merken
PLUS Hoyerswerda

„Da muss man doch helfen!“

Ein Mann in einer hilflosen Lage. Andere Passanten schauten weg. Lena Blinzler nicht.

Lena Blinzler wohnt in Spremberg und arbeitet in der Kulturfabrik Hoyerswerda. Die 21-Jährige, hier unweit ihrer Arbeitsstelle vor dem Hoyerswerdaer Altstadt-Markt/Rathaus zu sehen, hat einen hilflosen Mann unterstützt. Für die junge Frau ist das selbs
Lena Blinzler wohnt in Spremberg und arbeitet in der Kulturfabrik Hoyerswerda. Die 21-Jährige, hier unweit ihrer Arbeitsstelle vor dem Hoyerswerdaer Altstadt-Markt/Rathaus zu sehen, hat einen hilflosen Mann unterstützt. Für die junge Frau ist das selbs © Foto: Silke Richter

Von Silke Richter

Spremberg/Hoyerswerda. Kalter Novemberwind fegt an jenem Montagnachmittag über die Straßen. Lena Blinzler ist von ihrer „Schicht“ in der Hoyerswerdaer KulturFabrik nach Spremberg, wo sie wohnt, zurückgekehrt und nun auf dem Weg in einen Supermarkt. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtet die 21-Jährige wie plötzlich in der Nähe der Schwimmhalle ein Mann an einer Laterne in sich zusammensackt.

Anzeige
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?

Das therapeutische Gesundheitszentrum von PPS Medical Fitness in Dresden bietet modernste Möglichkeiten. Hier bringt Arbeiten Spaß und Erfüllung.

Als die junge Frau sich nähert, erkennt sie einen in sich gekauerten Herren mittleren Alters. Neben ihm zwei Schnapsflaschen. Er weint und schluchzt; versucht, sich mitzuteilen, als Lena Blinzler ihn behutsam fragt, was denn passiert sei. Es gelingt ihm nicht. Er nuschelt, trinkt etwas Schnaps, weint, schluchzt und erzählt, dass er alles verloren habe. Immer wieder. Die 21-Jährige versucht, den Mann aufzurichten und ihn zu einer nahen gelegenen Bank zu begleiten. Der Mann will nur noch sterben. Er sehe keinen Sinn mehr in seinem Leben, sagt er mit verschwommenem Blick und tränenerstickter Stimme. Die junge Frau versucht, ihm gut zu zureden und ihn zu beruhigen. Das hilft. Der Mann scheint sich gefangen zu haben. Lena Blinzler verabschiedet sich.

Schlechtes Gewissen lässt nicht los

Doch das schlechte Gewissen läuft ihr nach. Nach etwa fünf Metern entschließt sie sich zurückzukehren. Sie telefoniert mit ihrer Mutter, um sich Rat zu holen. Kauft Mineralwasser, bringt es dem Mann und nimmt ihm die Schnapsflaschen weg. Er lässt alles wortlos geschehen. Er kann die Selterflasche mit seinen zittrigen Händen kaum halten. Was er aber klar und deutlich formulieren kann: „Danke, dass du da bist“. In seiner Stimme schwingt auch Erleichterung mit. Lena Blinzler verständigt die Polizei. Innerhalb weniger Minuten sind die Beamten vor Ort und nehmen sich des hilfsbedürftigen Mannes an. Sie schicken Lena Blinzler nach Hause.

„Wieder nur ein Trinker!“?

Für die 21-Jährige ist der Fall jetzt eigentlich erledigt. Sie weiß, dass der Mann jetzt in guten Händen ist und ihm geholfen wird. Vom Balkon in ihrer Wohnung kann sie beobachten, wie ein Rettungshubschrauber den Mann abholt. Bis dato hat sie nichts mehr über jenen unbekannten Mann erfahren können. Sie weiß leider nicht wie es ihm geht und ob er die Krise gut überstanden hat. Was sie auch sehr beschäftigt, ist die Tatsache, dass keiner der Vorbeieilenden auch nur einen winzigen Versuch unternahm, dem Mann helfen zu wollen. Dabei herrschte zu dieser Tageszeit am Ort des Geschehens reger Verkehr. Doch mehr als ein paar verstohlene Blicke hatten Passanten und Autofahrer nicht übrig. Vielleicht dachten einige: „Wieder nur ein Trinker!“ Ihre Beweggründe bleiben ein Geheimnis. Solches Wegschauen ist für Lena Blinzler völlig unverständlich. „Das war kein Mensch, der Freude am Leben und am Alkohol hatte. Ihm ging es offensichtlich sehr schlecht. Da kann man doch nicht einfach vorbeigehen und so tun, als ob nichts passiert ist. Da muss man doch helfen“, meint die 21-Jährige, die sich nicht weiter ausmalen möchte, was sich der Mann im schlimmsten Fall ohne Hilfe angetan hätte.

Mehr zum Thema Hoyerswerda