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Als alle Gedanken nach Aufbruch klangen

Der Kreis Bautzen hat Planungs-Unterlagen für den Raum Hoyerswerda, Spremberg, Weißwasser aus den 1950ern online zugänglich gemacht.

Die Achtgeschosser an der heutigen Bautzener Allee, vormals Wilhelm-Pieck-Straße, vormals Magistrale, entstanden zwischen 1959 und 1962, also genau in jener Zeit, die der Perspektivplan für das Wirtschaftsgebiet Hoyerswerda, Spremberg, Weißwasser abdec
Die Achtgeschosser an der heutigen Bautzener Allee, vormals Wilhelm-Pieck-Straße, vormals Magistrale, entstanden zwischen 1959 und 1962, also genau in jener Zeit, die der Perspektivplan für das Wirtschaftsgebiet Hoyerswerda, Spremberg, Weißwasser abdec © Foto: Sammlung Uwe Schulz

Hoyerswerda. Beim Rat des Kreises Hoyerswerda traf im Dezember 1955 ein Schreiben ein, dessen Inhalt und Ton man je nach Gemüt zumindest enttäuscht oder gar gepfeffert nennen kann. „Bei der Erstellung dieses Planes hat man wohl vergessen, dass mit den Räten der Gemeinden in dieser Angelegenheit unbedingt Rücksprache genommen werden muss“, hieß es in dem Brief des Rates der Gemeinde Bernsdorf. Es sei ja wohl undenkbar, dass „sich einzelne Angestellte beim Rat des Kreises über die Volksvertretungen hinwegsetzen“.

Die Antwort kam umgehend: Die Bitte, wurde da von Hoyerswerda nach Bernsdorf geschrieben, sei „voll berechtigt“. Es würden aber zunächst in einer ersten Entwicklungsrunde Gedanken aus den Fachabteilungen der Kreisverwaltung zusammengetragen. Die Kommunen würden dann später selbstredend beteiligt werden.

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Den Plan, von dem damals die Rede war, würde man heute wohl ein Pilotprojekt nennen. Es handelte sich um den „Perspektivplan für das Wirtschaftsgebiet Hoyerswerda, Spremberg, Weißwasser“ für Jahre von 1956 bis 1964. Die Region spielte planerisch eine Pionierrolle. „Dieser Perspektivplan ist das erste Beispiel für die Erarbeitung von Perspektivplänen für Bezirke und Wirtschaftsgebiete in der DDR“, schrieb der Chef der Bezirksplankommission an den Rat des Bezirkes Cottbus. Die Bildung der Bezirke in der DDR war gerade einmal dreieinhalb Jahre her. Also stand, wohl aus alter Gewohnheit, im Briefkopf in Klammern noch die vormalige Bezeichnung „Land Brandenburg“.

Auswirkungen bis heute

Das, was damals dazu aufgeschrieben wurde, lässt sich nun dank des Bautzener Kreisarchivs recht problemlos daheim am Rechner nachvollziehen. Die Archivare haben die komplette, 360 Seiten starke Akte digitalisiert und über das Internet zugänglich gemacht. Man hoffe, heißt es aus dem Landratsamt, dass sie wegen des relativ großen Gebietes, das damals betroffen war, für eine größere Zahl regional- und ortsgeschichtlich Interessierter relevant sei. „Die Akte liegt zeitlich in einer Schlüsselphase, die die Region für Jahrzehnte prägte und oft heute noch prägt“, erklärt Mandy Noack vom Landratsamt.

In der Tat: Die Gedanken, die damals in den Behörden aufgeschrieben worden sind, klingen ausnahmslos nach Aufbruch, auch wenn nicht alles so wie geplant Realität wurde – oder nicht in den vorgesehenen Zeiträumen, oder in Details anders. Der Zweite Weltkrieg war gerade ein Jahrzehnt Geschichte, die DDR ein sozusagen nagelneues Staatsgebilde. Und im Raum Hoyerswerda, Spremberg, Weißwasser ging es nicht nur darum, die Kriegsschäden zu beseitigen. Es sollte überdies – unter ebenfalls sehr neuen gesellschaftlichen Verhältnissen – eine Industrie aufgebaut werden, die den Zuzug zahlloser Menschen erforderlich machen würde. Wo würden sie wohnen? Wo würden ihre Kinder zur Schule gehen? Wie war die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Gütern zu organisieren? All das und noch Vieles mehr hatte der Perspektivplan zu bedenken.

Im Detail verschätzt

Die vergilbten Papiere aus dem Archiv des Kreises Bautzen wurden kurz vor, während oder kurz nach den beiden Grundsteinlegungen beschrieben, die für die Geschichte der Stadt Hoyerswerda und ihres Umlandes inzwischen feste Größen geworden sind: Am 31. August 1955 begannen der Aufbau des Kombinates Schwarze Pumpe und die Erweiterung zunächst der Altstadt. Damals lebten in Hoyerswerda 7.530 Menschen. Aus den Unterlagen geht hervor, dass man damit rechnete, dass es 1965 rund 39.000 sein würden, 12.580 in der Neu- und weitere 26.620 in der Altstadt. Gemessen daran, dass der gesamte Kreis Hoyerswerda Mitte der 1950er rund 59.000 Einwohner hatte, war das ein beträchtlicher Zuwachs.

