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An der Spitze der ersten Instanz

Nicole Jena ist seit ein paar Tagen die neue Direktorin des Amtsgerichtes in Hoyerswerda.

Nicole Jena ist die oberste Richterin in Hoyerswerda. Hier sitzt sie am Richtertisch in Saal 3 des Amtsgerichtes am Pforzheimer Platz.
Nicole Jena ist die oberste Richterin in Hoyerswerda. Hier sitzt sie am Richtertisch in Saal 3 des Amtsgerichtes am Pforzheimer Platz. © Foto: Mirko Kolodziej

Hoyerswerda. Mit gut 500 Paragrafen regelt die Strafprozessordnung den ordentlichen Ablauf eines Gerichtsverfahrens. Und so heißt es auch am Amtsgericht Hoyerswerda in der Regel zu Beginn eines Prozesses: „Es kommt zum Aufruf ...“. Irgendwann während der Beweisaufnahme werden Zeugen belehrt, dass sie die Wahrheit sagen müssen oder sich strafbar machen. Und am Ende ergeht „im Namen des Volkes“ ein Urteil. Das Gerüst gibt der Rechtspflege etwas Zeremonielles. „Es gibt allen Beteiligten die Sicherheit, dass sie gleich behandelt werden und ein Prozess stets nach dem gleichen Verfahren abläuft“, sagt Nicole Jena.

Die neue Amtsgerichtsdirektorin sitzt in ihrem Büro im Gerichtsgebäude am Pforzheimer Platz. Ein paar Minuten vorher hatte sie in Sitzungssaal 3 noch eine Strafsache verhandelt. Ein 31-Jähriger aus Lohsa musste sich wegen etwas verantworten, das das Gesetz „Fälschung beweiserheblicher Daten“ nennt. Es ging um die Frage, ob es ihm erlaubt worden war, den Internetzugang einer Bekannten zu nutzen. Die Frau, als Zeugin geladen, fehlte unentschuldigt. Die Sache ließ sich nicht so richtig klären. Der Mann blieb gegen die Zahlung von 150 Euro an den Verein der Zoofreunde straffrei.

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An und für sich stand da kein Kapitalverbrechen zur Verhandlung, für so etwas sind die Landgerichte da. Aber Nicole Jena ist bewusst, dass die meisten Menschen eher selten im Gericht sind, und das meist auch nicht so gern. Während der Verhandlung gab sie sich daher große Mühe, dem Angeklagten, der unter anderem von persönlichen Beziehungen und einem Schufa-Eintrag sprach, mit recht einfachen Worten die juristische Sachlage zu verdeutlichen: „Es geht nur darum, ob es vorher eine Zustimmung gab. Haben Sie es vorher ausgemacht, ist die Sache für Sie erledigt.“

Kurz darauf, im Büro, verweist Nicole Jena auf die Funktion eines Amtsgerichts als Eingangsinstanz: „Man ist hier näher am Menschen, hier haben viele den ersten Kontakt mit der Justiz.“ Die Richterin zieht den Vergleich mit einer Visitenkarte. Dank der richterlichen Unabhängigkeit kann sie innerhalb der Spielregeln auch selbst entscheiden, wie dieser erste Kontakt für Angeklagte und Zeugen atmosphärisch verläuft. Die Erfahrungen des Berufswegs sind da vermutlich hilfreich.

Nicole Jena stammt aus Franken. Nach dem Studium in Erlangen und dem Berufsstart kam sie aber rasch nach Sachsen. In den 1990ern war ein Amtsgericht ihre erste Station hier, nämlich das in Pirna. „Das hat mir gut gefallen“, erinnert sie sich. In ihrer Vita finden sich Stationen als Staatsanwältin, Familienrichterin, Ausbilderin für Rechtsreferendare und unter den Justizministern Geert Mackenroth (CDU) sowie Jürgen Martens (FDP) als Referatsleiterin im Sächsischen Justizministerium. Zuletzt verhandelte sie neun Jahre lang am Oberlandesgericht in Dresden. Als in Hoyerswerda Amtsgerichtsdirektor Michael Goebel in den Ruhestand ging, bewarb sich Nicole Jena um die Nachfolge. „Ich fand, es ist Zeit für etwas Neues“, sagt die 55-Jährige.Das Amtsgericht in Hoyerswerda ist eines der kleineren in Sachsen. Die Direktorin eingeschlossen arbeiten hier 37 Personen, darunter fünf Richterinnen und ein Richter sowie neun Rechtspflegerinnen. Der Umstand, dass der Hauptteil des Personals weiblich ist, lässt Nicole Jena auf einen Zeitungsartikel der letzten Tage zu sprechen kommen. Darin wurde mit Bezug auf den sogenannten Lausitz-Monitor geschildert, es gebe in der Region zu wenige Arbeitsplätze für gut qualifizierte Frauen. Am Amtsgericht, so seine Chefin, sei das jedenfalls anders. Nicole Jena hat während der ersten Wochen in Hoyerswerda begonnen, sich intensiv mit der Stadt und ihrem Umland zu beschäftigen: „Das gehört unbedingt dazu. Ich möchte ja die Menschen verstehen. Das kann ich nur, wenn ich ihre Lebensumstände begreife.“

Einer der ersten Dienstwege führte daher ins Polizeirevier. Auch ein Termin mit dem Oberbürgermeister ist schon vereinbart. Normalerweise, sagt die Direktorin, hätte sie ja zur Amtsübernahme ein kleines Fest gegeben. Aber die Regeln zur Eindämmung von Covid-19 verhinderten das. Nun finden eben viele persönliche Gespräche statt: „Das dauert dann zwar seine Zeit, ist aber intensiver.“ Nach den ersten Wochen sieht sie sich bestätigt, mit dem Wechsel nach Hoyerswerda den richtigen Schritt getan zu haben. Sie fühle sich hier wohl und Kolleginnen sowie Kollegen seien nicht nur sehr freundlich, sondern auch ausgesprochen engagiert.

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