merken
PLUS Hoyerswerda

Ab 80 zu alt für einen Breitband-Anschluss?

Diesen Eindruck hatte ein Ehepaar aus Bernsdorf nach dem Besuch zweier Telekom-Abgesandter.

Wenn das Kabel erst einmal im Garten liegt, ist der Anschluss nicht weit. Telekom-Dienste werden Personen über 80 dabei nicht an der Tür angeboten.
Wenn das Kabel erst einmal im Garten liegt, ist der Anschluss nicht weit. Telekom-Dienste werden Personen über 80 dabei nicht an der Tür angeboten. © Foto: Uwe Schulz

Bernsdorf. Vom Bund bezahlt, vom Kreis Bautzen organisiert, von der Deutschen Telekom praktisch ins Werk gesetzt – auf diese Art läuft seit Monaten im Kreisgebiet die Versorgung der Bevölkerung mit Glasfaserkabeln zwecks hoher Datenübertragung. Allgemein kennt man das als Breitband-Ausbau. Unlängst war es auch in Bernsdorf bei Familie Ruge so weit. Für die Straße, in der das Ehepaar lebt, ist auf der entsprechenden Online-Karte des Landratsamtes vermerkt „Projekt abgeschlossen“.

Und nun, wo das Kabel ins Haus gezogen ist, soll auch mit entsprechenden Geschwindigkeiten gearbeitet werden können. Dazu sind neue Verträge mit einem Telekommunikationsanbieter der Wahl abzuschließen. Das kann die Telekom sein, muss es aber nicht. Da der Ausbau mit staatlichem Fördergeld passiert, ist über die Glasfaserkabel jedem Anbieter, der das möchte, Zugang zu gewähren. „Ich war sehr verwundert“, kommentiert daher Werner Ruge einen Besuch am Anfang des Monats. Er schildert, es hätten zwei Männer geklingelt und sich als Vertreter der Telekom vorgestellt. So verstanden es Ruges jedenfalls. Einer habe sogar eine Telekom-Jacke getragen. Die beiden Herren waren ganz offensichtlich unterwegs, um Verträge abzuschließen.

Klinik Bavaria Kreischa
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben
Perspektiven Schaffen - Teamgeist (Er-) leben

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

Reaktion auf Beschwerden

Doch im Falle der Ruges galt die erste Frage deren Alter. „Als sie gehört haben, dass wir über 80 sind, haben sie gesagt, dass Sie Über-80-Jährige nicht nehmen.“ Das Resultat war das erwähnte Erstaunen. Die Telekom bestätigt die Praxis. Allerdings ist sie selbst nicht unmittelbar dafür verantwortlich, sagt Sprecher Georg von Wagner: „Die Telekom setzt seit vielen Jahren erfolgreich auf einen Vertriebsmix aus Service-Centern, eigenen Shops, Franchise- und Partnershops, Online/eCommerce-Plattformen und Direktvertriebs-Aktivitäten.“ Direktmarketing kann bedeuten, dass wie bei Ruges jemand klingeln kommt. Jedoch sind das keine Telekom-Mitarbeiter. „Die Telekom nimmt über andere Unternehmen Dienstleistungen im Bereich Direktvermarktung in Anspruch“, so Georg von Wagner. Es sei aber richtig, dass sie an ihrer Kleidung als Telekom-angehörig zu erkennen sind. „Die Mitarbeiter führen Original-Telekom-Unterlagen bei sich und halten eine Rufnummer für Rückfragen bereit“, heißt es weiter. Der Knackpunkt, der Werner Ruge so verwundert hat: Die Dienstleistungsunternehmen haben sich laut Georg von Wagner selbst entschieden, keine Haustürgeschäfte mit Menschen abzuschließen, die das 80. Lebensjahr überschritten haben: „Dieses Vorgehen erfolgt also nicht auf unser Verlangen. Es ist aber nachvollziehbar aufgrund des hohen Beschwerdeaufkommens und der oftmals negativen Berichterstattung über Haustürgeschäfte mit älteren Menschen.“ Die Idee, dass Senioren hier diskriminiert werden, weist nicht nur die Telekom von sich.

Unternehmerische Freiheit

„Das ist mehr oder weniger eine Art Schutz“, sagt Angelika Große von der Verbraucherzentrale Hoyerswerda. Es gebe bei Haustürgeschäften einen großen Anteil, bei dem die Kunden mit dem Ergebnis alles andere als glücklich seien. Dass wenigstens ältere Menschen in Ruhe gelassen werden, finde sie nicht schlecht. Auch die Antidiskriminierungsstelle (ADS) des Bundes sieht das so. „Beim Haustürgeschäft will der Kunde von sich aus ja zunächst gerade keinen Vertrag schließen. Er wird an der Haustür angesprochen und in ein Verkaufsgespräch verwickelt, dass dann in einen Vertragsabschluss münden kann“, erklärt ADS-Referatsleiter Sebastian Bickerich. In diesem Falle könne eine Altersgrenze zum Schutz vor solchen Haustürgeschäften durchaus zulässig sein. Die Entscheidung, Kunden nach Zielgruppen verschiedenen Vertriebswegen zuzuordnen, unterliege der unternehmerischen Freiheit. Eine Diskriminierung sei nicht erkennbar. Schließlich gebe es ja auch noch andere Vertriebswege.

Es ist also mitnichten so, dass die Telekom meint, Menschen ab 80 seien für einen Breitband-Anschluss zu alt. Unternehmenssprecher Georg von Wagner verweist noch einmal auf die vielfältigen Wege, an einen Vertrag zu gelangen: „Dazu zählen neben Vertragsabschlüssen in Geschäftsräumen der Telekom auch die Möglichkeiten, kostenlos übers Internet oder am Telefon abzuschließen.“ Freilich muss das Unternehmen nach einem Besuch wie jenem bei Ruges auch mit der Gefahr rechnen, dass ältere Menschen das Ganze missverstehen und wie zunächst das inzwischen aufgeklärte Bernsdorfer Ehepaar der Meinung sind, sie dürften keinen neuen Vertrag haben. Es könnte aber auch sein, dass sich Senioren über das Unternehmen ärgern, den Schutz als Zurückweisung interpretieren und zur Konkurrenz gehen.

Aus dem Wege gehen ließe sich dem Ganzen wohl nur durch einen generellen Verzicht auf Direktmarketing, wie ihn Angelika Große gut finden würde. Sie sagt, ältere Menschen zu schützen, sei gut. Besser wäre es jedoch, wenn auch alle anderen in den Genuss dieses Schutzes kämen.

Mehr zum Thema Hoyerswerda