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Den Wandel im Kirchkreis selbst gestalten

Superintendent Dr. Koppehl sprach im Kinghaus über die Situation der Kirchgemeinden.

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Im Anschluss an das Friedensgebet am Dienstagabend fand im Kinghaus eine Gesprächsrunde mit Superintendent Dr. Thomas Koppehl statt.
Im Anschluss an das Friedensgebet am Dienstagabend fand im Kinghaus eine Gesprächsrunde mit Superintendent Dr. Thomas Koppehl statt. © Foto: Katrin Demczenko

Von Katrin Demczenko

Hoyerswerda. Seit nunmehr 35 Jahren lädt die Gruppe „Interessierte Frauen und Männer“ jeden zweiten Dienstag im Monat um 19 Uhr ins Martin-Luther-King-Haus in Hoyerswerda zu Lesungen, Vorträgen und Gesprächen ein. Diese Woche war Dr. Thomas Koppehl, Superintendent des evangelischen Kirchkreises Schlesische Oberlausitz, zu Gast. Er hat über die Situation der hiesigen Kirchgemeinden und das Umgehen mit den sich vollziehenden Veränderungen gesprochen.

Christliche Kirchen in Europa und in allen wohlhabenden Ländern dieser Welt erleben schon seit vielen Jahrzehnten eine sinkende Anzahl von Gemeindegliedern, bringt es Dr. Koppehl auf den Punkt. Und da sich in Sachsen die Schlüsselzuweisungen zur Bezahlung hauptamtlicher Pfarrer, Katecheten, Kantoren und Verwaltungsmitarbeiter nach der Anzahl der Personen in den Gemeinden richtet, ist ihre Anzahl ebenfalls rückläufig.

Der Superintendent stellt fest: „Die Kirche hat eine Identitätskrise.“ Sie übernahm es für Staaten – beginnend beim Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bis zur Naziherrschaft – folgsame Untertanen zu erziehen und karitativ in der Gesellschaft zu wirken. Gott möchte aber von Christen, zuerst den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern der Kirche, etwas anderes. Sie sollen im Gottesdienst, im Gebet, in Musik und Kunst allen Menschen die befreiende Kraft des Evangeliums als Weg zum Frieden verkünden, erklärt Dr. Koppehl. Der Kirchkreis Schlesische Oberlausitz fördert deshalb die Ausbildung von Laien zu Lektoren, die Gottesdienste mitgestalten und den Pfarrer unterstützen.

Ein Pfarrer muss im ländlichen Raum immer mehr Gemeinden betreuen. So findet er kaum noch Zeit, Menschen intensiv zuzuhören oder einfach mal Gäste durch die Kirche zu führen, sagt Irene Hoffmann von der Gruppe „Interessierte Frauen und Männer“. Sie spricht auch vom Chor der Kinghausgemeinde, der zu Gottesdiensten singt und darüber hinaus schöne Auftritte gestaltet. „Ich bitte die Kirchenleitung, dass die Kantorin Simone Weinberg hier erhalten bleibt“, gibt Irene Hoffmann dem Superintendenten mit.

Dieser schätzt ein: Künftig wird es nicht mehr möglich sein, alle Tätigkeitsfelder in jeder Gemeinde in vollem Umfang von Hauptamtlichen abzudecken. Die Gemeindeglieder müssen also entscheiden, ob ihnen die professionelle Arbeit mit Kindern und Senioren oder die Kirchenmusik am wichtigsten ist. Ehrenamtlich engagierte Menschen werden mehr denn je gebraucht, um bisher gewohnte Angebote aufrechtzuerhalten. „Solche Gruppen hat das Kinghaus schon lange“, erklärt die Seniorin Irene Hoffmann. Sie wünscht sich im Namen aller Helfer mehr Wahrnehmung und Unterstützung von der Kirchenkreisleitung.

Dr. Koppehl will deshalb mit regelmäßigen Regionalkonventen die ehemaligen Kirchkreise Niesky, Hoyerswerda, Weißwasser und Görlitz stärken. In Hoyerswerda treffen sich dann zum Beispiel alle hauptamtlichen Mitarbeiter dieser Region, nicht nur die Pfarrer, und bündeln ihre Kräfte für die hiesigen Gemeinden. Nichtkirchliche Gruppen sollen Kirchen und andere Gebäude gegen Entgelt mitnutzen können und so zu ihrem Erhalt beitragen, sagt Dr. Koppehl. Gotteshäuser sind auch wichtige geschichtsträchtige Gebäude und können Teil historischer Touren für Touristen werden. Die Vermarktung wäre über Reisebüros denkbar.

Die Öffentlichkeit muss die Arbeit der Kirchgemeinden viel mehr wahrnehmen. Deshalb wird im Juni 2022 in Görlitz der Lausitz-Kirchentag stattfinden.

Noch bis zum 17. November dauert die ökumenische Friedensdekade „Reichweite Frieden“. Jeden Abend um 19 Uhr findet am Altar des Kinghauses ein Friedensgebet statt, an dem alle Menschen teilnehmen können.