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Arbeit für Sprache und lebendige Tradition

Sorbischer Schulverein engagiert sich konsequent für das Modellprojekt Witaj, für das Konzept 2plus und für weitere Initiativen zur Sprachpflege.

2016 bestand der Sorbische Schulverein 25 Jahre. Eine Zusammenkunft und Feier wie die damalige, hier ins Bild gesetzte, wird es corona-bedingt diesmal, 2021, zum 30-jährigen Bestehen des Vereins, wohl nicht geben können.
2016 bestand der Sorbische Schulverein 25 Jahre. Eine Zusammenkunft und Feier wie die damalige, hier ins Bild gesetzte, wird es corona-bedingt diesmal, 2021, zum 30-jährigen Bestehen des Vereins, wohl nicht geben können. © Foto: Andreas Kirschke

Erhalt, Pflege und Weiterentwicklung der sorbischen Sprache: dafür tritt der Sorbische Schulverein, gegründet 1991, ein. Er engagiert sich konsequent für das Modellprojekt Witaj, für das Konzept 2plus und für weitere Initiativen zur Sprachpflege. Über mittlerweile (fast) schon 30 Jahre inhaltsreiche Arbeit sprachen wir mit der langjährigen Vorsitzenden des Sorbische Schulvereins, Ludmila Budarjowa.

Frau Budarjowa – wie entstand der Sorbische Schulverein 1991?

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Im Oktober 1989 begannen wir in der Initiativgruppe der Sorbischen Volksversammlung, in unserer Wohnung in Bautzen zu arbeiten. Unser Ziel war es, zunächst die sozialistische Domowina strukturell zu reformieren. Mit der Maueröffnung war für uns wichtig, die Belange unseres Volkes in einer neuen Gesellschaftsordnung neu zu definieren. Es wusste ja damals niemand, wie sich die Zukunft gestalten würde. Von der Einheit Deutschlands war noch keine Rede. Wir haben zunächst nationale Minderheiten in Europa besucht und schon bald erkannt, dass ein Verein für Bildungsfragen nützlich sein könnte. Schließlich haben wir nach dem Beispiel des Dänischen Schulvereins in Deutschland am 5. Januar 1991 den Sorbischen Schulverein e. V. gegründet.

Wie dringend notwendig war die Gründung?

Es war eine schnelllebige Zeit. Am 3. Oktober 1990 wurde der Freistaat Sachsen neu gegründet. Bereits am 27. Oktober 1990 trat der neue Sächsische Landtag in Dresden das erste Mal zusammen. Spätestens jetzt war für uns klar, dass schon bald neue Gesetze erlassen werden. Als Verein war es uns besser möglich, an diesem rasanten Entwicklungsprozess teilzunehmen. Wir waren gefordert, unsere Vorstellungen einzubringen. Ich selbst war bei der Erarbeitung und Diskussion um die Sächsische Verfassung, Artikel 5 und 6, später beim Schul- und Kitagesetz beteiligt. Die neue Verfassung wurde am 27. Mai 1992 beschlossen.

Wer waren die Hauptinitiatoren des Schulvereins? Was motivierte sie dazu, sich bei der Gründung zu engagieren?

Gemeinsam mit der späteren Schulleiterin am Sorbischen Gymnasium Bautzen, Theresia Schön, leiteten wir in der Sorbischen Volksversammlung die Arbeitsgruppe „Sorbisches Schulwesen“. Wir analysierten und unterbreiteten Vorschläge zur Neugestaltung. Aus vielen Anregungen und Ideen wurde dann die Gründung des Sorbischen Schulvereins vorbereitet.

1998 begann der Schulverein in der Tagesstätte „Mato Rizo“ in Sielow bei Cottbus mit dem Witaj-Konzept in der Lausitz zur Vermittlung der sorbischen Sprache in Kindertagesstätten? Worauf zielt das Konzept bis heute?

Witaj zielt auf das frühkindliche Erlernen der sorbischen Sprache mit Hilfe der Immersionsmethode. Unsere Zielgruppen waren in erster Linie Eltern, die der sorbischen Sprache nicht mächtig sind, aber wünschen, dass ihre Kinder die Sprache der Großeltern erlernen. Die Suche nach den eigenen Wurzeln trägt heute dynamisches Zukunftspotential in sich. Selbst deutschsprachige Eltern, die in die Lausitz umgesiedelt sind, nehmen dieses Bildungsangebot sehr gern an.

Welche Ursprünge hatte das Witaj-Konzept?

Die Idee kommt ursprünglich aus Kanada. Unser Beispiel war die bretonische nationale Minderheit in Frankreich. Wir haben uns viele Anregungen vor Ort beim Verein DIVAN geholt, der zehn Jahre älter ist als wir. Bis heute wird ein reger Austausch zwischen unseren und bretonischen Schülern und Lehrern gepflegt.

Wie hat sich Witaj bis heute entwickelt?

