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Bib empfiehlt den Westphalenhof

Das Zeißiger Restaurant ist im Gault Millau und im Guide Michelin gelistet – in Ostsachsen gibt’s wenig Vergleichbares.

Westphalenhof-Gastgeber Oliver Westphal im Wein-Kontor, das auch jetzt geöffnet hat.
Westphalenhof-Gastgeber Oliver Westphal im Wein-Kontor, das auch jetzt geöffnet hat. © Archivfoto: Daniel Reiche

Hoyerswerda/Zeißig. Betreiber von Spitzenrestaurants erwarten jedes Jahr ungeduldig, aber mit gewissem Bangen, Ende November. Dann erscheint der aktuelle „Gault Millau“. Der ist neben dem Michelin (das „Alte Testament“ in Sachen Spitzenküche) der zweite Restaurantführer, das „Neue Testament“, dessen Urteile weltweit anerkannt sind.

In der Gault-Millau-Ausgabe 2019, also für 2020, fand sich, ununterbrochen seit 2015, der Zeißiger Westphalenhof. Im 2019er Buch lobte der Tester „Solides wie eine kräftige Geflügelbrühe mit Rinderzunge“, „butterzart geschmorte kleine Kalbsbäckchen ... mit cremigem Selleriepüree bester Güte“, den „kross gebratenen Saibling ... opulent begleitet von kräftig-sahnigem Paprika-Chorizo-Fond und angenehm bissfesten Gemüsespaghetti aus Süßkartoffel, Möhren und Sellerie in einem Tomatensugo“ – kurz; es gab 14 Gesamtpunkte von theoretisch 20, praktisch aber nur 19 ½ möglichen Punkten – ein Spitzenplatz in Sachsen; in Ostsachsen (sieht man vom „Juwel“ in Schirgiswalde ab) stehen die Zeißiger damit sogar allein.

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Vieles neu – und nicht alles gut

Dann kam Corona. 2020. Und es kam der Gault Millau für 2021, der jetzt als Druck-Ausgabe vorliegt. Manches ist da anders. Das Wenigste ist der Wechsel des Verlages. Statt bei ZS München (seit 2017; vorher seit Start der deutschen Ausgabe 1983 bei Christian) erscheint der Restaurantführer nun bei Burda. Wesentlichste Neuerung: „Die 500 besten Restaurants Deutschlands – und 500 ausgezeichnete Empfehlungen“ verspricht die Eigenwerbung. Wurden bisher über 1.000 Restaurants getestet und bepunktet, sind es jetzt nur noch 500, die mit Punkten bewertet werden. Nach welchen Maßstäben diese Vorauswahl geschieht (vielleicht war wegen corona-bedingter Schließungen keine Zeit für ein Testprogramm wie in den Jahren zuvor?) – das lässt sich nur mutmaßen. Jedenfalls ist der Westphalenhof plötzlich in der Gruppe der punktlosen „zweiten 500“ gelandet. Die Kurz-Beschreibung spricht von „pikantem Paprika-Chorizo-Fond und angenehm bissfesten Gemüsespaghetti aus Süßkartoffel, Möhren und Sellerie“ – das klingt nicht nach einem Testbesuch im letzten Jahr, sondern nach Copy & Paste des 2019er Resultats. Lies weiter vorne. Sei’s drum. Irreführend aber ist der Satz: „Eine Weinkarte gibt es nicht, man wählt direkt aus den Regalen.“ Eine gedruckte Weinkarte existiert tatsächlich nicht, dafür aber vor der Wahl kundig-unterhaltsame Beratung durch Oliver Westphal, gelernter Sommelier und Gastgeber im Westphalenhof, der seine Besucher nicht im Dunklen tappen lässt.

Weinkontor bleibt offen

Das haben die Gault-Millau-Tester seit 2015 stets extra hervorgehoben. An dieser Beratung hat sich nichts geändert. „Direkt aus den Regalen“ wählen darf man im Weinkontor – dort kann man (auch jetzt!) Weine zum Mitnehmen erwerben. Zu Preisen übrigens, deren Kundenfreundlichkeit den Begutachtern seit 2015 immer eine lobende Erwähnung wert war. Auch daran hat sich nach Erleben des Autors 2020 nichts verändert. Nicht ganz ernstes Fazit: Gäbe es Punkte nicht nur für Restaurants, sondern auch für Restauranttests – der Gault Millau 2021 (den man für 39,90 Euro kaufen kann) hätte keine 20 Punkte eingefahren.