Die Prognosen zu Schwarze Pumpe im Jahr 1962 lauteten damals: „Arbeitskräfte wird das Werk im Endausbau 12.000 beschäftigen. Es wird bereits 1957 tausend Beschäftigte haben.“ Wie man heute weiß, waren die Planungen in der Größenordnung ungefähr stimmig, aber keineswegs präzise Voraussagen. Im Jahr 1965 lebten in Hoyerswerda bereits knapp 44.000 Menschen, also 5.000 mehr als vorausgesehen. Dafür lag die Belegschaftsstärke in Schwarze Pumpe 1962 lediglich bei 6.800 Personen, also knapp der Hälfte der vorausberechneten Mitarbeiter. Schon zwei Jahre später, also 1964, waren die 12.000 dann erreicht. Von Endausbau konnte jedoch nicht die Rede sein. Denn die Beschäftigtenzahl wuchs letztlich sogar bis auf 15.000 an.

Muss Burghammer ganz weichen?

Dass das Primat des Bergbaus an anderer Stelle seine Folgen haben würde, war den Perspektivplanern durchaus bewusst. Ein Beispiel ist ein in der Akte liegendes Schreiben vom Oktober 1955, das sich mit dem Aufschluss des Tagebaus Burghammer vor den Toren des gleichnamigen Dorfes befasste. Der Autor hatte gerüchteweise von der „völligen Liquidation dieser Gemeinde“ gehört und war nun besorgt, ob die geplanten Kapazitäten zum Bau neuer Häuser in Hoyerswerda denn reichen würden. Irgendwo müssten die Burghammerer ja schließlich hinziehen. 1963 wurde dann in Burghammer die erste Kohle gefördert, und die Zahl der umzusiedelnden Dorfbewohner blieb auf zwölf beschränkt. Der größte Teil des Ortes konnte stehenbleiben, hatte allerdings nicht nur Freude an der vor der Tür liegenden Arbeitsstelle, sondern bis 1997 auch Ärger mit dem damit verbundenen Dreck. Dafür ist mittlerweile der aus der Grube entstandene Bernsteinsee zumindest optisch die reinste Idylle.

Wo Kriegsschäden zu beseitigen und gleichzeitig Wohnungen für in der Wirtschaft benötigte Zuzügler zu schaffen waren (die Vertriebenen oder – im Sprachgebrauch der Zeit – die Umsiedler waren interessanterweise gar nicht erwähnt), kam der Bauwirtschaft eine besondere Bedeutung zu. Also gab es folgerichtig auch Überlegungen dazu, was eigentlich mit der Dampfziegelei- Zementwarenfabrik Krautz in Neustadt/Spree passieren sollte, wenn sie dem Tagebau Nochten im Wege sein würde. Schließlich, so teile es im Dezember 1955 der Rat des Kreises Hoyerswerda dem Volkseigenen Betrieb (VEB) Projektierungs- und Konstruktionsbüro Kohle in Leipzig mit, müsse bedacht werden, „dass zur Versorgung des Gebietes Hoyerswerda die Produktion der Ziegelei Neustadt erforderlich ist“. Zur Illustration wurde hinzugefügt, dass Krautz allein 1956 etwa 2,6 Millionen Mauersteine und weitere Zementwaren im Wert von 30.000 Mark liefern sollte. Bis der Tagebau Nochten dann wirklich erschlossen wurde, ging letztlich noch ein reichliches Jahrzehnt ins Land. Doch 1967 musste Richard Krautz sein Werk tatsächlich umsiedeln. Einige hundert Meter vom ursprünglichen Ort entfernt entstand das neue Betriebsgelände. Im vorigen Jahr konnte Krautz-Beton auf eine 140-jährige Geschichte zurückblicken. Nicht mehr existent dagegen ist heute, was Mitte der 1950er der VEB Bröthener Dach- und Mauerziegelwerke gewesen ist. Er war 1951 aus drei eigenständigen Ziegeleien gebildet worden und – nach der reparationsbedingten Demontage sowie dem Wiederaufbau mit von hier und da beschafften Überbleibseln – alles andere als in einem guten Zustand. In ihrer Stellungnahme für den Perspektivplan mahnte die Betriebsleitung Investitionen vor allem in die Automatisierung sowie die Wiederinbetriebnahme der einstigen Ziegelei Weist in Dörgenhausen an. Schließlich sollten nicht nur die Produktionsmengen erhöht, sondern zugleich auch noch der Personalbedarf verringert werden. Der Gedanke dabei: Der Bergbau brauchte die Arbeitskräfte dringender. Die Ziegel-Produktion in Bröthen lief bis 1991, wurde nach dem Ende der DDR eingestellt.

