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Der Dauer-Abgeordnete

Ralf Haenel ist jetzt seit 30 Jahren Mitglied im Hoyerswerdaer Stadtparlament.

Ralf Haenel im Garten hinter seinem Haus in der Hoyerswerdaer Altstadt. Im Stadtrat ist er aktuell nicht nur der Vorsitzende der fünfköpfigen Linksfraktion, sondern er gehört auch dem Verwaltungsausschuss sowie dem Finanzausschuss an.
Ralf Haenel im Garten hinter seinem Haus in der Hoyerswerdaer Altstadt. Im Stadtrat ist er aktuell nicht nur der Vorsitzende der fünfköpfigen Linksfraktion, sondern er gehört auch dem Verwaltungsausschuss sowie dem Finanzausschuss an. © Foto: Mirko Kolodziej

Hoyerswerda. Naja, sagt Ralf Haenel, er hätte sich schon irgendwie gefreut, wenn jemand an sein rundes kommunalpolitisches Jubiläum gedacht hätte: „Und wenn es ein Händedruck gewesen wäre“, meint der 71-Jährige. Im Mai hätte es dazu Anlass gegeben, nämlich einen 30. Jahrestag. Ralf Haenel ist Hoyerswerdas dienstältester aktiver Stadtpolitiker. 

Als er 1990 zum Ende der DDR ins Kommunalparlament gewählt wurde, hieß es noch Stadtverordnetenversammlung. Seit 26 Jahren ist Haenel mittlerweile Fraktionsvorsitzender, erst der PDS und seit 2007 der Partei Die Linke.

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„Ich bin ein politisch denkender Mensch. Es ist der innere Drang da, mitzumachen“, sagt er, im Garten seines Hauses am äußersten nordwestlichen Stadtrand sitzend. Seine Frau und er wohnen noch nicht so lange hier, sind erst vor ein paar Jahren aus dem WK I umgezogen. Der Kirschbaum hat dieses Jahr üppig getragen, im Gartenteich tummeln sich die Goldfische und auf der Terrasse steht enkeltauglich ein kleines Trampolin.

Hoyerswerda ohne Zoo?

Ralf Haenel hat schon kommunalpolitische Schlachten geschlagen, als manche seiner heutigen Ratskollegen noch mit dem Roller oder auf dem Dreirad unterwegs gewesen sind. Andere waren gerade einmal so geboren. „Richtig gefreut habe ich mich über die Einigkeit, als Bürgermeister Ahrendt das Schloss verkaufen wollte. Dem wäre auch der Zoo zum Opfer gefallen“, erinnert er sich zum Beispiel an eine Begebenheit von Anfang der 1990er. Eine Altstadt ohne öffentliches Schloss und ohne Zoo? Undenkbar? Es gab eine Zeit, da schien das nicht so. Ralf Haenel war dabei. Immerhin auch schon fast wieder anderthalb Jahrzehnte her ist sein Versuch, Oberbürgermeister zu werden. Im Jahr 2006 war er einer von sechs Kandidaten.

Kindheit mit zwölf Geschwistern

Lange vor Donald Trumps „America first“ zog Haenel damals mit dem Slogan „Hoyerswerda zuerst“ in die Wahl. Doch sie ging für ihn gründlich schief. Haenel wurde mit 12,5 Prozent nur Dritter – und verzichtete darauf, im zweiten Wahlgang anzutreten. „Wenn ich den Rückhalt des Amtsinhabers gehabt hätte, hätte es sicher geklappt“, ist er überzeugt. Doch Parteifreund Horst- Dieter Brähmig (1938 – 2017) setzte lieber auf seinen Büroleiter Sandro Fiebig; und der damals von einem Wahlbündnis aus CDU, SPD, FDP und Freien Wählern getragene Stefan Skora gewann schließlich. Haenel meinte hinterher, Brähmig habe ihm den Gnadenschuss gegeben.

Indes ist er nicht nachtragend. Als er in Dresden aufwuchs, da war er das zweitjüngste von sage und schreibe 13 Geschwisterkindern. „Da lernt man soziales Verhalten“, sagt er. Haenel trat zeitig in die SED ein. Und als die Bäuerliche Handelsgenossenschaft in Hoyerswerda einen Agrotechniker brauchte, kam er 1972 in die Lausitz. Man holte ihn rasch in die SED-Kreisleitung, was ihm nach dem Ende der DDR doppelt auf die Füße fiel. Der studierte Ingenieur fing als Hilfsarbeiter neu an, schaufelte Bahnwaggons leer – mitunter bis zur physischen Erschöpfung. Und als er 1990 in die Stadtverordnetenversammlung kam, hatte die PDS mit 18 Mandaten zwar die zweitgrößte Fraktion nach der CDU. Aber willkommen waren die Genossen ganz und gar nicht: „Wir wurden ausgegrenzt.“

Die Suche nach dem Kompromiss

Nach anderthalb Jahren habe sich das aber gelegt, sagt der 71-Jährige. Das eher versöhnende Wesen des damaligen Fraktionsvorsitzenden Brähmig habe da sicherlich eine Rolle gespielt. In Hoyerswerda sei die Interaktion der unterschiedlichen Fraktionen danach immer kooperativer gewesen als in anderen Städten. Man sei sich bei Weitem nicht immer einig, habe aber meist nach tragfähigen Kompromissen gesucht. Und der Blick ins Rathaus ist zumindest für Ralf Haenel oft mit anderen Gefühlen als mit Neid verbunden. Sicher hätte er als OB manches anders gemacht als Skora. Aber besser? Das könne man nicht wissen. Er sei bei bestimmten schwierigen Sachverhalten mitunter durchaus froh gewesen, nicht im Rathaus zu sitzen.

Nach der Stadtratswahl im vorigen Jahr, sagt Haenel, gebe es aber auch so genügend neue Herausforderungen. Er meint den Einzug der AfD. Sie stellt heute die stärkste Fraktion, was Ralf Haenel erst jüngst sein langjähriges Amt als Aufsichtsrat im Klinikum gekostet hat. Wenn man ihn darauf anspricht, dass die Stadträte der Deutschnationalen sich heute ihrerseits schon mal über Ausgrenzung beschweren, dann meint er, es gebe einen wesentlichen Unterschied. 1990 hätten sich die meisten PDS-Genossen wirklich bemüht, demokratisch mitzumischen. Immerhin seien von den 18 Stadtverordneten der Partei damals 16 vorher nicht politisch aktiv gewesen. Von der AfD hingegen habe er die starke Vermutung, dass „sie nur behauptet, demokratische Ziele zu verfolgen“. Die Wahlperiode des aktuellen Stadtrates steht im Grunde noch am Anfang. Trotzdem darf man einen 71-Jährigen sicher fragen, ob er vor hat, 2024 wieder anzutreten. „Wenn es nach meiner Frau geht: Nein!“ Eine eindeutige Antwort klingt sicherlich anders.

Das Ergebnis der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung vom 6. Mai 1990: CDU 28,7 % (20 Mandate), PDS 26,2 % (18), SPD 23,6 % (17), Freie Demokraten 7,6 % (5), Deutsche Soziale Union 6,0 % (4), Grüne Partei 3,9 % (3), Demokratischer Frauenbund 2,0 % (2), Freie Deutsche Jugend 0,6 % (1)

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