merken
PLUS Hoyerswerda

„Im Fußball wäre einiges mehr umsetzbar“

Enrico Kuntke wechselt im Sommer als Trainer vom LSV Neustadt/Spree zum FSV Neusalza-Spremberg.

Der gebürtige Dresdner Enrico Kuntke übernimmt im Sommer die Landesliga-Fußballer aus Neusalza-Spremberg. Dann läuft sein Trainer-Vertrag beim LSV Neustadt/Spree aus.
Der gebürtige Dresdner Enrico Kuntke übernimmt im Sommer die Landesliga-Fußballer aus Neusalza-Spremberg. Dann läuft sein Trainer-Vertrag beim LSV Neustadt/Spree aus. © Foto: privat

Neustadt/Spree. Es kam für viele Seiten überraschend. Mitte des Monats wurde bekannt, dass mit André Kohlschütter der erfolgreichste Trainer der Geschichte des FSV Neusalza-Spremberg aufhört. Kohlschütter hatte die Mannschaft 2012 übernommen und aus der Kreisoberliga in die Landesliga geführt. Dort beendete der FSV zuletzt die abgebrochene Saison nach acht Spielen auf Platz elf. Zum Abschied Kohlschütters sprach der Verein von einvernehmlichen Gesprächen und einem neuen sportlichen Impuls, den der scheidende Trainer selbst für notwendig halte. Wer diesen Impuls geben soll, stand auch schnell fest: Der FSV verpflichtete den 35-jährigen Enrico Kuntke, der erst im Sommer den LSV Neustadt/Spree als Trainer übernommen hatte. Dort hatte er bei seiner ersten Landesligastation nur fünf Spiele Zeit, holte dabei einen Sieg, dann kam das coronabedingte Saisonaus.

Enrico Kuntke betreibt neben seiner Trainertätigkeit gemeinsam mit dem früheren Dynamo-Profi Thomas Köhler eine Torwartschule, die unter anderem auch in Niesky einen Stützpunkt hat. Dazu arbeitet er weiterhin auf Teilzeit in seinem gelernten Beruf als Intensivkrankenpfleger am Krankenhaus Friedrichstadt in Dresden.

Anzeige
Roboter lernen das Streicheln
Roboter lernen das Streicheln

Eine neue Art des Internets ermöglicht künftig, dass wir Neues ganz anders lernen als bisher. Wie das geht, wird am Exzellenzcluster CeTI erprobt.

Herr Kuntke, mit 35 Jahren wechseln Sie als Cheftrainer zu einem ambitionierten Landesligisten wie Neusalza-Spremberg. Darf man gratulieren?

Ja, ich hoffe doch. Es ist auf jeden Fall eine Mega-Gelegenheit. Ich habe in Neustadt/Spree erste Erfahrungen sammeln können, vorher in Grimma in der Oberliga als Torwart- und Co-Trainer gute Einblicke bekommen. Und freue mich über das Angebot. Ich muss auch sagen, die Vereinsphilosophie in Neusalza-Spremberg passt zu mir.

Wie kam der Wechsel zustande? Gab es längerfristige Kontakte oder lief das eher spontan?

Das ist doch recht kurzfristig passiert. Georg Schröer [der stellvertretende Vorsitzende, d. Red.] hat im März angefragt, wie es bei mir im Sommer weitergeht. Da stand schon fest, dass ich zum 30. Juni meine Tätigkeit in Neustadt beende. Ich hatte einige Anfragen, zwei aus der Oberliga wieder als Torwart- und Co-Trainer, eine aus der Landesliga, auch welche aus Dresden. Aber mich dann für Neusalz entschieden.

Was hat zum plötzlichen Abschied vom LSV Neustadt geführt?

Das war eine schwierige Situation. Schön zunächst, dass ich in der Landesliga als Trainer reinschnuppern durfte. Mit dem Vorstand des Vereins kam ich richtig gut klar, das hätte längerfristig funktioniert, aber mit dem Sportlichen Leiter hat es nicht gepasst. Da gab es hinsichtlich der Vorstellungen immer wieder Reibungspunkte. Die Nachwuchsarbeit in Neustadt fehlte fast komplett. Für den Kader waren wir beinahe vollständig vom polnischen Markt abhängig. Aber mit elf Ausländern auf dem Platz zu spielen, war auch ein Zugewinn für mich, auch sprachlich. Aber es ist schon herausfordernd, sich erst immer übersetzen zu lassen, vor allem wenn es Konflikte gibt und man schnell kommunizieren will, ist es schwierig.

Muss man sich das so wie zwischen Hansi Flick und Hasan Salihamidžić vorstellen?

(Lacht). Nein, aber es war schon nicht einfach zwischen uns. Und dann die langen Fahrtwege aus Dresden, das muss schon passen bei dem Aufwand. Dabei bin ich überzeugt, dass wir eine gute Saison gespielt hätten. Der Start war zwar etwas holprig, aber ein einstelliger Tabellenplatz wäre absolut drin gewesen.

Angesichts der Angebote, die sie gleich hatten, sind sie augenscheinlich gut vernetzt. Welche Rolle spielt ihre Torwartschule dabei?

Ihr verdanke ich sicher meinen guten Namen im Dresdner Raum. Sie läuft noch besser als anfangs gedacht, es war nicht zu erwarten, dass das mal so ein Ausmaß annimmt. Mittlerweile bieten wir sie in drei Bundesländern an, haben vier Trainer zur Unterstützung dazu geholt. Da ist was gewachsen mit der Zeit, wir sehen jetzt 400 bis 500 Torhüter in jedem (normalen) Jahr.