Weniger Wasser - trockene Felder

In den Prognosen, die der Perspektivplan 1956 bis 1964 für die regionale Landwirtschaft aufstellte, wurden noch einige andere Folgen des Bergbaus deutlich: Sein Flächenbedarf schränkte den Acker- und Weidegrund ein. Die Forderung der für die Landwirtschaft Verantwortlichen war ein Ausgleich durch großflächige Waldrodungen. Und eine beigefügte Analyse, die schon von 1949 stammt, diagnostizierte eine Zunahme der Trockenheit auf den Feldern durch die Grundwasserabsenkung, die mit der für den Tagebau-Betrieb notwendigen Entwässerung einherging.

Doch das sinkende Grundwasser trieb nicht nur jene Leute um, die mit der Lebensmittel-Produktion für die wachsende Bevölkerung befasst waren, sondern auch jene, die sich um die Versorgung mit Trinkwasser zu kümmern hatten. Damit, wie sie sicherzustellen ist, befasst sich also eine ganze Liste mit Maßnahmen aus der Akte. Man findet darin unter anderem auch eine „Beurteilung des Speicherbeckens Knappenrode“, also des einstigen Tagebaus Werminghoff und heutigen Knappensees, von 1952. Das Spannungsfeld bewegte sich zwischen der Brauchwasserversorgung für die nahe Brikettfabrik und der Beregnung von Landwirtschaftsflächen über die „Nutzung als Volkserholungsstätte“ bis hin zu „Gefahrenstellen“. Verwiesen wird unter anderem auf „die alte Abbruchstelle der Hochkippe am Ostufer des Beckens“, wo es im Januar 1941 eine Rutschung gegeben hatte.

Unangenehme Überraschungen

Erst Mitte der 1980er wurde die entstandene Steilküste abgeflacht. Im selben Bereich kam nun am 11. März dieses Jahres die Erde erneut in Bewegung. „Es sind in den Tagebauen der näheren Umgebung in dieser Hinsicht immer wieder äußerst unangenehme Überraschungen eingetreten. Äußerste Vorsicht ist daher am Platze“, lautete die Einschätzung im Jahr 1952.

Was die gesamte Region betrifft, so befand 1955 die Bezirksplankommission: „Ausschlaggebend für die Entwicklung dieses Gebietes ist die Perspektive der Braunkohlenindustrie sowie die Perspektive der übrigen zentralen Industrie“. Das bedeutet jedoch nicht, dass für den Perspektivplan nicht auch viele andere Details zu bedenken gewesen wären – vom Schul-Neubau und der Errichtung eines neuen Krankenhauses in Hoyerswerda über die Kulturentwicklung in Wittichenau bis hin zur Abwasserentsorgung in Laubusch oder Lohsa. Breiten Raum nimmt auch die Dorfentwicklung mit Beispieldörfern, Zentraldörfern und dörflichen Schwerpunkten ein.

Nicht zu vergessen: die vielen Seiten Papier, die zum Einzelhandel beschrieben worden sind – Sortimente, Verkaufsflächen und Bauvorhaben wie jenes für „ein Kaufhaus für Nahrungs- und Genussmittel“ im Stadtzentrum von Hoyerswerda. Das 1968 eröffnete Centrum-Warenhaus hatte dann schließlich deutlich mehr im Angebot als nur Produkte für Leib und Magen.

Und dann wäre da noch der Brief, der den Rat des Kreises Anfang 1952 von der National-Zeitung erreichte. Im Namen eines Lesers wollte man“klipp und klar“ wissen, warum es mit dem Bau der Umgehung Klein Neida (heute Kamenzer Bogen) nicht vorangehe. Die Antwort: Der Wille sei da, das Geld allerdings (noch) nicht.landkreis-bautzen.de > Suche: Digitalisierte Akten

Gleich zwei Grundsteinlegungen gab es am letzten Augusttag 1955. In der Trattendorfer Heide begann der Aufbau des Kombinates Schwarze Pumpe (im Bild), in Hoyerswerda zugleich die Stadterweiterung.
Gleich zwei Grundsteinlegungen gab es am letzten Augusttag 1955. In der Trattendorfer Heide begann der Aufbau des Kombinates Schwarze Pumpe (im Bild), in Hoyerswerda zugleich die Stadterweiterung. © Foto: Sammlung Uwe Schulz
Einkaufen ging der Hoyerswerdaer lange vor allem im Gebiet rund um den Markt. Dieser Kaufhaus-Bau in der Kirchstraße stammt aus der Zeit um 1900 und wurde hier von der DDR-Handelsorganisation HO betrieben.
Einkaufen ging der Hoyerswerdaer lange vor allem im Gebiet rund um den Markt. Dieser Kaufhaus-Bau in der Kirchstraße stammt aus der Zeit um 1900 und wurde hier von der DDR-Handelsorganisation HO betrieben. © Foto: Sammlung Uwe Schulz

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