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Hoyerswerda

Dann herrschte Totenstille

So erlebte der Lautawerker Gisbert Schulze als 15-Jähriger das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Dieses Foto von Gisbert Schulze und Gabriele Schluttig wurde 2019 vor der ehemaligen Nordschule in Lauta aufgenommen. Der Vater von Gisbert Schulze war hier Lehrer, er unterrichtete Deutsch, Geschichte, Erdkunde.
Dieses Foto von Gisbert Schulze und Gabriele Schluttig wurde 2019 vor der ehemaligen Nordschule in Lauta aufgenommen. Der Vater von Gisbert Schulze war hier Lehrer, er unterrichtete Deutsch, Geschichte, Erdkunde. © Foto: privat

Gisbert Schulze ist ein ehemaliger Lautawerker, geboren im Jahr 1930. Er wohnt heute mit seiner Frau Gladys in Costa Rica. 2019 waren beide bei Familie Schluttig in Lauta zu Besuch. Gemeinsam wurde ein Spaziergang durch den Ort unternommen, um all die Stätten zu besuchen, die er noch kannte. Im Alter von 15 Jahren gehörte Gisbert Schulze zu Hitlers letztem Aufgebot. Wie er das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte, schildert der heute 91-Jährige im Folgenden:

Anfang Mai 1945 erfolgte in Pirna Sonnenstein für die Jüngsten das letzte Aufgebot. Am 7. Mai nachmittags rückte ich, bewaffnet mit einem Sturmgewehr und einem 9 mm russischen Revolver auf dem Fahrrad vor den anrückenden Russen nach Aussig (heute Ústí nad Labem) vor. Um Mitternacht stellte ich in Aussig das Fahrrad ab und stieg auf einen Militär-Lkw, der in einer langen Kolonne Richtung Leitmeritz (heute Litoměřice) fuhr. Am Morgen des 9. Mai wurden wir bei einer Ortsdurchfahrt von den Dächern aus beschossen. Ein mitfahrender Flammenwerfer fackelte einige Häuser ab, und die Schützen wurden gehängt. Auf einigen Lkw waren jetzt Tote, verwundete Soldaten und Frauen.

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Auf einem großen Freigelände zwischen Leitmeritz und Teplitz (heute Teplice) stoppten einige hundert Fahrzeuge nach einem Durchruf „es sei Waffenstillstand“. Alle Deutschen, die sich nach Mitternacht noch auf tschechischem Gebiet befinden würden, werden gefangen genommen. Plötzlich begannen Fahrzeuge durch Eiergranaten, die in Kästen lagerten, zu brennen. Auch ich nahm zwei Granaten und beteiligte mich, nachdem ich Waffen auf die Lkw warf. Danach lief ich wie alle anderen in Richtung Grenze.

Ich hielt mich abseits der Massen und kam an ein einzelnes Gehöft ohne Bewohner. Nur ein Pferd war da, aber das Aufsteigen misslang. Plötzlich kamen drei Landser vorbei. Zu meiner Überraschung waren es zwei Lautawerker, die bei meinem Vater mal zur Schule gegangen waren, und ein Freitaler. Wir liefen zusammen bis zum späten Abend, meistens im Schutz von Bewaldung, weiter, vorbei an vielen Leichen. In einem Schuppen fanden wir wenige Stunden Schlaf. Bei Morgengrauen ging es weiter in Richtung Olbernhau. Erneut nächtigen wir in einem leeren Einzelhaus am Wald. Hinter dem Haus lagen Tote.

Am 11. Mai morgens, es war sehr warm, liefen wir weiter und kamen gegen Mittag zu einer langen Einfahrt eines fabrikähnlichen Gebäudes. Davor parkte ein leerer DKW mit Militärständer und einem großen Stalin-Bild vor dem Kühler. In sicherer Entfernung hörten wir Gegröle, vermutlich von betrunkenen Soldaten. Der Freitaler startete den DKW, und wir fuhren los Richtung Freiberg/Freital. Erst unterwegs fanden wir zwei russische Uniformjacken und einen Gurt mit Revolver.

Nach einigen Kilometern begegneten wir den ersten Militärfahrzeugen. Unser Fahrer hatte eine erdbraune Uniformjacke an, sodass wir nicht auffielen. An Kreuzungen standen weibliche Militärposten, die uns mit ihren rot-gelben Flaggen durchwinkten. Ohne jegliche Behinderung kamen wir zum Elternhaus des Freitalers, aber bereits nach zehn Minuten Aufenthalt fuhren wir weiter in Richtung Dresden.