Wir sind sehr zufrieden. Den Namen Witaj hat der Sorbische Schulverein schon vor mehr als 20 Jahren gesetzlich schützen lassen, damit die hohen Ansprüche an die Qualität eingehalten werden können und kein Missbrauch entstehen könnte. Mittlerweile ist unser Modellprojekt Witaj eine in der gesamten Lausitz angewandte Methode zur immersiven Sprachvermittlung als Teil einer ganzheitlichen und lebenslangen Bildung geworden.

Wichtige Anknüpfung an Witaj in den Kindertagesstätten ist das Konzept 2plus in den Grundschulen, Oberschulen und Gymnasien. Worauf zielt es?

Es geht uns um einen durchgängigen Spracherwerbsprozess von der Kinderkrippe über schulische Einrichtungen bis zum Studium. Das ist uns in Sachsen weitestgehend gelungen. Diesbezüglich sind wir Vorbild für viele nationale Minderheiten in Europa. In unterschiedlichen Sprachgruppen, die je nach Beherrschungsgrad der sorbischen Sprache innerhalb der Schulklassen gebildet werden können, wird nicht nur der Sprachunterricht, sondern auch der Fachunterricht in einzelnen Unterrichtsfächern oder Modulen in sorbischer Sprache erteilt. Leider kann dieses Konzept wegen fehlender Lehrer seit einiger Zeit nicht vollumfänglich umgesetzt werden. In Brandenburg wurde dieses Konzept leider nicht übernommen.

Wie hat sich 2plus im Lauf der Jahre bis heute entwickelt?

Nach der politischen Wende war zunächst ein starker Geburtenrückgang zu verzeichnen. Die Schülerzahlen reichten kaum aus, um zweizügige Klassen einzurichten. Der Sorbisch-Unterricht und der zweisprachige Fachunterricht sollten ohnehin effektiver gestaltet werden. Daraufhin wurde in der sorbischen Grundschule in Panschwitz-Kuckau 1999 die erste gemeinsame Klasse mit sorbischen und deutschen Kindern eingerichtet, die aber zum ersten Mal in Sprachgruppen eingeteilt wurde. Das war der Beginn der Einführung des Konzeptes 2plus. Ein Jahr später unterrichtete man schon an weiteren Schulen nach den gleichen Grundlagen. Ab dem Schuljahr 2002/2003 wurde an 13 Schulen das neue Konzept mit dem schulartübergreifenden Projekt „2plus – Die zweisprachige sorbisch-deutsche Schule“ in wissenschaftlicher Begleitung durch die Universität Hamburg evaluiert. Nach Auswertung der Daten wurde ab dem Schuljahr 2013/2014 das Konzept offiziell eingeführt. An den sorbischen Schulen im Landkreis Bautzen sowie auch in Schleife, Hoyerswerda und Wittichenau wird auch heute noch nach dem Konzept 2plus unterrichtet.

Welche Fortschritte und Erfolge sehen Sie für beide Sprachkonzepte?

Das Modellprojekt Witaj hat sich in der gesamten Lausitz etabliert. Allerdings hat es sich hinsichtlich der Qualität, Intensität und Organisation unterschiedlich entwickelt. Beide Konzepte gehören zusammen und steuern den gesamten Spracherwerbsprozess. Das schulartübergreifende Konzept 2plus für sorbisch-deutsche Schulen knüpft an das Witaj-Konzept nahtlos an. Nach diesem Programm können sowohl Kinder aus sorbischsprachigen Familien als auch Kinder aus gemischt- oder deutschsprachigen Elternhäusern zur aktiven sorbisch-deutschen Zweisprachigkeit geführt werden.

Wo gab es Rückschritte, Grenzen, Misserfolge für beide Sprachkonzepte?

Wir hatten uns erhofft, dass die gezielte finanzielle Förderung von sorbischen und zweisprachigen Kindertageseinrichtungen je Gruppe durch den Freistaat Sachsen einen Zuwachs an Witaj-Gruppen befördert. Die Anzahl der geförderten Gruppen hat sich zwar seit 2007 von 71 auf heute 121 beinahe verdoppelt, aber nur die Hälfte davon vermittelt die sorbische Sprache mit Hilfe der Immersionsmethode. Die Kinder werden oft leider nicht den ganzen Tag durchgehend in der sorbischen Sprache betreut und dadurch auch nicht so effektiv wie erwartet auf den Unterricht nach 2plus in der Schule vorbereitet. Wie in den Kindertagesstätten fehlt auch in den Schulen sorbischsprachiges Fachpersonal. Die Konzeption 2plus kann deshalb nur in reduzierter Form umgesetzt werden. In Brandenburg ist die zusätzliche ministerielle Förderung für Kindergärten, die sorbische Gruppen eingerichtet haben, sehr gut angenommen worden. Alle Einrichtungen und Träger bemühen sich, neue Wege zu gehen und Projekte zu starten. Leider sind die Möglichkeiten zurzeit wegen Corona stark eingeschränkt.

2020 ist mit Blick auf die Corona-Pandemie ein sehr schwieriges Jahr für die Schüler, Eltern, Lehrer und Erzieher. Wie geht der Schulverein damit um?

