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„Christ sein heißt: sich engagieren und einmischen“

Jette Förster, Elisabeth Schulze und Lukas Pellio teilen sich den Pfarrdienst in vier Gemeinden in Spremberg und Umland

Seit Mai teilen sie sich den Pfarrdienst in Spremberg und Umgebung. Ende September war ihre feierliche Einsegnung. Die drei jungen Pfarrer in Entsendung Elisabeth Schulze, Jette Förster und Lukas Pellio (zu sehen v. li. n. re.) verantworten acht Gottesdi
Seit Mai teilen sie sich den Pfarrdienst in Spremberg und Umgebung. Ende September war ihre feierliche Einsegnung. Die drei jungen Pfarrer in Entsendung Elisabeth Schulze, Jette Förster und Lukas Pellio (zu sehen v. li. n. re.) verantworten acht Gottesdi © Foto: Andreas Kirschke

Ein fester Termin ist für sie der Dienstagmorgen: „Wir kommen zusammen, beraten alle wichtigen Termine für die Woche; erzählen, was uns bewegt“, schildern Jette Förster (31), Elisabeth Schulze (32) und Lukas Pellio (34). Seit Mai teilen sie sich den Pfarrdienst in Spremberg und Umgebung. Im September war ihre Einsegnung. Die drei jungen Pfarrer in Entsendung verantworten die Gemeinden Michaeliskirche und Kreuzkirche Spremberg, Groß Luja-Graustein und Klein Döbbern mit insgesamt sieben Kirchen. Immens ist ihr Wirkungskreis. „Wir sind mitten in der Kennlern-Arbeit“, unterstreicht Jette Förster.

Sie sind aus Wörmlitz bei Halle ...

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Kennen und schätzen lernten sich die drei im Predigerseminar in Wittenberg während ihres Vikariats. Jette Förster stammt aus Wörmlitz bei Halle (Saale). Mit zehn Jahren wurde sie getauft. „Zum Glauben zu finden, das war für mich nicht nur eine Entscheidung. Zum Glauben zu finden, das ist für mich wie ein Entdecken, ein Prozess, ein Sich-klar-Werden, ein immer wieder Gott neu spüren. Auf diesem Weg möchte ich auch heute Menschen begleiten.“ Lange wollte sie Kamerafrau werden, aber dann entschied sie sich dafür, Evangelische Theologie zu studieren, und zwar in Göttingen, Makumira (Tansania) und Jena. „Das Schöne am Pfarrberuf ist, dass ich dort den Freiraum habe, meine Fähigkeiten einzubringen. Gerade sind wir zum Beispiel dabei, einen Krippenspiel-Film für Heiligabend zu drehen. Plötzlich bin ich wieder Kamerafrau.“

... aus Friedewald bei Dresden ...

Elisabeth Schulze stammt aus Friedewald bei Dresden. In Leipzig, Heidelberg, Kyoto (Japan) und Berlin studierte sie Evangelische Theologie. Ursprünglich sollte es Psychologie sein, doch in einem Praktikum in der Gefängnisseelsorge wurde ihr klar: „In der Seelsorge kann ich Menschen ohne den Zwang zur Diagnose begegnen. Ich mag es, Menschen ergebnisoffen zu begleiten.“ Der Gefängnisseelsorge ist sie bis heute verbunden. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Vorstand des Vereins Kirche im Gefängnis. „Als Kirche haben wir eine besondere Aufgabe, an der Seite derer zu sein, die hinter Mauern aus unserem Blick verschwinden“, meint Elisabeth Schulze. Beim Studium entdeckte sie ihre Freude am Gestalten der Gottesdienste. „An der Humboldt-Uni Berlin gab es in einem Semester die Predigtreihe «Sündenregister»“, entsinnt sie sich. Mit Lukas Pellio und anderen Studenten gestaltete sie zusammen einen Anti-Rassismus-Gottesdienst. „Dieses Thema ist auch weiterhin hoch aktuell – gerade in unserer Kirche heute, in der weiße Menschen den Ton angeben und die Verstrickungen in koloniale Strukturen kaum aufgearbeitet sind“, betont Lukas Pellio

.... und aus Winningen bei Koblenz

Er stammt aus dem Weinort Winningen nahe Koblenz an der Mosel. Zugang zum Glauben fand er vor allem durch katholische Christen. „Ich war in der KSJ, der Katholischen Studierenden Jugend. Das war eine sehr politische Jugendarbeit. Gott lernte ich damals auf der Straße kennen“, erinnert er sich. „Wir fuhren zur Blockade von Castor-Transporten, wir demonstrierten vor Militärstützpunkten. Ich lernte damals: «Christ sein heißt: sich engagieren und einmischen.».“ In Marburg, Groningen (Niederlande) und Berlin studierte er später Evangelische Theologie.

