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Abriss in einem Jahr

Die Wohnungsgesellschaft trennt sich von vier weiteren Häusern, doch die Mieter will man behalten.

Die Händelstraße 8-12 im WK IV ist im Jahr 2022 für den Abriss bestimmt.
Die Händelstraße 8-12 im WK IV ist im Jahr 2022 für den Abriss bestimmt. © Foto: Uwe Schulz

Hoyerswerda. Die Briefe gingen rechtzeitig raus. Wenn die Einladung zur Einwohnerversammlung im Briefkasten liegt, wissen die betreffenden Mieter in Hoyerswerda, dass das Haus, in dem sie wohnen, in etwa einem Jahr abgerissen werden wird. Auf der Informationsveranstaltung erfährt man dann Näheres, Details. Vier solcher Veranstaltungen haben in den letzten Tagen im Tagungsraum des ZCOMs stattgefunden, die letzte gestern Abend. Laut Wohnungsgesellschaft war es auch die letzte für dieses Jahr.

Vier Viergeschosser mit insgesamt 122 Wohnungen in den Wohngebieten IV, V und VI wird die Wohnungsgesellschaft Hoyerswerda (WH) im kommenden Jahr abreißen. WH-Geschäftsführer Steffen Markgraf ist bei den Mieterversammlungen dabei. Es sind emotionale Veranstaltungen, auch wenn die Zeiten der wüsten Beschimpfungen, und wo schon mal Tomaten geflogen sein sollen, lange vorbei sind. Hoyerswerda hat nicht mehr 71.000 Einwohner, sondern mit Eingemeindungen 32.000. Es wurde eine dreistellige Anzahl Häuser mit über 10.000 Wohnungen abgerissen. Aktuell ist es so, dass jährlich rund 100 Mietverträge bei der WH gekündigt werden, weil die Mieter ins Heim ziehen und weitere 100, weil die Mieter versterben. Diese Größenordnungen nennt Steffen Markgraf bei den Veranstaltungen. Und es wird jedem klar, dass auch diese vier Häuser nicht die letzten gewesen sein werden. Die WH rechnet pro leerstehender Wohnung mit rund 1.000 Euro Leerstandskosten je Jahr. Zusätzliche Schäden durch Kupferdiebe, wie jüngst in der Weinertstraße, noch gar nicht einberechnet.

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Zwölf Monate Zeit

Vor einem Jahr waren die Bewohner der Häuser Weinertstraße 16-22, Ziolkowskistraße 2-6 und Dameraustraße 1-7 über den geplanten Rückbau informiert worden. Seitdem lief das Umzugsmanagement, wurden jetzt die Abrissleistungen vorbereitet. In wenigen Wochen rollen die Bagger an. Da beschäftigt man sich im Unternehmen schon mit den nächsten Umzügen. 90 Prozent der Mieter könne man im Schnitt im Bestand halten, schildert die WH. So schlecht kann es also nicht sein, was sein Unternehmen da anbiete, schätzt der Geschäftsführer ein. Das hat durchaus etwas mit dem Komplettangebot zu tun, das man den Mietern unterbreitet, eben wenn sie Kunden des Unternehmens bleiben.

Mit der Einladung zur Mieterversammlung haben die 75 betroffenen Mieter schon so eine Art Beipackzettel bekommen, der darüber informiert, was die WH alles übernimmt. Dazu gehören die kompletten Umzugskosten. „Wir können nicht Zeit oder Nerven geben, aber wir versuchen, so viel wie möglich abzunehmen“, sagt Steffen Markgraf. Deswegen auch das eine Jahr Zeit. Man sucht das gezielte Gespräch, nicht mit allen gleichzeitig, sondern nach und nach. Die Zahl der Wohnungsangebote soll jeweils so bei fünf bis zehn Stück liegen. Dann wird geschaut, in welchem Zustand sich die alte Wohnung befindet, ob eine Einbauküche in die neue Wohnung mit umziehen soll und angepasst werden muss. Selbst das Anbringen von Gardinenstangen wird mit übernommen. Nur die Kisten packen müssen die Mieter noch selbst. Es sei denn, man beauftragt damit auf eigene Kosten das Umzugsunternehmen.

Schon einmal umgezogen

In den letzten Jahren hat man es mit dem nahezu logischen Phänomen zu tun, dass Mieter eines für den Abriss bestimmten Hauses nun schon zum zweiten Mal umziehen müssen. In der Händelstraße betrifft das mindestens zwei Mietparteien, darunter einen 89-Jährigen. Wenn der Umzug ansteht, dann sei er 90, sagt er TAGEBLATT. Er will den Umzug nicht. 2002 war bereits sein vormaliges Haus, die Händelstraße 2-6, abgerissen worden. Er war damals nur ein Haus weitergezogen und dachte, es wäre seine letzte Wohnung. Er fragt, ob der Abbruch nicht zu schnell gehe, wo doch über Strukturwandel gesprochen wird. Er verfolgt auch das Zeitgeschehen und sieht, wie in Afghanistan die nächste große Flüchtlingswelle startet. Brauche man nicht auch für diese Menschen Unterkünfte? Steffen Markgraf kennt die Argumente: „Jedes einzelne Haus, jede einzelne Wohnung stand in den vergangenen Jahren für ein gutes und sicheres Zuhause. Es geht um Heimat, um Sicherheit, um Identifikation mit dem Wohngebiet.“

Doch er kennt auch den Leerstand und er ahnt, dass er weiter zunehmen wird, trotz der Marketingmaßnahmen, trotz des Neumieter- oder Kraxelbonus, trotz der Investitionen in Grundrissänderungen. Trotz der Investitionen in die so oft geforderten und stark nachgefragten Neubauten. Wenn plötzlich Studenten kommen sollten oder aber verstärkt Wohnungen für Asylbewerber benötigt werden, dann seien die trotzdem da. Letztlich ist die WH zwar ein kommunaler Vermieter, aber auch ein Wirtschaftsunternehmen, das 67 Millionen Euro Schulden hat, davon noch 16 Millionen Euro Altschulden aus DDR-Zeiten. Und all das muss von den Mietern, die da sind, erwirtschaftet werden. Den Abriss bekommt man von der Sächsischen Aufbaubank derzeit noch mit 70 Euro je Quadratmeter gefördert. Das deckelt nicht die Kosten, hilft aber beim Wirtschaften.

Auch die Bachstraße 30-34 im WK IV wird abgerissen.
Auch die Bachstraße 30-34 im WK IV wird abgerissen. © Foto: Uwe Schulz
Das Haus Hufelandstraße 1-5 befindet sich im WK V - Abbruch in einem Jahr.
Das Haus Hufelandstraße 1-5 befindet sich im WK V - Abbruch in einem Jahr. © Foto: Uwe Schulz
Im WK VI soll mit der Sputnikstraße 10-18 ein weiteres Haus weichen.
Im WK VI soll mit der Sputnikstraße 10-18 ein weiteres Haus weichen. © Foto: Uwe Schulz

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