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„Am Jahresende waren wir am Limit“

Dr. Olaf Altmann vom Hoyerswerdaer Seenland-Klinikum berichtet über die Behandlung von Covid-19-Patienten.

Die Versorgung von schwer an Covid-19 erkrankten Patienten ist vergleichsweise aufwendig.
Die Versorgung von schwer an Covid-19 erkrankten Patienten ist vergleichsweise aufwendig. © Foto: Lausitzer Seenland-Klinikum

Herr Dr. Altmann, wann ist der erste Covid-19-Patient bei Ihnen eingeliefert worden, und was wusste man zu diesem Zeitpunkt im Haus über die Krankheit?

Am 8. März 2020 ist der erste Patient mit der Diagnose Covid-19 im Lausitzer Seenland-Klinikum behandelt worden. Durch wissenschaftliche Publikationen und Medienberichte über Corona-Infektionen in China wusste man schon recht viel über das Virus. Covid-19 ist eine Viruserkrankung, deren häufigstes und am stärksten ausgeprägtes Symptom eine Lungenentzündung ist. Sie hat ein sehr großes Ansteckungspotenzial und ist nicht ungefährlich. Es handelt sich um eine neue Virusvariante mit fehlender Immunität bei der Bevölkerung, so dass man mit einem pandemischen Ausbruch gerechnet hat. Dass das Virus dann so schnell nach Europa kam und sich hier auch rasend verbreitete, war schon überraschend. Man wusste zudem, dass das Risiko für einen schweren Verlauf vor allem bei vorerkrankten, älteren und übergewichtigen Menschen groß ist.

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Welche Ihrer Stationen sind mit der Betreuung der Erkrankten betraut?

Für die Betreuung von Covid-Patienten haben wir bereits im Frühjahr eine separate, baulich entkoppelte Station in Betrieb genommen, die in Regie der Klinik für Pneumologie betrieben wird. Im Sommer konnte diese auf „stand by“ gesetzt werden. Mit den steigenden Fallzahlen Ende September wurde diese wieder eröffnet. Im Oktober kam dann relativ zügig die baulich nahe liegende Station Pulmologie als zweite Isolations-Station dazu. Zudem werden auf der Intensivstation Covid-Patienten in einem Iso-Bereich versorgt.

Welche typischen Symptome haben Ihre Ärzte seither gesehen?

Eine Corona-Infektion äußert sich zunächst durch grippeähnliche Symptome, oft mit Einschränkungen im Geruchs- oder Geschmackssinn. In der ersten Woche ist bei fast allen Patienten ein leichter Verlauf festzustellen. Danach wird es entweder besser oder die Patienten erkranken schwerer. Letztere bilden oft eine Lungenentzündung aus, bei vielen sind auch weitere Organe mitbefallen. Es treten Sepsis oder Durchblutungsstörungen auf, so dass sich Blutgerinnsel bilden und zum Beispiel eine Lungenembolie hervorgerufen werden kann. Ein schwächerer Verlauf ist in der Regel aber immer noch langwieriger als eine normale Grippe. In stationäre Behandlung sollte man sich spätestens begeben, wenn eine Sauerstofftherapie notwendig ist, denn eine geringe Sauerstoffkonzentration befördert die Lungenentzündung zusätzlich, so dass sich die Situation schnell verschlechtern kann. Sinkt die Lungenleistung weiter oder tritt ein Organversagen zum Beispiel der Nieren auf, ist eine Versorgung auf der Intensivstation notwendig. Hier werden die Patienten meist künstlich beatmet und entsprechend ihrer Symptome individuell behandelt.

Was können Sie da tun, wo die Behandlungsoptionen ja doch eher auf Linderung von Schmerzen und Leid beschränkt sind?

Es gibt vom Robert-Koch-Institut für Deutschland inzwischen ein klares Behandlungskonzept mit stetig zunehmenden Optionen. Darin steht an erster Stelle die Sauerstofftherapie bis hin zur Beatmung. Dann werden natürlich Fieber, Erkältungssymptome oder Atemnot therapiert. Bedarfsweise können auch zusätzlich Antibiotika gegeben werden. Im Falle einer überschießenden Immunreaktion, einem sogenannten Zytokinsturm, ist die Gabe von das Immunsystem hemmenden Medikamenten möglich. Für die Behandlung von schweren Verläufen stehen inzwischen auch antivirale Therapien zur Verfügung. Hier ist es immer wichtig, den richtigen, frühestmöglichen Zeitpunkt im Krankheitsverlauf für die Gabe zu treffen. Relativ neu ist die Therapie mit Antikörpern. Grundsätzlich ist auch die Gabe von Vitamin C und D hilfreich.

Wie werden Ergebnisse aus Studien oder Empfehlungen der Gesundheitsbehörden am Seenland-Klinikum in den Krankenhaus-Alltag „eingespeist“?

