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Ist es inzwischen schon fünf nach zwölf?

Der Gebäudekomplex der ehemaligen Güterabfertigung des Bahnhofs Hoyerswerda wird abgerissen.

Von der Bahnsteigkante aus hat man einen guten Blick auf die frühere Güterabfertigung. Seit 1994 steht sie ungenutzt auf dem Bahnhofsgelände.
Von der Bahnsteigkante aus hat man einen guten Blick auf die frühere Güterabfertigung. Seit 1994 steht sie ungenutzt auf dem Bahnhofsgelände. © Foto: Uwe Schulz

Von Frank Kirstan

Hoyerswerda. In wenigen Tagen ist es soweit: Der Gebäudekomplex der ehemaligen Güterabfertigung des Bahnhofs Hoyerswerda wird abgerissen. Nachdem im Jahre 1994 die Abfertigung von Stückgut und Wagenladungen in Hoyerswerda eingestellt wurde, konnte für das Gebäude keine sinnvolle Nachnutzung gefunden werden. Seitdem steht es leer, und ist dem Verfall preisgegeben. Daher die Konsequenz, dass nun der Abriss erfolgt.

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Daraus ableitend muss man logischerweise die Frage stellen, wie es um die Zukunft des Empfangsgebäudes des Bahnhofs Hoyerswerda bestellt ist. Denn abgesehen von einem Friseursalon, der in der früheren Wartehalle seine Heimat gefunden hat, sind auch für dieses Gebäude keine Aufgaben mehr zu erkennen – erst recht keine bahnspezifischen. Nun schon seit Dezember 2011 steht das Empfangsgebäude weitestgehend leer.

In der Stadtratssitzung im Juli 2020, also vor knapp einem Jahr, stellte ich dem damaligen Oberbürgermeister Stefan Skora die Frage, was mit dem Bahnhofsgebäude künftig geschehen soll. Sinngemäß brachte er zum Ausdruck, dass es sich in Privatbesitz befindet, er sich aber nochmals mit dem Besitzer in Verbindung setzen wolle. Ziel sei es, das Bahnhofsgebäude wieder in einen ansehnlichen Zustand zu versetzen und einer sinnvollen Nutzung zu zuführen. Soweit die Aussagen des damaligen Oberbürgermeisters.

Für mich ist es absolut unverständlich, dieses Gebäude, welches unter Denkmalschutz steht, in Privatbesitz zu überführen. Der Deutschen Bahn konnte man mit der Art des „Besitzerwechsels“ keinen größeren Gefallen tun. Sie wurde aus ihrer Verantwortung für das Gebäude entlassen.

Viele andere Städte der Größenordnung Hoyerswerdas haben ihre Bahnhöfe zu einem echten „Eingangstor“ ihrer Stadt gestaltet. In Hoyerswerda ist dies leider eine Fehlanzeige. Nähert man sich heute dem Empfangsgebäude, so erkennt man schon von weitem die Schandtaten der Graffiti-Schmierer. Über der Eingangstür hängt eine wundervolle Uhr, deren zwei Zifferblätter unterschiedliche Uhrzeiten anzeigen. Neben der ordnungsgemäßen Zeitangabe zeigt das zweite Zifferblatt die Uhrzeit 12.05 Uhr an. Fünf Minuten nach zwölf – ein Schelm, der dabei Böses denkt. Aber bei aller Kritik zum Bahnhofsgebäude selbst, lädt auch das unmittelbare Umfeld des Bahnhofsvorplatzes nicht unbedingt zum Verweilen ein. Imbissangebote sind nicht vorhanden, Zeitungskauf ist nicht möglich. Die nächste Bockwurst, der nächste Kaffee, das nächste Bier warten am „fünfarmigen Knoten“ an der Kreuzung Friedrichsstraße oder bei „Eis- Ulli“.

Wie stolz mögen im Jahre 1873 die circa 2.600 Einwohner von Hoyerswerda gewesen sein, als damals die Bahnstrecke von Ruhland kommend nach Hoyerswerda eröffnet wurde. Nur 38 Jahre, nachdem in Deutschland die erste Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth fuhr, erhielt Hoyerswerda den Anschluss an das deutschlandweite Eisenbahnnetz. In diesem Zusammenhang wurde damals auch das Bahnhofsgebäude erbaut, so wie es leicht abgewandelt heute noch vorhanden ist.

Übrigens wird es damit im Jahr 2023 seinen 150. Geburtstag begehen!! Oder auch nicht, wenn das Gebäude dem Schicksal der Güterabfertigung folgen sollte und ebenfalls abgerissen würde (das hat der Eigentümer nach unserer Kenntnis nicht vor – d. Red.).Vielleicht wären die Einwohner von Hoyerswerda auch mit einem kleinen Wetterschutzhäuschen auf dem Bahnsteig zufrieden?

Der Autor: Frank Kirstan war bis 2006 der Leiter des Netzbezirkes Hoyerswerda bei der Bahn. Auch im Ruhestand beobachtet er weiter die Vorgänge rund um seine frühere Wirkungsstätte am Bahnhof.

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