Der Freitaler wollte den DKW in Neustadt verstecken. Wir fuhren am Terrassenufer entlang bis zur einzigen befahrbaren Brücke, als ein entgegenkommender Militärkonvoi vor uns auf die Brücke fuhr. Sprachlos reihten wir uns ein, bis der Konvoi stoppte und die Spitze wohl kontrolliert wurde. Die Russen sprangen aus den Fahrzeugen, vielleicht, um eine Zigarette zu rauchen. Aber wir gerieten in Panik, scherten aus und fuhren an der Kolonne entlang. Ich saß hinter dem Fahrer und hörte Trillerpfeifen und die Rufe „stoi, stoi“. Aber unser Wagen stoppte nicht. Es fielen Schüsse. Ich spürte einen Schlag am Fuß, und gleichzeitig fuhren wir gegen den hohen Bordstein. Eine Soldatin hatte sich bäuchlings auf die niedrige Motorhaube geworfen und ballerte mit einer Kalaschnikow. Geduckt sah ich den Fahrer sterben, mein Nebenmann schrie.

Dann war Totenstille und rundherum waren Soldaten. Ab 18 Uhr war Ausgehverbot und es war jetzt sicher etwa 20 Uhr. Man zog die beiden leblosen Körper der vorderen Insassen heraus, dann mich und meinen Nebenmann, der noch stöhnte. Plötzlich fanden sie die Uniformteile und unsere Waffen und begannen, uns mit Gewehrkolben zu schlagen und mit Füßen zu treten. Ich stellte mich zunächst tot mit der Idee, in die nahe Elbe zu springen. Aber nach den Schlägen zuckte ich und man zog mich am Braunhemdkragen hoch. Ein Soldat zog seinen Revolver, trat mir ins Hinterteil und wollte mit mir an den anderen Straßenrand, als eine Russin mich in reinem deutsch nach dem Namen fragte und den Soldaten wirsch zur Seite befahl. Ich stand wohl unter Schock und fand meinen Namen nicht. Nachdem sie, nicht unfreundlich, auf mich einredete und nach dem Alter fragte, stammelte ich: Franz Meier, 15 Jahre.

Langsam wieder die Kontrolle erlangend, erzählte ich ihr, dass ich in dem Chaos auf der Flucht vor Tagen von Mutter und Geschwistern getrennt worden war. Das Auto hätte gestoppt und die «unbekannten» Insassen mich mitgenommen. Ich sei seit Tagen hungrig. Wegen des Schmerzes im linken Fuß konnte ich nicht stehen und gehen. Die russische Offizierin beorderte einen Soldaten mit Fahrrad, der mich auf der Querstange sitzen ließ und mich so in die Nähe des Neustädter Bahnhofs in einem Haus voller Militär ablieferte. Mit Wasser und etwas Brot und einem Stück Wurst sperrte man mich wortlos ein.

Am 12. Mai morgens wurde ich auf die gleiche Weise in eine Villa in der Bautzener Straße, Abzweig Radeberger Straße gebracht, dort residierte die NKWD. Es folgte wieder ein Verhör. Ich machte die gleiche Aussage, wobei ich den Wohnort Hoyerswerda angab. Mehr wurde nicht gefragt. Dann kam ich in einen Kellerraum, der voll mit meist älteren Männern war. Es war so eng, dass nur einige sitzen konnten. Es gab nur eine kleine Fensterluke und wenig Sauerstoff. Es stank bestialisch. Erst hier konnte ich die verformte Kugel aus meinem Fuß entfernen. Sie war von hinten ins Auto, durch den Sitz und den Absatz meines Knobelbechers quasi unter die Haut eingedrungen. Die Lymphdrüsen waren Ei-groß geschwollen. Erst am Nachmittag wurden wir in den mit Büschen bewachsenen Garten zum «Abort» geführt.

Es war Pfingstmontag, der 21. Mai, der Posten saß auf der anderen Mauer mit einem Plattenspieler und trällerte „und der Himmel hängt voller Geigen und der Frühling blüht in den Zweigen ...“. Ich bewegte mich in Sitzhaltung zur anderen Seite und floh unbemerkt durch eine Maueröffnung. In der Nähe verkroch ich mich unter eine zerbombte Gartenlaube und lief dann weiter nach Klotzsche. Ich schaffte es gerade noch vor der Sperrstunde, in ein bewohntes Gehöft zu kommen. Dann konnte ich noch sagen, dass ich vor den Russen flüchte und verlor das Bewusstsein.

Am nächsten Morgen erwachte ich auf einem Heuboden und erhielt von den hilfsbereiten Leuten ein Frühstück. Noch schwach auf den Beinen lief ich die 60 Kilometer nach Lautawerk. Immer im Sicherheitsabstand von der Landstraße, auf der lange Kolonnen Gefangene unter starker Bewachung in Richtung Lager Nardt/Hoyerswerda getrieben wurden. An den Straßenrändern blieben Erschossene und Lahme oder Verwundete zurück.

Kurz vor Mitternacht erreichte ich unser Zuhause. Meine Mutter, seit kurzem von der Flucht zurück, hauste mit den vier Geschwistern im Keller. Die oberen Räume waren von zwei russischen Offizierspaaren beschlagnahmt worden.

Nach vier Wochen wurde ich von der ungewaschenen Kleidung erlöst.

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