SZ + Hoyerswerda
Merken

Demokratie muss noch viel weiblicher werden

Im Schloss Hoyerswerda ging es in einer Gesprächsrunde um sächsische Frauen in der Politik.

 3 Min.
Teilen
Folgen
Die Gesprächsrunde zum Thema „Demokratie ist weiblich - Sächsische Frauen in der Politik“ im Hoyerswerdaer Schloss moderierte Dr. André Fleck (v. l.). Im Podium saßen Dorit Baumeister und Prof. Dr. Ray Kollmorgen.
Die Gesprächsrunde zum Thema „Demokratie ist weiblich - Sächsische Frauen in der Politik“ im Hoyerswerdaer Schloss moderierte Dr. André Fleck (v. l.). Im Podium saßen Dorit Baumeister und Prof. Dr. Ray Kollmorgen. © Foto: Katrin Demczenko

Von Katrin Demczenko

Hoyerswerda. Frauen entscheiden in Politik und Gesellschaft immer noch nicht paritätisch mit. Das gilt im Bundestag, in ost- wie westdeutschen Länder- und in Kommunalparlamenten. Im Hoyerswerdaer Stadtrat zum Beispiel sitzen 30 Abgeordnete, wovon sieben Frauen sind, sagte Dorit Baumeister im Schloss Hoyerswerda beim Gespräch zum Thema „Demokratie ist weiblich - sächsische Frauen in der Politik“.

Dorit Baumeister ist Architektin, war Citymanagerin in Hoyerswerda und hat 2020 mit elf Prozentpunkten die Wahl zur Oberbürgermeisterin gegen Torsten Ruban-Zeh (SPD) verloren. Im Wahlkampf hat die parteilose Bewerberin den Menschen ihre Ziele genau erläutert, war Zweite in Runde 1 und 2. Dabei unterlag sie der Macht der SPD und ihrer Vernetzung in der Stadt, meint Baumeister. In Weißwasser leitet sie nun seit acht Monaten als erste Frau und ohne Erfahrung in der Kommunalverwaltung das Referat Bau. Sie verlangt von ihren Mitarbeitern aktives Mitdenken und hätte im Stadtrat gern eine transparentere Kommunikation. „Wer Dinge verändern will, braucht Macht und muss Gegenwind aushalten“, benennt die Baureferatsleiterin eigene Erfahrungen. Dorit Baumeister beobachtet auch durch den Strukturwandel forciert eine Verhärtung der Fronten zwischen den Städten, denn jede denkt nur an das eigene Fortkommen. „Das wird der Lausitz noch auf die Füße fallen“, ist die engagierte Frau sicher.

Der zweite Gast des Abends im Schloss, der Prorektor Forschung der Hochschule Zittau/Görlitz, Prof. Dr. phil. habil. Raj Kollmorgen, bestätigt diese Beobachtungen durch die Studie „Demokratie braucht Demokratinnen“, die er mit Dr. phil. Hanna Haag erstellt hat. Diese wurde von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert.

Betrachtet wird in der Studie, wie in Ost- und Westdeutschland sozialisierte Frauen ihre Mitwirkungsmöglichkeiten in Politik und Gewerkschaften sehen und welche kulturellen, strukturellen und institutionellen Barrieren sie behindern. „Die immer noch tradierten Rollenbilder von Mann und Frau erschweren dem weiblichen Geschlecht den Zugang zu Ämtern, und Mütter haben zusätzlich das zeitliche Problem, Beruf und Familie zu vereinbaren“, sagt Prof. Dr. Kollmorgen.

Korina Jenßen, die bei der Stadt Hoyerswerda den Bürgerhaushalt betreut und Gleichstellungsbeauftragte ist, kennt das Problem. Weil ihr Mann in Schichten arbeitet, Kindereinrichtungen festgelegte Öffnungszeiten haben und die Großeltern nicht um die Ecke wohnen, muss sie jetzt ihr Ehrenamt im Kleingartenverein niederlegen. Nur so kann sie ihre eigene Situation entspannen. Als Gleichstellungsbeauftragte vernetzt sich Korina Jenßen mit Organisationen und Vereinen, um langfristig mehr Frauen ein Mitwirken in der Gesellschaft zu ermöglichen. Auf der Internetseite der Stadt stellt sie ihre Aufgaben vor und veröffentlicht Adressen, wo Frauen Hilfe bekommen können. Als Gleichstellungsbeauftragte wünscht sich Korina Jenßen vor allem in der Verwaltung mehr Akzeptanz.

Männernetzwerke funktionieren oft machtorientiert, und die Mitglieder nutzen sie zur Umsetzung eigener Ziele, erklärt Prof. Kollmorgen. Frauen stärken sich in ihren Netzwerken eher den Rücken und wollen ihre Positionen in sachlichen Diskussionen durchsetzen. Sie hinterfragen auch öfter als Männer, ob sie einem Amt gewachsen sind. Zur Bestätigung dieses Fakts sagt Prof. Kollmorgen: „Nur acht Prozent der sächsischen Oberbürgermeister sind Frauen.“ So komme es, dass vorwiegend Männern in politischen Gremien Beschlüsse fassen und die Wünsche des weiblichen Geschlechts nur wenig beachten. Am Ende hemme das die Entwicklung der gesamten Gesellschaft. Klare Regelungen wie die Frauenquote werden langfristig Veränderungen bewirken, Männer müssten diese aber mittragen, sagt Prof. Kollmorgen.

Die mager besuchte Veranstaltung im Schloss haben die Volkshochschule und die Landeszentrale für politische Bildung in der Reihe „Kontrovers vor Ort“ organisiert.