeldung an [email protected]

Sonntag, 19. September

  • 9.30 Uhr: Gottesdienst „Meines Bruders Hüter sein“, Martin-Luther-King Haus
  • 11 Uhr und 19 Uhr: Buchpremiere und Lesung „Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror“ mit Grit Lemke, Bürgerzentrum Braugasse 1, Anmeldung an [email protected]
  • 15 Uhr: Gesprächsnachmittag „Anders sein – Damals wie heute? Erinnern aus migrantischer Perspektive“, Bürgerzentrum Braugasse 1, Anmeldung an [email protected]

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