Bei allen dreien war es ein langer Weg, bis sie sich entschlossen, Pfarrer zu werden. Im zweijährigen Vikariat trafen sie sich einmal im Monat zum Predigerseminar in Wittenberg. „Unsere praktische Ausbildung“, resümiert Elisabeth Schulze das gemeinsame Lernen mit Jette Förster und Lukas Pellio. „Das gemeinsame Lernen, Ausprobieren und Leben hat mich sehr bereichert. Dort trafen verschiedene Frömmigkeiten und politische Überzeugungen aufeinander. Das hat meinen eigenen Standpunkt gefestigt oder auch verändert.“

Beim Predigerseminar in Wittenberg spürten sie: die Suche nach Gott und der Einsatz für die Mitmenschen verbindet die drei stark miteinander. Jeder brachte sich auf die eigene Weise bei den Diskussionen ein. Jeder schilderte Erfahrungen aus der eigenen Kirchengemeinde: Jette Förster aus Jena-Winzerla und dem Evangelischen Studentenhaus Karl von Hase, Elisabeth Schulze aus der Johanneskirche in Berlin-Schlachtensee, Lukas Pellio aus der Kapelle der Versöhnung am früheren Mauerstreifen Berlin Bernauer Straße. Als Team, so spürten sie, sind sie beständig und kreativ. Sie ergänzen sich gut und bestärken sich gegenseitig. Der Wunsch zum Teampfarramt reifte heran. „Spremberg stand durch die Entscheidung der Landeskirche mehr oder weniger fest. Wir hatten das gute Grundgefühl: wir können es wagen.“

Im Hoyerswerdaer Lessing gelernt

In Spremberg arbeiten sie eng mit dem jungen Kantor Ric Reinhold, der einst am Lessing-Gymnasium Hoyerswerda lernte, zusammen. Immer wieder gestalten sie gemeinsam mit ihm die Gottesdienste. Elisabeth Schulze zehrt vor allem von der gemeinsamen Gottesdienstvorbereitung: „Wir kommen da mit verschiedenen Perspektiven auf den Gottesdienst zusammen. Ric eher von der Musik und den Liedtexten her, ich mehr aus der Predigt heraus. Wenn sich das dann zusammenfügt, ergeben sich oft ganz neue Einsichten, die man allein gar nicht haben könnte. Ich glaube, das merkt auch die Gemeinde.“ In der Corona-Zeit mit ihren Einschnitten und Begrenzungen bestärkt sie immer wieder die gute Zusammenarbeit mit dem Kantor. Für jeden Gottesdienst findet er eine treffende Lösung. „Entweder er singt einzeln. Oder wir wechseln uns singend ab. Oder die Gemeinde spricht den Text auf die Melodie. Oder wir summen.“

„Hass schadet der Seele“

Allen drei ist es wichtig, über die Gemeindegrenzen hinaus zu wirken. „Wir sind Pfarrer für die ganze Stadt, und wir wollen unsere christlichen Überzeugungen auch hörbar machen. Dazu gehört für uns unbedingt der Einsatz gegen Antisemitismus“, sagt Lukas Pellio. Zum 9. November starteten sie daher ein Projekt. Befragten Zeitzeugen zu den Ereignissen der November-Pogrome in Spremberg 1938, forschten in Archiven und Zeitungsartikeln, stießen auf viele Lebensgeschichten von Juden, die im Nationalsozialismus aus Spremberg vertrieben wurden. Mit einer bunten Gruppe Spremberger drehten sie einen Film, der an diese Menschen erinnert. An der Kreuzkirche brachten sie das Banner „Hass schadet der Seele“ an. Der Film ist auf YouTube in ihrem Kanal „Gott in Grodk“ zu sehen (Grodk, „Stadt“ ist der sorbische Name Sprembergs). Unter dem gleichen Titel sind sie auch in ihrem Podcast zu hören.Als gemeinsames Projekt verbindet die drei jungen Pfarrer zugleich die Arbeit mit den 45 Konfirmanden in Spremberg und Umland. Einen Sonnabend im Monat kommen alle zusammen.

Maria hatte es sich anders vorgestellt

Weihnachten, so meinen sie, wird dieses Jahr stiller und innerlicher als sonst. „Wir halten die Kirchen offen. Jeder kann dort Einkehr zum Gebet halten“, sagt Jette Förster. Gottesdienste werden auf dem Marktplatz und auf der Freilichtbühne gefeiert. Die Stadt Spremberg und die Kirchengemeinden stehen zu diesem Vorhaben. „Weihnachten fällt nicht aus. Es wird nur anders“, meinen die drei jungen Pfarrer. „Auch Maria hatte sich die Geburt ihres Kindes sicherlich anders vorgestellt.“

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