Sie sprachen die Philosophie von Neusalza-Spremberg an, die zu Ihnen passe. Was ist Ihre Vorstellung vom Fußball?

Es gibt dort einen jungen Vorstand, klare Strukturen gerade nach dem Umbruch vor zwei Jahren. Auch, was die Verträge betrifft, die Gehaltsvorstellungen von Spielern. Und man orientiert sich auf die Zukunft, setzt auf junge Spieler, gerade auch durch die Kooperation mit Neugersdorf und Bautzen.

Schauen Sie bei der Suche nach jungen Hoffnungen überall gleichermaßen hin oder sollen es vor allem deutsche sein?

Wir schauen überall, aber 80 Prozent deutsche Spieler sollen es sein.

Gibt es Trainer-Vorbilder für Sie?

Ja, Typen wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel faszinieren mich mit ihrer emotionalen Art und weil sie sich nicht viel vorschreiben lassen. Sie setzen auch auf junge Spieler. Da gucke ich schon in die Trainer-Zeitschriften und schaue mir was ab.

Ihre Stationen auf dem Papier – Dresden, Grimma, Neustadt/Spree. Das sieht für einen 35-Jährigen nach einem bewegten Trainerleben und einigem Hin und Her aus. Soll es so weitergehen?

Ich bin seit 2008 bis heute immer noch Jugendleiter und Vorstand beim Dresdner SSV. Und keiner, der die Vereine groß gewechselt hat. Ich plane schon, länger in Neusalza-Spremberg zu bleiben. Auch Grimma bin ich noch gelegentlich als Torwart-Trainer verbunden, habe super Kontakt. Das schnelle Ende in Neustadt hatte mit der Ausrichtung des Vereins zu tun.

Welche Ziele haben Sie langfristig als Trainer?

Ich habe bisher die B-Lizenz. Und möchte da weitermachen mit der A-Lizenz als Ziel. Entsprechend könnte es auch mal die eine oder andere Liga höher gehen. Vielleicht mit Neusalza-Spremberg?

Ist dass das sportliche Ziel in Neusalza?

Das Ziel ist erst einmal, die Mannschaft und gerade junge Spieler weiterzuentwickeln. Dafür dürfen wir definitiv nicht absteigen. Wir wollen die Mannschaft in der Landesliga etablieren. [An dieser Stelle ergänzt der Vorstand des FSV, dass erst nach dem Abschluss der Kaderplanung über konkrete Ziele gesprochen werden kann, d. Red.]

Das ist das offizielle Ziel. Und ihr eigener Ehrgeiz?

Ich möchte immer gewinnen. Ich kann nicht gut verlieren.

Haben Sie Spieler aus Neustadt auf dem Zettel, die Sie gern nach Neusalza mitbringen würden?

Ja, es gibt drei oder vier, ohne Namen zu nennen. Das weiß Neustadt auch. Und ich habe das Versprechen, dass ihnen keine Steine in den Weg gelegt werden. Wer das sein könnte, kann man sich auch ein bisschen denken.

Wie hat sich die Corona-Zeit auf den Spielermarkt ausgewirkt?

Wir merken, dass sich manche Spieler jetzt nach der Erfahrung der fußballfreien Zeit zwei- oder dreimal überlegen, ob sie die Wege und den Aufwand dann wieder auf sich nehmen wollen, um höherklassig zu spielen. Das schränkt die Möglichkeiten ein.

Und Sie selbst? Hat sich Ihr Fokus verändert?

Ich bin im Oktober zum ersten Mal Vater geworden, der Zeitpunkt ist in gewisser Hinsicht perfekt. Es war wie ein halbes Jahr Elternzeit. Ich habe das genossen, auch die Freundin die Zeit mit mir. Aber es ist abgesprochen und klar, dass es im Sommer wieder losgeht.

Gibt es so etwas wie sportlichen Alltag?

Die Torwart-Schule darf ich ja in kleinen Gruppen weiterbetreiben. Dazu habe ich Videos für Youtube gemacht und an die Kids rumgeschickt.

Sie arbeiten nach wie vor stundenweise in Ihrem Ausbildungsberuf als Krankenpfleger auf der Intensivstation. Kennen daher beide Seiten der aktuellen Lage, die medizinische und derer, die gern wieder ihren Sport betreiben wollen. Wie sehen Sie das Geschehen?

Eine spannende Frage. Ich kann aus Sicht der Krankenhäuser verstehen, dass die Maßnahmen sind, wie sie sind. Die letzten Dienste waren schon wieder extrem grenzwertig. Im November und Dezember waren sie katastrophal. Aber in den Kliniken war im vergangenen Jahr auch nichts passiert. Die Zeit hätte gereicht, um mehr Personal zu schulen, auch wenn man keine Fachkräfte herzaubern kann. Es hat an Konzepten gefehlt. Jetzt sind nicht mehr viele Betten frei, das Personal an den Grenzen. Und es ist frustrierend, dass jetzt Bereiche wie der Sport darunter leiden. Dabei würde es die Mittel und Wege geben, etwa indem man Tests bereitstellt für Vereine. Das Geld ist da. Da wäre im Fußball einiges umsetzbar.

Mehr zum Thema Hoyerswerda