Wir versuchen, Ruhe zu bewahren und halten die fast täglich sich ergänzenden Vorschriften der Ministerien und Ämter ein. Für Kindertagesstätten in unserer Trägerschaft haben wir kurzfristig einen Maßnahme-Plan für diese Ausnahme-Situation zusammengestellt, um die Kinder, Erzieher und Eltern vor Ansteckung zu schützen.

Welche Schwerpunkte prägten dieses Jahr?

2020 war ein sehr schwieriges Jahr. Die Vogelhochzeiten konnten in unseren Einrichtungen noch schön gefeiert werden. Dann, während des Lockdowns, haben sich unsere Erzieherinnen und Erzieher unter anderem unserer neuen Web-Seite obersorbisch www.dyrdomdej.de und niedersorbisch www.dyrdakojstwo.de gewidmet. Es wurden Märchen in niedersorbischer Sprache aufgezeichnet und auf die niedersorbische Web-Seite gestellt. Neue Bilder wurden von unserer Grafikerin Gudrun Lenz gezeichnet. Unsere Fachberaterin Mila Zacharias ist mit vielen Ideen aktiv in die Weiterentwicklung der Web-Seite eingebunden worden. Die Konzeptionen einzelner Kita-Einrichtungen wurden überarbeitet. Es wurden neue Ideen geboren, wie man trotzdem den Kontakt zu den Kindern halten kann – wie zum Beispiel Gespräche „über den Zaun“, Briefe, Telefonate, Videokonferenzen und anderes. Auch unser langjähriges Vorstandsmitglied Margot Haschke steht aktiv im Austausch mit den Erzieherinnen und Lehrern.

Der Sorbische Schulverein ist wichtiger Organisator für Fort- und Weiterbildung. Welche Maßnahmen laufen zurzeit – und mit welchen Inhalten sind sie ausgestattet?

Während dieser Corona-Pandemie können wir leider keine Fachkonferenzen mehr durchführen. Weiterbildungen finden individuell auf Anregung der Fachberaterinnen oder der Kita-Leiterinnen online statt.

Im Januar 2021 besteht der Schulverein 30 Jahre. Wie begeht er das Jubiläum?

Das ist eine schwierige Frage in schwieriger Zeit. Wir werden in unserem Jahresbericht auf Höhepunkte unseres Vereins hinweisen und Bilanz ziehen. Eine Feier, wie zu runden Jahrestagen gewohnt, wird es nicht geben können – leider ...

Sie sind langjährige Vorsitzende des Vereins seit 1991. Welches Fazit können Sie nach 30 Jahren ziehen?

Es war eine schöne, aber auch sehr arbeitsreiche ehrenamtliche Zeit für mich. Der Sorbische Schulverein e. V. steht auf stabilen Fundamenten. Er ist als gefragter und verlässlicher Partner für sorbische Bildungsangelegenheiten in Sachsen und Brandenburg wertgeschätzt und anerkannt. Der Name Witaj, dessen Wiege in der Kita im Cottbuser Stadtteil Sielow steht, ist unser Markenzeichen. Mit dem Konzept Witaj haben wir die Grundlagen für ein lebenslanges Spracherwerbskonzept, das in Europa aufmerksam verfolgt wird, gelegt. Wir waren und sind maßgeblich bei der Entwicklung und Einführung des schulartübergreifenden Konzeptes 2plus beteiligt. In unserer Trägerschaft befinden sich heute sieben Kindertagesstätten in Sachsen und Brandenburg. Sie sind wegweisend in Bezug auf Vermittlung der sorbischen Sprache auf Grundlage der vollständigen Immersion in der Lausitz. Unsere Olympiaden der sorbischen Sprache und Sprachferienlager sind unter den Kindern sehr begehrt. Die umfangreichen Dokumentationen und Statistiken belegen unser verantwortungsvolles Wirken. Sie tragen heute schon zur Geschichtsschreibung nach der friedlichen Revolution vor 30 Jahren bei. Die Publikationen sind zugänglich auf www.sorbischer-schulverein.de. Wir haben als erster Verein eine sorbische Web-Seite zum online-Lernen und -Vermitteln der beiden sorbischen Sprachen für Kleinkinder, Erzieher und Eltern entwickelt. Wer den Vorsitz in solch einem Verein hat, gestaltet und leitet diese Prozesse. Ich bin froh darüber, dass ich maßgeblich zu diesen Erfolgen beitragen durfte.

Bei der nächsten Jahreshauptversammlung werden Sie nicht mehr als Vorsitzende kandidieren. Ist für genug engagierten Nachwuchs gesorgt?

Ja. Wir haben bereits vor drei Jahren einen jungen Lehrer, Benno Hoyer, als Mitglied des Vorstandes beauftragt, sich für junge engagierte Mitglieder des Vorstandes einzusetzen. Er hat im Vorstand Erfahrungen gesammelt und erfolgreich Kandidaten für unsere Arbeit begeistern können. Schwieriger ist es, Kandidaten direkt für den Vorsitz des Vereins zu finden. Der Arbeitsaufwand und die Verantwortung sind enorm groß. Wir hoffen, dass eine zukünftige Personalstelle des Geschäftsführers da sehr hilfreich sein kann. Sie könnte auch die Arbeit mit den Eltern übernehmen.

Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft für Sie.

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