Im Zeichen des Reifenmännleins

Aber es gibt ja noch andere Test-Kapazitäten von internationalem Renommee. Beispielsweise den Guide Michelin. Der verleiht den Zeißigern zwar keinen Stern (das entspräche etwa 17 Gaul-Millau-Punkten; gleich gar keine zwei oder drei Sterne (18,5 beziehungsweise 20) – aber einen Bib. Bib ist die Kurzform von Bibendum, dem Werbemännchen des Reifenherstellers Michelin (siehe dazu den Kasten rechts unten). Dessen Spruch „Nunc est bibendum!“ lässt sich sinngemäß übersetzen als „Auf Ihr Wohl!“ oder „Lassen Sie es sich munden“. Der Bib bedeutet also: der Restaurantführer kann sich mit dem so Ausgezeichneten identifizieren. Ausgezeichnet, weil ein Bib 14 Gault-Millau-Punkten entspricht. Das Attribut zum „Bib-Gourmand“-Titel lautet: „Unser bestes Preis-Leistungs-Verhältnis“. Der Guide Michelin empfiehlt im Westphalenhof „Gebratene Garnele und gebackene Praline, Gurken, Erbsen und Krustentiermayonnaise“ oder „Königsberger Klöpse mit Kapern, Rote Bete und Kartoffelpüree“. Das alles stand 2020 wirklich auf der Speisekarte und ist die Empfehlung wert.

Nr. 27 und eine Gänsegeschichte

Die Quintessenz liest man auf der Website „Restaurant Rangliste“, die die Wertungen des Guide Michelin, des Gault & Millau und von Varta startip addiert und so eine ziemlich ausgewogene Quersumme vorlegen kann. Die heißt im Falle des Westphalenhofes: Rang 27 der sächsischen Restaurants, Platz 1.006 in Deutschland und 7.320 weltweit; Prädikat „ambitioniert“.

Leider ist das alles momentan nur eine Erinnerung an Vergangenes beziehungsweise (hoffentlich!) Zukunftsmusik, denn unter das Corona-Verdikt fällt ja die verlängerte Zwangsschließung der Gaststätten. Eine Ausnahme für Westphalenhof-Anhänger gab’s nur zu Weihnachten: Da konnte man ein vorbereitetes Menü (Gans) zum Zuhause-Fertig-Kochen erwerben. Vielleicht gibt es zum Valentinstag eine ähnliche Aktion. Und das Weinkontor an der Dorfaue 43, bleibt, wie erwähnt, weiter auf Kunden eingestellt: Vorgeschmack und Verheißung auf bessere Zeiten.

Wie Michelin zu Bib(endum) kam:

Firmengründer Édouard Michelin sah auf der Weltausstellung 1894 in Lyon einen Stapel in weiße Stoffhüllen verpackte Autoreifen mehrer Größen und sagte seinem Bruder André: „Wenn er Arme hätte, sähe er fast wie ein Mensch aus.“ Dann erinnerte er sich an ein Plakat, das einen beleibten Bayern zeigte – mit einer Maß Bier und dem Spruch „Nunc est bibendum!“ („Jetzt lasst uns trinken!“). Aus Reifenstapel und Spruch wurde das Michelin-Männchen. Quelle: Wikipedia

Die Zeißiger haben die Lockdown-Zeit genutzt, um den Thekenraum völlig neu zu gestalten.
Die Zeißiger haben die Lockdown-Zeit genutzt, um den Thekenraum völlig neu zu gestalten. © Foto: Westphalenhof
Manches Gericht aus der Sterneküche sieht eher gewöhnungsbedürftig, snobistisch und fehldimensioniert aus: riesiger Teller mit kaum was Essbarem drauf. Ganz anders im Westphalenhof: Lachs Supreme sind kulinarische Genüsse und obendrein Augenweiden par exc
Manches Gericht aus der Sterneküche sieht eher gewöhnungsbedürftig, snobistisch und fehldimensioniert aus: riesiger Teller mit kaum was Essbarem drauf. Ganz anders im Westphalenhof: Lachs Supreme sind kulinarische Genüsse und obendrein Augenweiden par exc © Foto: Westphalenhof

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