Wir beraten in regelmäßigen Abständen in einem medizinischen Krisenstab über neue Entwicklungen und Möglichkeiten. Auch hier stehen grundsätzlich die Diagnostik- und Therapie-Empfehlungen des RKI mit auf dem Plan. Die Erkenntnisse fließen dann in unsere Behandlungspfade ein und werden in den hausinternen Dokumenten implementiert. Mit dem Gesundheitsamt stehen wir in permanentem Kontakt, melden die Fallzahlen und stimmen uns zum Beispiel zu Hygienemaßnahmen ab. Und auch mit den Kliniken im Bereich der Corona-Leitstelle Ostsachsen am Uniklinikum Dresden gibt es regelmäßige Videokonferenzen zur Lage, aber auch einen Austausch zu medizinischen Themen.

Welches sind die wichtigsten Erkenntnisse, die Auswirkungen auf die Betreuung von Patienten hatten und wie haben diese das Vorgehen verändert?

Die wohl wichtigste Erkenntnis ist die sehr hohe Kontagiösität, also Ansteckungsfähigkeit des Virus. Daraufhin wurde das in einem Krankenhaus ohnehin bestehende Hygieneregime nochmals verschärft. Das betraf die Arbeit auf den Isolierstationen im Vollschutz, aber auch alle normalen Bereiche. Dass die Verläufe der Krankheit sehr unterschiedlich sein können, und man auch asymptomatisch infektiös sein kann, unterstreicht einerseits die gebotene Einhaltung der Hygienemaßnahmen, zeigt andererseits, dass es Risikogruppen gibt, die besonders geschützt werden müssen. Relativ früh hat sich auch herausgestellt, dass der zeitige Beginn einer Therapie von Vorteil ist. Bei schweren Verläufen, die wir beobachten, sind die Patienten meist zu spät ins Krankenhaus gekommen.

Können Sie Covid-19-Patienten heute besser versorgen als am 8. März 2020?

Auf jeden Fall. Wir haben aufgrund der weltweiten Erfahrung und den gewonnenen Erkenntnissen inzwischen mehr und verbesserte Möglichkeiten einer Therapie. Das ändert sich auch nicht grundlegend in Anbetracht der nun auftretenden Mutationen. Es ist die gleiche Krankheit, nur ansteckender. Darin liegt allerdings auch die Gefahr. Alle politischen Maßnahmen zielen ja darauf ab, das Gesundheitssystem nicht zu überfordern. Die Zahl der auf einmal ins Krankenhaus kommenden Patienten muss also beherrschbar bleiben. In Deutschland hat man die erste Welle relativ gut überstanden und sich vielleicht auch ein bisschen in Sicherheit gewiegt. Am Jahresende waren wir hier in Ostsachsen schon ziemlich am Limit. Die Kapazitäten waren voll ausgelastet und teilweise sind Patienten in andere Bundesländer verlegt worden.

Was für ein Therapeutikum wäre denn nötig, um die Lage zu normalisieren?

Wenn man es realistisch betrachtet, haben wir im Moment nicht viele Möglichkeiten. Derzeit gibt es zwar kein optimales Präparat zur Behandlung, es sind aber mehrere erfolgversprechende Therapieansätze in der Entwicklung, die noch auf Studien und die Zulassung warten. Ein Therapeutikum zur Heilung steht also noch nicht zur Verfügung, somit steht die Prävention und Bekämpfung der Symptome im Vordergrund. Hier gibt es natürlich die schon erwähnten Therapien und Hygienemaßnahmen, aber als einzig erfolgversprechende Maßnahme um die Lage zu normalisieren, steht wohl derzeit nur die flächendeckende Impfung zur Verfügung. Hier sollte man in Zeiten einer Pandemie unbedingt global denken!

Wie ist aus medizinischer Sicht die gegenwärtige Situation am Seenland-Klinikum einzuschätzen?

Aktuell und rückblickend auf den Januar war die Situation stabil und gut beherrschbar. Wir hatten zwischen 30 und 40 Covid-Patienten im Haus, wovon acht bis zehn auf der Intensivstation behandelt wurden. Wir haben stets die Infektionszahlen im Blick und reagieren dementsprechend, auch um das normale Geschäft nicht zu vernachlässigen. Es muss allerdings infektionstaktisch vertretbar bleiben. Wir werden uns daran gewöhnen, dass das Virus permanent da ist und es ein normales Leben mit dem Virus wird geben müssen. Die Hygienemaßnahmen oder vorherige Tests bei planbaren Eingriffen werden uns wohl noch für längere Zeit begleiten.

Dr. Olaf Altmann ist seit 2018 der Medizinische Direktor in Hoyerswerdas Seenlandklinikum.
Dr. Olaf Altmann ist seit 2018 der Medizinische Direktor in Hoyerswerdas Seenlandklinikum. © Foto: Lausitzer Seenland-Klinikum

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